Donnerstag , 29. September 2016
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Jannis Gerling vor dem wasserreichsten Wasserfall Dettifoss im jetzigen Gefahrenbereich. Hier fällt das  Wasser 45 Meter in die Tiefe. Foto: Gerling
Jannis Gerling vor dem wasserreichsten Wasserfall Dettifoss im jetzigen Gefahrenbereich. Hier fällt das Wasser 45 Meter in die Tiefe. Foto: Gerling

Feuer unter dem Eis

jdr Lüneburg/Island. Wie es ist, wenn gewaltig Feuer unterm Eis ist, das erlebte jetzt der Lüneburger Jannis Gerling auf Island. Alle Welt blickt dieser Tage auf den Vulkan Bárdarbunga, der unter Europas größtem Gletscher liegt und bis zu 70 Meter hohe Lavafontänen speiht. Forschern zufolge dürften die Eruptionen noch mehrere Monate andauern.

Der Umweltwissenschaftler Gerling lebt seit April 2014 auf der größten Vulkaninsel der Erde, nahm dort erst an einem Erasmus-Austauschprogramm teil und ging danach auf Rundreise im Inselstaat, der gerade mal rund 326000 Einwohner zählt und wo es immer wieder rumort. Aber: Naturgewalten, die viele Unbeteiligte beängstigen, die internationale Luftfahrt ins Chaos stürzen könnten, wirkten auf viele Einheimische weniger dramatisch als beeindruckend, berichtet der 23-Jährige.

Dabei ist die Sorge nicht unberechtigt: Erst vor vier Jahren hatte der Ausbruch des Eyja­fjallajökull im Norden Islands den internationalen Luftverkehr über Wochen lahm gelegt. Auch Jannis Gerling begab sich jetzt mit gemischten Gefühlen auf die Reise. „Ab Mitte August war in den Medien von mehreren tausend schwachen bis mittelschweren Erdbeben am Vatnajökull, Europas größtem Gletschermassiv, unter dessen Eisdecke zahlreiche Vulkansysteme schlummern, die Rede. Experten am örtlichen meteorologischen Institut bewerteten dies als Indikator für Magmabewegungen, was wiederum einen Ausbruch zur Folge haben könnte.“

Am 19. August habe der isländische Zivilschutz dann die Warnstufe „Rot“ ausgerufen: Der Vulkan bricht aus, der Luftraum ist gesperrt. Zu dem Zeitpunt sei eine Bekannte des Umweltwissenschaftlers mit Freunden im Vatnajökull-Nationalpark unterwegs gewesen. Ihren Erzählungen zufolge erhielten alle zeitgleich eine SMS der isländischen Notrufzentrale „ein seltsamer Umstand, der auch deswegen alle besorgte, weil keiner ein Wort verstand“, fasst Gerling die Situation zusammen. Wenige Minuten später sei die Textnachricht dann nochmal auf Englisch gekommen. Demnach sollten Sperrungen und Evakuierungen in dem Gebiet vorgenommen werden, in dem die Gruppe sich aufhielt.

Auffallend sei jedoch gewesen, dass sich das Unbehagen eher bei den Touristen gezeigt habe. „Alle Isländer, zu denen ich Kontakt hatte, sprachen vielmehr von einem beeindruckenden Naturschauspiel als von einer Gefahr.“ So habe er in einem etwa 60 Kilometer vom Vatnajökull entfernten Ort mit einem Ranger gesprochen, der den weiteren Entwicklungen geradezu mit Vorfreude entgegenblickte. „Die Erdbeben können wir bis hier spüren“, habe der Schutzgebietsbetreuer berichtet, „und ein Freund weiter im Norden hat mir von einer sich bildenden Spalte nahe seines Hauses erzählt. Mal gucken, wie es weitergeht ich finds spannend, sagte er.“

Während seiner Reise habe Gerling auf dem höchstgelegenen und dem aktiven Vulkangebiet am nächsten stehenden Bauernhof des Landes namens Möðrudalur gejobbt. Vor wenigen Tagen sei er erneut am „Tor zum Hochland“ genannten Flecken gewesen, um dessen Besitzer Willy zu besuchen. Zu dem Zeitpunkt hätten den Ort deutlich weniger Touristen als üblich, stattdessen aber zahlreiche Journalisten aufgesucht. „So wenige Gäste habe ich um die Zeit noch nie gehabt. Die haben wahrscheinlich alle Angst völlig unbegründet“, soll Betreiber Willy gesagt haben.

Gerling führt den „isländischen Umgang“ mit der Situation auf die Gewohnheit und eine andere Perspektive auf das Leben im Allgemeinen zurück. „Alle paar Jahre bricht einer der 31 aktiven Vulkane auf der Insel aus“, beginnt er die Zusammenfassung seiner Beobachtungen und fügt hinzu: „So wird Risiko hier generell nicht sehr negativ bewertet, Unsicherheit unserem Verständnis nach, ist für viele Isländer normal und kein Problem, und dass die Natur und das Wetter den Alltag dominieren, ist hier selbverständlich.“

„Wir passen uns den Gegebenheiten an“, zitiert der Wissenschaftler einen Einheimischen, „diese können ja auch eine Chance sein. Wer weiß, was kommt.“