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Verdient der Wolf den besonderen Schutz der aktuellen Gesetze? Oder muss der graue Räuber wieder aus der deutschen Kulturlandschaft verschwinden? Eine provokative Anwort auf diese Frage findet sich jetzt in einem offenen Brief an Ministerpräsident Stephan Weil. Foto:A./t&w
Verdient der Wolf den besonderen Schutz der aktuellen Gesetze? Oder muss der graue Räuber wieder aus der deutschen Kulturlandschaft verschwinden? Eine provokative Anwort auf diese Frage findet sich jetzt in einem offenen Brief an Ministerpräsident Stephan Weil. Foto:A./t&w

„Schädling ohne Lebensrecht“

ml Lüneburg. Mit dem Wolf ist auch die Furcht vor dem grauen Räuber in Niedersachsen zurück. Seit Monaten liefern sich Wolfsfreunde und -gegner hitzige Debatten darüber, wie die Rückkehr des Raubtieres zu werten ist und ob Gesetze geändert werden müssen. Zwar gewährt das Land Niedersachsen Tierhaltern Schadensersatz im Falle von Wolfsrissen doch bislang nur auf freiwilliger Basis. Gleichzeitig genießt der graue Räuber höchsten Schutz, darf auch im Notfall nicht geschossen werden. Jetzt gießt der Sprecher der niedersächsischen Berufsschäfer neues Öl ins Feuer einer leidenschaftlichen Debatte. „Der Wolf ist ein Schädling und hat hier kein Lebensrecht“, sagt Wendelin Schmücker aus dem Winsener Stadtteil Borstel.

Zu Papier gebracht hat der Berufsschäfer diese und weitere drastische Formulierungen in einem offenen Brief an Niedersachsens Ministerpräsidenten Stephan Weil. Am Montag zugestellt, gibt es laut Schmücker zwar noch keine Reaktionen aus der Politik doch dafür ein großes Medienecho, reichlich Zustimmung und Widerspruch aus den Reihen von Berufskollegen und Landwirten sowie empörte Aufschreie von Naturschutzorganisationen wie Nabu und BUND. Kein Wunder: Schmückers zwölf Seiten langer Brief ist gespickt mit Aussagen, die polarisieren und polarisieren sollen.

So preist der Berufsschäfer die „Verdrängung des Wolfes als historische Leistung unserer Vorfahren“ in einem „ununterbrochenen, opferreichen Kampf“ über Jahrtausende. Angesichts solcher Sätze urteilt auch Schmückers Berufskollege Stefan Erb aus Bleckede: „Auf so einer polemischen Ebene kommen wir nicht weiter.“ Zwar wäre es vielen Schäfern lieber, der Wolf wäre nicht zurück, doch die Ausrottung des Wolfes können niemand ernsthaft fordern.

„Mit dem Schlafwagen erreicht man niemanden“, sagt Berufsschäfer Wendelin Schmücker und drückt mit polarisierenden Thesen mächtig aufs Tempo. Foto: A./t&w
„Mit dem Schlafwagen erreicht man niemanden“, sagt Berufsschäfer Wendelin Schmücker und drückt mit polarisierenden Thesen mächtig aufs Tempo. Foto: A./t&w

Selbst wenn sein Brief sich anders liest: Den Wolf ausgerottet sehen will auch Schmücker nicht. Doch die Diskussion in den vergangenen Jahren hat den Sprecher der Berufsschäfer eines gelehrt: „Wenn ich mit dem Schlafwagen durch die Gegend fahre, erreiche ich niemanden“, sagt der Winsener. Deshalb ist Schmücker in den ICE umgestiegen und an einigen Stellen seines offenen Briefes sicherlich entgleist. Doch die öffentliche Reaktion scheint seine Theorie zu bestätigen: Wer wahrgenommen werden will, muss aufs Tempo drücken.

Doch worum geht es Schmücker nun wirklich? „Tatsächlich will ich nicht jeden Wolf in Deutschland ausrotten“, sagt der Schäfer auf LZ-Anfrage, „aber es muss möglich sein, Problem-Wölfe, die Nutztiere anfallen, aus unserer Kulturlandschaft zu entfernen.“ Der moderne Schäfer könne nicht wie vor 100 Jahren 24 Stunden lang über seine Herde wachen. „Das macht auf Dauer keine Familie mit, zudem kämen wir Schäfer dann nicht einmal mehr auf einen Stundenlohn von drei Euro.“
Was Schmücker besonders ärgert: „2008 gab es die ersten Übergriffe auf Nutztiere, zeichnete sich die Rückkehr des Wolfes definitiv ab. Doch bis heute ist nichts geregelt.“ Der Politik stellt der Schäfer ein Armutszeugnis aus. „Ich möchte nur, dass sich das Umweltministerium mit den Verbänden der Weidetierhalter an einen Tisch setzt und Lösungen sucht. Ich selbst muss dazu noch nicht einmal eingeladen werden.“

