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Ihre Kuscheltiere können fünf Sprachen und mehr, sagt Lucia. Die Vierjährige selbst spricht mit ihrer Mutter Spanisch, mit dem Vater Deutsch. Foto: t&w
Ihre Kuscheltiere können fünf Sprachen und mehr, sagt Lucia. Die Vierjährige selbst spricht mit ihrer Mutter Spanisch, mit dem Vater Deutsch. Foto: t&w

Geschenk für die Zukunft

Offene Grenzen, Studienaufenthalte im Ausland und die Anwesenheit von Migranten und Flüchtlingen lassen die Zahl internationaler Partnerschaften in Deutschland steigen. 2012 entstammte jedes achte in Deutschland geborene Kind einer Verbindung zwischen einem ausländischen und einem deutschen Elternteil. Für viele Kinder gehört Mehrsprachigkeit zum Alltag. Die LZ hat zwei Paare in Lüneburg besucht, die ihre Kinder bilingual erziehen. Professor Jürgen Meisel vom Zentrum für Mehrsprachigkeit in Hamburg spricht über Probleme und Chancen.

emi Lüneburg. Manchmal nervt es Marine und Thibault, dass ihre Mama mit ihnen nur Französisch spricht. Aber irgendwie ist es auch praktisch, finden die Fünf- und der Sechsjährige. „Wenn ich ein Eis möchte und Papa das verbietet, frage ich Mama auf Französisch, damit er es nicht versteht“, sagt Thibault und wirft seiner Mutter einen verschwörerischen Blick zu. Im Hause Schubert ist die Kommunikation in mehreren Sprachen so selbstverständlich wie das tägliche Zähneputzen. Wenn auch nicht immer so einfach. „Ich habe mich von Anfang an bemüht, nur Französisch mit meinen Kindern zu sprechen“, sagt Florence Schubert. „Das verlangt Disziplin, es ist ganz schön schwierig, nicht ins Deutsche zu rutschen.“
Nach Angaben des Verbands binationaler Familien und Partnerschaften wurden 2012 in Deutschland knapp 71600 Kinder (von insgesamt rund 673500) geboren, die aus Verbindungen zwischen einem ausländischen und einem deutschen Elternteil stammen. Davon haben 40240 Kinder einen deutschen Vater und eine ausländische Mutter, bei rund 31350 Kinder ist es umgekehrt.

Auch Lucia (4) und Alicia (1) aus Lüneburg haben Eltern, die aus unterschiedlichen Ländern stammen. Cynthia Heise ist Mexikanerin, ihr Mann gebürtiger Lüneburger. Sie spricht mit den Mädchen Spanisch, er Deutsch. Aber grundsätzlich beherrschen alle beide Sprachen, zwischen den Eltern kommt manchmal ein Mischmasch heraus. „Anfangs hatte ich Angst, dass Lucia durcheinanderkommt“, sagt Cynthia Heise, „aber bis jetzt geht es gut.“

Professor Jürgen Meisel vom Zentrum für Mehrsprachigkeit in Hamburg beruhigt: „Kinder sind in der Lage, zwei Sprachen zu trennen, wenn in beiden interagiert wird.“ Jeder Mensch verfüge über eine angeborene Spracherwerbsfähigkeit, die sich allmählich verschlechtere. „Ganz entscheidend für das Lernen der Grammatik ist die Phase zwischen 1,5 und 3,5 Jahren.“ Danach beginnt der Bereich Wort- und Satzstruktur nachzulassen. „Mit fünf Jahren sind etwa 80 bis 90 Prozent der Grammatikentwicklung abgeschlossen. Wörter kann man dagegen ein Leben lang lernen.“

Lucia ist auf den Schoß ihrer Mutter geklettert. „Babo kann fünf Sprachen“, sagt die Vierjährige, deutet auf ihre Puppe und zählt auf: „Deutsch, Spanisch, Englisch, Italienisch und Bayerisch.“ Die Eltern lachen, dann wird Torsten Heise ernst. „Ihr ist bewusst, dass es so viele Sprachen gibt. Das ist toll.“

Laut Jürgen Meisel kann das Gehirn des Menschen theoretisch unbegrenzt viele Sprachen lernen. Aber es gibt ein praktisches Limit: die Menge an Input. „Wenn der tägliche Kontakt mit einer Sprache deutlich unter 40 Prozent von dem liegt, was bei Monolingualen als normal angesehen wird, dann kann das Kind die Sprache nicht mehr auf muttersprachlichem Niveau entwickeln“, erklärt der Experte. „Drei Sprachen scheinen gerade noch zu gehen.“ Ab vier wird es schwierig. Risiken gebe es bei der Mehrsprachigkeit aber prinzipiell nicht.

Probleme haben oft nur die einsprachigen Verwandten, die der Konversation in der Fremdsprache nicht folgen können. Thibault hat da ein einfaches Rezept: „Ich habe meinem französischen Opa schon auf Deutsch beigebracht: ,Was kostet die Melone?“ Auch Florence Schubert und ihr Mann lernen von den Kindern. Sie findet es lustig, wenn die Kleinen ihr Deutsch korrigieren, er versteht inzwischen Französisch mehr als Thibault ahnt.

Sowohl Schuberts als auch Heises empfinden Mehrsprachigkeit als Geschenk für die Zukunft. Und sie staunen fast täglich über die Fähigkeiten ihrer Kinder. „Neulich wollte meine Frau unserer Tochter das spanische Wort für ,Gurke beibringen“, erzählt Torsten Heise. „Zur Verdeutlichung hat sie die Silben mitgeklatscht: ,pe-pi-no. Da meinte Lucia, ebenfalls klatschend: ,Mama, sag doch ,Gur-ke, das ist viel einfacher.“