Dienstag , 27. September 2016
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Beihilfe zum Mord: Landgericht Lüneburg prüft Eröffnung eines großen NS-Prozesses

jj Lüneburg. Einer der letzten großen NS-Prozesse wird voraussichtlich am Landgericht Lüneburg verhandelt. Ein 93-Jähriger aus der Lüneburger Heide muss sich wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 300 000 Fällen verantworten. Die Staatsanwaltschaft Hannover klagt das Mitglied der Waffen-SS wegen der Verbrechen im Vernichtungslager Auschwitz an. Gegen den Mann wurde bereits vor dreißig Jahren in Frankfurt ermittelt, das Verfahren wurde eingestellt.

Der 93-Jährige ist ein ehemaliger Freiwilliger der Waffen-SS, versah Dienst im Vernichtungslager. Er soll 1944 in Auschwitz Gepäck neuer Häftlinge weggeschafft haben. Dem Mann sei klar gewesen, dass die als nicht arbeitsfähig eingestuften überwiegend jüdischen Häftlinge nach der Ankunft in den Gaskammern ermordet wurden, teilte die Staatsanwaltschaft am Montag mit. Durch seine Arbeit habe er das systematische Morden unterstützt.
Die Deutsche Presseagentur schreibt: Über die Eröffnung des Verfahrens muss noch die zuständige Schwurgerichtskammer des Landgerichts Lüneburg entscheiden. Bei der Staatsanwaltschaft Hannover mit der Zuständigkeit in Niedersachsen für die Verfolgung von NS-Verbrechen waren insgesamt vier Ermittlungsverfahren gegen SS-Angehörige aus dem Lager Auschwitz anhängig. Drei seien wegen Todes oder dauerhafter Verhandlungsunfähigkeit der Verdächtigen eingestellt worden.
In dem aktuellen Fall lägen bereits 16 Anträge von Überlebenden und Angehörigen der Opfer der sogenannten „Ungarn-Aktion“ vor. Weitere seien angekündigt.
Der angeklagte 93-Jährige soll zwischen Mai und Juli 1944 während der „Ungarn-Aktion“ in Auschwitz an der Bahnrampe im Lagerabschnitt Birkenau beschäftigt gewesen sein. Die Anklage sei wegen der Rechts- und Beweislage auf diesen Zeitraum eingeschränkt worden.
Zwischen dem 16. Mai und dem 11. Juli 1944 trafen in Auschwitz-Birkenau 137 Eisenbahntransporte mit rund 425 000 Menschen aus Ungarn ein. Der Anklage zufolge wurden mindestens 300 000 von ihnen in den Gaskammern getötet. Der 93-Jährige soll nicht nur das Gepäck weggeschafft und damit Spuren für nachfolgende Häftlinge verwischt haben, sondern auch dem Gepäck entnommenes Geld an die zuständige SS-Behörde in Berlin weitergeleitet haben.
Das neue Verfahren beruht auf Vorermittlungen der Zentralstelle für NS-Verbrechen in Ludwigsburg bei Stuttgart. Diese hatten im Februar bundesweit zu zahlreichen Durchsuchungen von Wohnungen ehemaliger SS-Angehöriger geführt. Mehrere Ermittlungsverfahren mussten jedoch eingestellt werden, weil die Beschuldigten nicht mehr verhandlungsfähig sind.