Unterdessen sind viele Experten überrascht, mit welcher Dynamik sich der Wolf auch in Niedersachsen ausbreitet. Erst Ende Juli hat die Wolfsbeauftragte der Landesjägerschaft, Dr. Britta Habbe, bei Unterlüß im Landkreis Celle ein viertes Rudel bestätigt. Weitere leben in Bergen, Munster und nahe Gartow. Während es weitere Einzelsichtungen in der Göhrde, bei Bergen und Cuxhaven gibt, tummeln sich die ersten Jungtiere schon länger in der Samtgemeinde Amelinghausen.

Das Umweltministerium in Hannover hat erst Ende September die Grundzüge der neuen „Richtlinie Wolf“ vorgestellt, die noch dieses Jahr in Kraft treten soll. Erstmals stellt das Land darin auch finanzielle Hilfen für präventive Maßnahmen in Aussicht: „Das Land kommt künftig nicht mehr nur für Schäden auf, sondern fördert auch Herdenschutz“, sagt Staatssekretärin Almut Kottwitz zu den Kernpunkten der neuen Richtlinie. „Damit wollen wir einen entscheidenden Beitrag zu einem möglichst konfliktarmen Nebeneinander von Wolf und Mensch leisten.“

Gefördert werden sollen demnach vor allem die Anschaffung von Schutzzäunen und Herdenschutzhunden in Gebieten, in denen sich der graue Räuber bereits angesiedelt hat. Schmücker jedoch bleibt skeptisch: „Je nach Herdengröße sind bis zu acht Schutzhunde erforderlich. Ein Tier kostet jährlich rund 1000 Euro.“ Der Berufsschäfer hat seine Zweifel, ob das Land diese 8000 Euro je Schäfer übernimmt. Doch letztlich sind das Fragen, die geklärt werden können, wenn Ministeriumsmitarbeiter und Weidetierhalter an einem Tisch sitzen.

3 Kommentare

  1. Die Kosten für Herdenschutzhunde und Co. ließen sich problemlos senken, wenn all diejenigen, die NABU und Co. mit einem Klick auf die Taste „ich werde wolfspate“ nicht nur Geld zukommen ließen und so nur vom warmen Sofa aus tätig würden, sondern sich aktiv einen Schäfer in ihrer Gegend suchen und diesen beim Aufstellen von Schutzzäunen und im Schichtsystem beim Hüten der Herde helfen würden.
    Macht keiner ? Und das, obwohl wir im Lüneburger Umland inzwischen inmitten stetig wachsender Wolfspopulationen leben und Deichschäfer vor Ort haben ?
    Ach ja: reden ist einfacher, als den eigenen Allerwertesten hoch zu bekommen und etwas zu tun. Das kann man leichter von anderen fordern.
    Übrigens könnten auch die Wolfsbeauftragten da wortwörtlich mal Hand mit anlegen, statt nur gute Ratschläge zu erteilen. Komischerweise ist aber dem ein oder anderen unter ihnen sogar die zeitnahe Probennahme schon zu viel Arbeit, was dazu führt, dass in der Monitoringliste inzwischen mehrere potentielle Wolfsrisse nicht mehr nachweisbar waren.

  2. K.M.
    die kosten sind übertrieben. wird gern gemacht. das unmögliche fordern um das mögliche zu erreichen. was hier veranstaltet wird , ist ein sturm im wasserglas. wölfe haben ein recht hier zu leben. nur weil menschen hinter das goldene kalb herrennen, soll das nicht so sein? in unseren nachbarländern, wie italien zum beispiel gibt es schon lange wölfe und das in ganz anderen ausmaßen. da schreit niemand nach dem staat. das tun in europa am liebsten die deutschen. wenn wir da so weiter machen, werden wir das denken bald komplett der obrigkeit überlassen. schon lustig, kaum einer bezahlt gern steuern, aber nach dem staat schreien tun viele.

  3. Warum glauben wir Menschen eigentlich immer noch über allen anderen Lebewesen auf diesem Planeten zu stehen? Wer gibt uns das Recht dazu? Wie blöd sind wir eigentlich, dass wir immer weiter unsere Natur zerstören, wissend, dass wir uns damit unsere Lebensgrundlage nehmen???