Donnerstag , 29. September 2016
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Fast 500 Menschen demonstrierten gestern in Uelzen gegen Alternativen zur Y-Trasse. In der Stadthalle stellte die Bahn die Pläne vor. Foto: phs
Fast 500 Menschen demonstrierten gestern in Uelzen gegen Alternativen zur Y-Trasse. In der Stadthalle stellte die Bahn die Pläne vor. Foto: phs

Initiativen entfesseln Proteststurm

dth Uelzen. Offenbar hatten die Vertreter der Deutschen Bahn gehofft, die Sache wäre mit der Info-Veranstaltung in Soltau Ende Juli für sie ausgestanden gewesen. Dort hatten sie als Abschluss ihrer „Road­show“, die zunächst für Amts- und Mandatsträger gedacht war, erstmals für interessierte Bürger öffentlich ihre Alternativ-Pläne zur Y-Trasse vorgestellt. Auf Druck des Landkreises Uelzen aber sagten sie nun einem weiteren Info-Abend in der Uelzener Stadthalle zu und begegneten erstmals dem Sturm der Entrüstung jüngst gegründeter Bürgerinitiativen und Aktionsbündnisse gegen die möglichen Neubautrassen durch die Landkreise Harburg, Lüneburg und Uelzen. Für Unmut sorgt außerdem, dass das vom Land moderierte Dialogverfahren, auf das die Bahn bisher immer fleißig hingewiesen hat, nicht wie geplant starten wird.

Nach Polizeiangaben rollten gestern Nachmittag rund 120 Traktoren durch die Uelzener Innenstadt, um mit einem drei Kilometer langen Korso gegen die Pläne der Deutschen Bahn zu demonstrieren. Ihnen schlossen sich zunächst mehr als 500 Demonstranten mit Plakaten und Transparenten an. Insgesamt versammelten sich aber deutlich mehr Menschen vor der Uelzener Stadthalle. Rund 1000 Zuhörer wurden zur Info-Veranstaltung reingelassen, bevor die Halle wegen Überfüllung geschlossen wurde, Hunderte mussten draußen bleiben.

Friedrich-Karl Bodin, Vorstandsmitglied des Aktionsbündnisses für die Ostheide, das zur Demo aufgerufen hatte, freute sich über die Resonanz: „Das ist überwältigend.“ Seine Mitstreiter rief er auf, bei aller Gegnerschaft zu den Neubautrassen-Plänen nicht die Menschen an der alten Y-Trasse zu vergessen und sich solidarisch zu zeigen. Nur gemeinsam könne der „Bahnwahnsinn“ gestoppt werden.

Mit einem Pfeifkonzert empfingen schließlich die Demonstranten die DB-Vertreter, die ebenfalls mit einem solchen Ansturm nicht gerechnet hatten, vor der Halle. Bei der Veranstaltung selbst verwies Michael Baufeld, DB-Sprecher Großprojekte, abermals auf den Dialogprozess des Landes, bei dem sich die Bürger einbringen können.

Die Auseinandersetzung mit den betroffenen Kommunen und Bürgern soll das Land organisieren. Aber: Das Dialogverfahren zu den geplanten Varianten der Y-Trasse wird nicht wie vorgesehen am 1. Oktober starten. Das bestätigte auf LZ-Nachfrage Sabine Schlemmer-Kaune vom Niedersächsischen Verkehrsministerium. „Wir gehen davon, dass der Prozess Ende des Jahres beziehungsweise Anfang kommenden Jahres beginnt.“ Die Ausschreibung für den externen Moderator, den das Land dafür beauftragen will, läuft noch bis zirka Anfang November. Zu der Verzögerung sei es auch aufgrund mangelnder Absprachen zwischen Bund und Bahn gekommen, sagt Schlemmer-Kaune. „Bisher haben wir noch keine genauen Verkehrsprognosen für die verschiedenen Trassenvarianten erhalten.“ Auch liege bisher keine Kosten-Nutzen-Analyse für die vorgeschlagenen Trassen vor. Zu den fehlenden Angaben zu Kosten-Nutzen und Verkehrsaufkommen sagte Baufeld in Uelzen: „Da muss man beim Bundesverkehrsministerium nachfragen, die bearbeiten das.“

Unterdessen hofft die Ministeriumssprecherin, dass die fehlenden Unterlagen im Oktober vorgelegt werden und geht davon aus, dass das Dialogverfahren, das rund ein Jahr dauern soll, 2015 dennoch erfolgreich abgeschlossen werden könne.

