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Bis unter das Dach der Lagerhalle stapelt sich in Holzkisten die Kartoffelernte. Eigentlich könnte Willy Paguhl zufrieden damit sein. Ertrag und Qualität stimmen. Nur die Preise sind so niedrig wie seit Jahren nicht mehr. Foto: t&w
Bis unter das Dach der Lagerhalle stapelt sich in Holzkisten die Kartoffelernte. Eigentlich könnte Willy Paguhl zufrieden damit sein. Ertrag und Qualität stimmen. Nur die Preise sind so niedrig wie seit Jahren nicht mehr. Foto: t&w

Vom Ackergold zur Ramschware

off Wennekath. Donnerstag, kurz nach 19 Uhr, Willy Paguhl drückt den Lichtschalter seiner Lagerhalle. Es ist kühl, die Luft riecht nach Erde, bis unters Dach stapeln sich quadratische Holzkisten, randvoll mit der Kartoffelernte der vergangenen Wochen. Vor einem Jahr hat der Landwirt bei dem Anblick gestrahlt, jetzt ringt sich Willy Paguhl mit Mühe ein müdes Lächeln ab. Nach den Rekordkursen der letzten Saison sind die Kartoffelpreise im Keller. Und zwar so tief wie seit Jahren nicht mehr. Bei fünf bis sieben Euro pro Dezitonne (100 Kilogramm) Speisekartoffeln lag der Preis, als Paguhl das letzte Mal nachgesehen hat. Acht bis zehn Euro bräuchte er, um die Kosten zu decken. Für bis zu 25 Euro hat er seine Kartoffeln vor einem Jahr verkauft.

Es ist wie so oft in der Landwirtschaft: Auf Hoch folgt Tief, auf Rekordhoch Rekordtief. Willy Paguhl baut seit mehr als 40 Jahren Kartoffeln an. „Ich habe mich an die Schwankungen gewöhnt“, sagt er. Den Spaß an der Ernte verdirbt ihm das aktuelle Preistief trotzdem. „Wenn man weiß, dass man den ganzen Tag arbeitet und am Ende noch Geld drauflegen muss, kann einem das schon mal auf die Laune schlagen“, sagt er. Eine Hoffnung allerdings bleibt dem Bauern aus Wennekath: Er kann warten. 1200 Tonnen Kartoffeln passen in seine Halle. 1200 Tonnen, die er einlagert, „bis die Preise hoffentlich besser werden“.

Dass die Preise derart abgestürzt sind, hat vor allem einen Grund: die große Ernte. „Nach einem knappen Angebot im letzten Jahr gibt es jetzt aufgrund der günstigen Witterung und der leichten Ausdehnung der Anbaufläche extrem viele Kartoffeln“, sagt der Marktreferent der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, Dr. Herbert Funk. Und zwar nicht nur in Deutschland, „auch in den Nachbarländern“. Auswirkungen könnte zudem der russische Importstopp haben, „da zusätzliche Kartoffelmengen aus Ländern wie Polen auf den Markt drängen“. Angebot und Nachfrage kippen. In diesem Jahr zum Nachteil der Kartoffelbauern.

Hart trifft es in diesem Jahr auch Biobauern wie Jürgen Lütjens aus Tosterglope. Erst machte ihm und seinem Kollegen Jürgen Schoop die frühe Krautfäule zu schaffen, jetzt sind die Preise auf Rekordtief der letzten zehn Jahre gefallen. Rund 23 Euro gibt es aktuell pro Dezitonne Ökokartoffeln, „zwischen 30 und 35 Euro bräuchten wir, um unsere Kosten zu decken“, sagt Lütjens. Auffangen lassen sich Ertrags- und Preiseinbußen nicht. Wer einlagern kann, lagert ein. Und hofft, dass die Preise bald wieder besser werden.

Ob sich die Hoffnung erfüllt, hängt von vielen Faktoren ab. „Aber oft ist es so, dass sich spätestens ab Neujahr der Markt dreht“, sagt Marktreferent Funk. Zeichnet sich etwa ab, dass wegen der schlechten Preise im nächsten Jahr weniger Kartoffeln angebaut werden, „stellt sich der Markt auf ein knapperes Angebot ein und die Preise ziehen an“. Auch schwierige Auspflanzbedingungen im Frühjahr könnten für einen Preisanstieg sorgen. Hinzu kommt eine Beobachtung, die Funk bei allen Extremjahren gemacht hat. „Knappe Ernten sind meistens länger da als gedacht. Und große Mengen schneller verschwunden als gedacht.“ Mit dem Effekt: Egal, ob extrem hoch oder niedrig die Preise ändern sich wieder.

Doch auch in optimal klimatisierten Hallen können Kartoffeln nicht ewig lagern. „Spätestens im nächsten Frühjahr fangen sie an zu keimen“, sagt Willy Paguhl. Hinzu kommt, „dass es zum Einlagern momentan eigentlich zu warm ist“. Die Folge: „Die Kartoffeln könnten noch früher anfangen zu keimen, Qualität einbüßen und sich entsprechend schlechter vermarkten lassen.“ Der perfekte Verkaufszeitpunkt wird also von mehr als nur dem Preis abhängen. Und für Landwirte wie Willy Paguhl entscheidend sein für das Ergebnis der Kartoffelsaison 2014.

One comment

  1. Joachim von Kienitz

    Als freier Unternehmer muss man damit rechnen, dass der Absatz schwankt. Das ist normal. Das ist kein Grund zum Jammern.