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Per Hand werden die Zwiebeln noch einmal nachgeschält, die letzten unschönen Stellen weggeschnitten. Zuvor werden die Zwiebeln sortiert und rollen ins Herzstück des Betriebs, die Schälmaschine. Leiter Christoph Brohm beobachtet, wie sie dort von der Schale befreit werden. Foto: t&w
Per Hand werden die Zwiebeln noch einmal nachgeschält, die letzten unschönen Stellen weggeschnitten. Zuvor werden die Zwiebeln sortiert und rollen ins Herzstück des Betriebs, die Schälmaschine. Leiter Christoph Brohm beobachtet, wie sie dort von der Schale befreit werden. Foto: t&w

Kein Grund zum Weinen

Lemgrabe. Der Geruch sticht in der Nase, kurz darauf schießen Tränen in die Augen. Minuten vergehen, bis die Wirkung der Zwiebeln nachlässt, das Brennen weniger und der Blick wieder klar wird für einen der größten Zwiebelschälbetriebe Europas. Vor mehr als 30 Jahren hat die Raiffeisen Genossenschaft das Werk in Lemgrabe gebaut, heute werden hier täglich rund 28 Tonnen Zwiebeln sortiert, geschält, geschnitten und verpackt. Kaum geerntet, landen derzeit die frischen Zwiebeln auf den Fließbändern des Schälbetriebs. Ein Werksbesuch mit Betriebsleiter Christoph Brohm.

Die Tür der Hygieneschleuse fällt ins Schloss, aus der Fabrikhalle dröhnt Maschinenlärm. Christoph Brohm geht vorweg, die Haare unter einer roten Schutzhaube, knallblaue Plastiküberzieher an den Füßen. Auch er kämpft mit den Tränen, umso mehr, je näher er den drei Herzstücken des Betriebs kommt. Eine Hand am Treppengeländer steigt er ein halbes Dutzend Gitterstufen hinauf und steht schließlich zwischen zwei von drei Schälmaschinen. Auf Fließbändern rollen kiloweise Zwiebeln an. Der Moment, in dem auch in einem der größten Schälbetriebe Europas Handarbeit gefragt ist.

Verarbeitet werden in dem Lemgraber Schälbetrieb ausschließlich Zwiebeln aus der Region. Und überwiegend diejenigen, die zu groß sind, um als Sackware vermarktet zu werden. „In den typischen Säcken aus dem Supermarkt landen Zwiebeln, die maximal 70 Millimeter Durchmesser haben“, sagt Brohm. Für Übergrößen fehlte früher der Absatz. „Also baute die Raiffeisen den Schälbetrieb.“ Nach der Anlieferung werden die Zwiebeln seitdem sortiert in drei Schritten. „Zuerst werden per Hand Steine und faule Zwiebeln rausgesucht“, sagt Brohm. Danach werden die Zwiebeln maschinell nach Größen sortiert. „Und danach nochmal handverlesen.“

Nach und nach landet die Rohware auf den Fließbändern der Fabrikhalle, mehr als 7000 Tonnen im Jahr. Vor den Schälmaschinen stehen jeweils zwei der 28 Mitarbeiter, mit Kittel, Haube und Lärmschutz. Ihr Job: Jede Zwiebel mit der Wurzel nach oben in eins der unzähligen Löcher des Förderbandes legen. Mit Schale fahren die Zwiebeln danach in einen Kasten aus Metall und kommen ohne wieder raus. Wie das geht, zeigt der Blick hinter die Metallverkleidung.

Kopfüber nähern sich die Zwiebeln, als von oben Messer auf sie hinabsausen. Zwei Schnitte an der Seite, einer oben, einer unten, ein kräftiger Luftzug und die Reise der Zwiebel geht hüllenlos weiter.

Bergab rollen die Zwiebeln zur nächsten Station, Schälkontrolle. Hier müssen sie dem kritischen Blick des nächsten Mitarbeiterteams standhalten, werden per Hand noch einmal nachgeschält. Blitzschnell greifen die Frauen eine Zwiebel, setzen das Messer an und entfernen letzte, unschöne Stellen. „Die Zwiebeln, die ungeschnitten verkauft werden, sind jetzt fertig“, sagt Brohm. Der Großteil rollt weiter direkt ins nächste Messer.

Was dort aus ihnen wird, entscheiden die Kundenwünsche. Zwiebelwürfel 10x10mm, Zwiebelstreifen 10mm, Zwiebelstreifen lang, Zwiebelringe 6mm und Zwiebelringe 2mm möglich ist fast alles im Lemgraber Schälbetrieb. „Zur Haltbarmachung wird ein Teil der Ware auch in Essig sauer eingelegt“, sagt Brohm. Je nach Anforderung. Als Frischware verlassen die verarbeiteten Zwiebel dann das Kühllager und werden irgendwo, in einer anderen Fabrikhalle, Bestandteil eines Fertiggerichtes. Als Zwiebeln, geschält in Lemgrabe.

Christoph Brohm nimmt die Hygienehaube vom Kopf, streift die Schuhüberzieher ab und wischt sich die letzte Träne aus den Augen. Fast 20 Jahre arbeitet er bereits in Lemgrabe, „doch gewöhnen werden sich meine Augen wohl nicht mehr an die Zwiebeln“, sagt er. Damit hat sich auch die letzte Frage erledigt: Denn einen guten Tipp gegen das lästige Augentränen hat ganz offenbar auch der Leiter eines der größten Zwiebelschälbetriebe Europas nicht parat. „Nur wer lange genug in der Halle ist, gewöhnt sich da­ran“, sagt er. Die ersten Minuten sind für fast alle hart und tränenreich.

Im Ostkreis Tradition
Der Zwiebelanbau hat rund um Dahlenburg Tradition, zehn Landwirte erzeugen auf rund 200 Hektar die Rohware für den Lemgraber Schälbetrieb. Gepflanzt werden Zwiebeln ungefähr zur selben Zeit wie Kartoffeln, „entweder als Saat- oder als Steckzwiebel“, sagt Betriebsleiter Christoph Brohm. Steckzwiebeln sind vor der Pflanzung bereits vorgezogen worden und können schon ab Juli geerntet werden, sind ähnlich wie Frühkartoffeln aber auch teurer. Die Ernte der Saatzwiebeln beginnt erst im Laufe des Septembers. Die Erzeugerpreise für Zwiebeln sind ähnlich wie die für Kartoffeln. Zwiebeln gibt es schon seit mehr als 5000 Jahren, früher waren sie in Ägypten so wertvoll, dass man die Heil-, Gewürz- und Gemüsepflanze sogar als Zahlungsmittel nutzte. Bei den Römern gehörten Zwiebeln zu den Grundnahrungsmitteln vor allem bei den ärmeren Menschen, römische Legionäre verbreiteten die Zwiebel in Mitteleuropa. Heutzutage verzehrt jeder Deutsche im Durchschnitt sechs bis sieben Kilogramm Zwiebeln im Jahr.
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