Am Ende des Dialogverfahrens, das vor allem in einem rund 80-köpfigen Gremium geführt werden soll, soll schließlich eine Vorzugsvariante benannt werden. Zur Zusammensetzung des geplanten Dialogforums sagte Schlemmer-Kaune: „Wir haben die Landräte der betroffenen Landkreise angeschrieben, uns mögliche Vertreter für das Forum zu benennen. Wir wollen, dass möglichst alle Interessengruppen in dem Gremium vertreten sind.“

7 Kommentare

  1. Sorry, langsam nerven diese selbsternannten Wutbürger. Ein Staat kann nicht mehr funktionieren, wenn jeder nur noch an sich und seine eigenen Interessen denkt. Würde man die bestehende Bahnstecke ausbauen, gäbe es die gleichen Proteste der dann betroffenen Anwohner.

    Ich finde es auch komisch, dass es beim Neubau von Autobahnen deutlich weniger Protest gibt. Hier sieht der Wutbürger dann doch noch einen Nutzen für sich selbst.

    Schreiende Wutbürger haben nur wenig mit Demokratie zu tun.

    • Sorry, Moddel, in Ihrer Wutmail wüten Sie wütendst heraus: „Schreiende Wutbürger haben nur wenig mit Demokratie zu tun.“

      Warum schreien Sie bloß so furchtbar schrill? Sehen Sie – als der sich unfreiwillig entlarvende Wutbürger – darin „einen Nutzen für sich selbst“?

      Haben Sie schon von Fritz Weigle Bernstein gehört? Der meinte einmal: „Die schärfsten Kritiker der Elche / sind oft selber welche.“

      Für alles Weitere, was zu diesem Thema zu sagen wäre, möchte ich Sie auf den gelungenen Kommentar von Frau Rita Böttjer hinweisen. Ganz am Ende der „Site“: http://www.landeszeitung.de/blog/blog-jj/184176-und-es-ist-mir-laengst-klar-dass-nichts-bleibt-wie-es-war

      • …wer zitiert, sollte dies auch fehlerfrei tun….

        • „Bisweilen auch drückt ein leicht abgewandeltes Zitat einen Sachverhalt mit einer Nuance aus, welche das Original ihm nicht gibt und mit der wir ihn gerade jetzt denken. Dann wird jeder, dem es um einen genauen Ausdruck seiner Gedanken zu tun ist, die Abwandlung gebrauchen, ohne sich an das Gebelle pedantischer Puristen zu kehren.“

          Arthur Schopenhauer (1977): Parerga II, § 285. Zürich, S. 602

  2. Wenn die Herrschaften beim Berechnen der Kosten/Nutzen-Verhältnisse genauso zuverlässig arbeiten, wie bei der Berechnung der Arbeitsdauer des „Dialogverfahrens“, dann gute Nacht:
    vor November wird keinesfalls mit dem Verfahren angefangen werden können, da die Ausschreibungsfrist für den Moderator noch bis Anfang November läuft (siehe Artikel). Bis dieser dann bestimmt und eingearbeitet ist, werden nochmals mindestens 5-6 Wochen ins Land gehen, wie man gestern hören durfte. Macht für mich Anfang 2015 für den Start des Dialogverfahrens.
    Bis Oktober wollen sich die zuständigen Ministerien aber für eine der Varianten entschieden haben. Macht nach Adam Riese dann 10 Monate. Wenn alles glatt läuft, wohlgemerkt, und es nicht noch zu weiteren „Verzögerungen“ kommt.
    Für mich macht das 10 Monate und kein Jahr.
    Ich wage allerdings die Prognose, dass das „Dialog“-Verfahren noch erheblich kürzer ausfallen wird. Ohne, dass am Entscheidungszeitpunkt etwas geändert werden wird.

