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Dr. Ulrich Brohm ist Leiter des Museumsdorfes Hösseringen und freut sich besonders über die der ,,Venus von Oldendorf nachempfundene Scheibe. Foto: phs
Dr. Ulrich Brohm ist Leiter des Museumsdorfes Hösseringen und freut sich besonders über die der ,,Venus von Oldendorf nachempfundene Scheibe. Foto: phs

Die kleine „Venus von Oldendorf“

pet Hösseringen. Sie ist nur wenige Zentimeter klein. Und nur ein Fragment der unbekleideten jungen Dame ist erhalten geblieben. Aber trotzdem ist sie der ,,Star“ einer Dauerausstellung im Museumsdorf Hösseringen, die noch bis zum 31. Oktober läuft: die ,,Venus von Oldendorf“, wie sie im Museum intern genannt wird. Die ,,Venus“ ist Teil einer ,,Fensterbierscheibe“ eines 1596 in Oldendorf/Luhe erbauten Bauernhauses, das seit einigen Jahren im Museumsdorf zu bewundern ist.

Dörthe Hannover ist viel beschäftigte Glasmalerin und Bleiverglaserin – zahlreiche Stunden hat sie in die Rekonstruktion der Figur der ,,Venus von Oldendorf“ investiert. Foto: t&w
Dörthe Hannover ist viel beschäftigte Glasmalerin und Bleiverglaserin – zahlreiche Stunden hat sie in die Rekonstruktion der Figur der ,,Venus von Oldendorf“ investiert. Foto: t&w

Das in Zweiständerbauweise errichtete Bauernhaus, das vom Verfall bedroht war, wurde 2004 in Oldendorf abgebaut, im Jahr darauf in Hösseringen wieder aufgebaut. In späteren Jahrhunderten ergänzte Teile des Hauses wurden demontiert, ,,das Haus wurde so rekonstruiert, wie es um 1596 ausgesehen hat“, erklärt Museumsleiter Dr. Ulrich Brohm. Das Besondere an dem Haus: Es ist einer der wenigen ländlichen Bauten aus der Zeit vor dem 30-jährigen Krieg (1618 bis 1648), die erhalten geblieben sind.
Die ,,Venus“ wurde gefunden, als der Boden unter dem abgetragenen Haus archäologisch untersucht wurde. Fragmente von altem Spielzeug, einer Tabakspfeife, Buchschließen und Kacheln wurden dort ebenso ausgesiebt wie Glasscherben und sogar Filmschnipsel mit Aufnahmen von der Krönung der britischen Königin Elisabeth II. von 1952. ,,Damals war in dem Haus eine Gaststätte, in der wohl auch Filme gezeigt wurden“, so Brohm.

Gefunden wurde aber auch die ,,Venus“. Die Fundstücke, sie zeigen einen Teil des Kopfes und den Oberkörper, wurden zunächst einmal zur Seite gelegt und sorgsam verwahrt. Im Zuge der kürzlich gestarteten Sonderausstellung ,,Ländliches Wohnen und Arbeiten im 16. Jahrhundert“ kommt die ,,Venus von Oldendorf“ nun, mehr als 400 Jahre nach ihrer Entstehung, zu besonderen Ehren. Im Oldendorfer Bauernhaus sind, weil der ursprüngliche Besitzer wohl nicht nur Bauer, sondern auch Stellmacher war, auch ein Wagenrad und zahlreiche Einrichtungsgegenstände zu sehen.

Eine kleine Scherbe, im Original nur vier, fünf Zentimeter groß, ist alles, was von der Oldendorfer Fensterbierscheibe von 1596 übriggeblieben ist. Foto: phs
Eine kleine Scherbe, im Original nur vier, fünf Zentimeter groß, ist alles, was von der Oldendorfer Fensterbierscheibe von 1596 übriggeblieben ist. Foto: phs

Die Entstehung der ,,Venus“ geht auf einen weit verbreiteten Brauch zurück: Zu besonderen Anlässen, etwa einer Hauseinweihung, schenkten Gäste dem Hausherrn ein Glasbild. Die Feste, bei denen Essen und Bier gereicht wurde, wurden ,,Fensterköst“ oder später ,,Fensterbier“ genannt. Die geschenkten Scheiben, die später zu Fensterscheiben zusammengesetzt wurden, bekamen den Namen ,,Fensterbierscheibe“.

In einer Vitrine ist in Hösseringen das Original der ,,Venus von Oldendorf“ zu sehen. Wie die ,,Venus“ im Original und komplett ausgesehen haben könnte, das hat Dörthe Hannover, Glasmalerin und Bleiverglaserin aus Deutsch Evern, interpretiert zu bewundern ist das Ergebnis in einem Fenster des Hauses. Hannover war mit den Verantwortlichen des Museumsdorfs ins Gespräch gekommen, gemeinsam machte man sich Gedanken über den Originalzustand der ,,Fensterbierscheibe“ aus dem späten 16. Jahrhundert.

Herausgekommen ist eine Engelsfigur: Eine dunkle Stelle im Nackenbereich der ,,Venus“ könnte auf Federn von Engelsflügeln hindeuten, so Hannover. ,,Engelsfiguren waren in der damaligen Zeit weit verbreitet“, erklärt die Glasmalerin, die Kirchen- oder Kapellenfenster restauriert, aber auch Glasbilder oder Bleiverglasungen für private Auftraggeber anfertigt.

Sie machte sich an die Arbeit, fertigte Entwürfe an, nahm Probebrände vor: ,,Weil die Farben oft nicht machen, was sie sollen, sondern, was sie wollen“. Schließlich brachte Hannover nach alter Tradition Konturen und Schattierungen auf das mundgeblasene Glas auf, schließlich die Farben. Silbergelb, das je nach Mischung, Auftragsstärke, Brenndauer und -temperatur von hell leuchtendem Gelb bis zu bräunlichem Rot variieren kann, dazu Blau und Grün. Bei Temperaturen von 600 Grad wurden die Farben eingebrannt. Insgesamt drei Varianten fertigte Dörthe Hannover an, alle sind in Hösseringen zu sehen, ebenso wie Beispiele anderer Fensterbierscheiben aus verschiedenen Epochen. Die eingebaute Scheibe machte Hannover dem Museumsdorf zum Geschenk.

Im Museumsdorf Hösseringen ist auf rund 100000 Quadratmetern und in 26 Gebäuden zu sehen und zu erleben, wie die Menschen in der Region Lüneburger Heide in der Zeit von 1600 bis 1900 gelebt haben. Unter anderem ein Heideentdeckerpfad ergänzt das Angebot des Museumsdorfs, das noch bis zum 31. Oktober geöffnet ist dienstags bis sonntags von 10.30 bis 17.30 Uhr.

Erntedank
Heute Sonntag, 5. Oktober, findet von 10.30 Uhr bis 17.30 Uhr das traditionelle Erntedank- und Kartoffelfest im Museumsdorf Hösseringen statt. Der Erntedankgottesdienst ist um 14 Uhr im Brümmerhof. Den ganzen Tag über gibt es in Hösseringen ein vielseitiges Programm, so werden überall auf dem Museumsgelände alte landwirtschaftliche Arbeitstechniken vorgeführt, Kinder können Kartoffeln roden und sammeln und auch an der Sortiermaschine helfen.