    Hier drängt sich der Eindruck auf, als dass dieses Dialogverfahren ein reines Placebo wird, mit dem die „Wutbürger“ milde gestimmt werden sollen.Wer gestern auf der Veranstaltung anwesend war, konnte bemerken, dass dort sehr viele Menschen nicht bereit sind, sich derartig für dumm verkaufen zu lassen. Gut so !

    Und noch etwas fiel unangenehm auf, abgesehen von dem Umstand, dass die Bahnvertreter konkrete Fragen oftmals nicht wirklich beantworteten, was zu erwarten gewesen war:
    die Vertreter des Landeswirtschaftsministeriums waren erschreckend schwach in ihrem Auftreten. Eine habilitierte Referntin, die bis zum Erbrechen mit Plattitüden ermüdete, ohne wirklich etwas Substantielles von sich zu geben und kurz davor zu sein schien, aus dem Raum flüchten zu wollen und ein Referatsleiter, der dadurch auffiel, dass er seine Kollegin ins offene Messer rennen ließ und lieber im Hintergrund blieb.
    Vertrauen in eine die Interessen ihrer Bürger gegenüber den Entscheidungsgremien in Berlin vertretenden Landesregierung wird so nicht geschaffen werden können !
    Vielmehr verstärkte sich der Eindruck im Laufe des Abends, dass Bahn und Bund (eigentlich eine Personalunion) entscheiden, was SIE wollen und alle anderen nur Statisten ohne wirkliches Mitspracherecht sind.

    Ein interessante Frage kam übrigens aus dem Plenum:
    der Bund, der Eigentümer der Bahn ist, ist im Besitz vieler Landflächen zwischen Hamburg und Hannover. (Immer geringer genutzte) Truppenübungsplätze und Staatsforsten sind nur einige davon. Warum werden diese aber in den geplanten Varianten gradezu phobisch gemieden ? Entlang dieser Strecken gäbe es keine „betroffenen Wohneinheiten“ und auch die Kosten könnten gering gehalten werden, da der Bund sich für bundeseigene Bauvorhaben ja nicht selbst enteigenen und entschädigen muss/kann.
    Die Reaktion war auffallend zurückhaltend.

    Ein Zuhörer fragte gestern: wer von denen da vorne wohnt wohl selbst an einer Bahnstrecke und kennt die Auswirkungen aus erster Hand ? Tja, dieser Frage kann man sich nur anschließen.

  3. @Moddel

    Würden Sie genauso reden, wenn Sie betroffener Anwohner wären ? Wenn Sie Ihre Existenzgrundlage verlieren oder mit Altersarmut rechnen müssten, weil ihre Alterssicherung in ihrer Immobilie steckt ?
    Oder wenn Sie entlang der Bestandsstrecken leben würden, wo die Anwohner schon heute unter unerträglichem Lärm zu leiden haben. Die aber nicht auf eine Verbesserung ihrer Situation hoffen dürfen, solange die Bahn diese Bestandsstrecke baulich nicht anfasst ? Die aber trotzdem mit ziemlicher Sicherheit mit zunehmendem Lärm leben müssen, auch wenn eine andere Variante als die Bestandsstrecke gewählt wird ?

    Wenn man selbst nicht betroffen ist, kann man leicht „genervt“ sein.

    Gottseidank steht jedem von uns aber das Recht zu, seine Meinung kund zu tun. Auch wenn es andere „nervt“. Grade, wenn es um Projekte geht, deren Notwendigkeit höchst umstritten ist, wenn man die Berichte der letzten Tage verfolgt hat.