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Die Bejagung von Wildgänsen erhitzt seit Jahren die Gemüter. Derzeit steht die neue Jagdzeitenverordnung des Landes im Kreuzfeuer der Kritik. Foto: A./t&w
Die Bejagung von Wildgänsen erhitzt seit Jahren die Gemüter. Derzeit steht die neue Jagdzeitenverordnung des Landes im Kreuzfeuer der Kritik. Foto: A./t&w

Novelle spaltet die Geister

emi Lüneburg/Garlstorf. Schon als die Pläne des niedersächischen Landwirtschaftsministers über eine neue Jagdzeitenverordnung bekannt wurden, erntete Christian Meyer (Grüne) Kritik von allen Seiten. Seit 1. Oktober ist die Novelle in Kraft und die Proteste reißen nicht ab. Mit den neuen Vorschriften wird unter anderem die von Schwarz-Gelb beschlossene, massive Ausweitung der Jagdzeiten bei Gänsen in Vogelschutzgebieten zurückgenommen, Bläss- und Saatgänse erhalten eine ganzjährige Schonzeit. Die Jagdzeitenverordnung bewegt sich damit etwa wieder auf dem Niveau von 2002. Während Naturschützer wie Heinz Georg Düllberg, Vogelkundler beim Nabu, die neuen Bestimmungen als „ersten Schritt in die richtige Richtung“ bezeichnen, sind viele Landwirte verärgert. Die Jäger drohen sogar mit einer Klage.

„Insbesondere die Aufhebung der Jagdzeit für Saat- und Blässgänse und die Verkürzung der Jagdzeiten auf Wasserfederwild in Schutzgebieten entbehren jeder fachlichen Grundlage“, schreiben die Landesjägerschaft Niedersachsen (LJN) und der Zentralverband der Jagdgenossenschaften und Eigenjagden in Niedersachsen (ZJEN) in einer gemeinsamen Pressemitteilung.

Die Maßnahmen stellen nach Ansicht der beiden Verbände einen Eingriff in das verfassungsrechtlich geschützte Jagdrecht dar, den sie nicht akzeptieren wollen. Ihre eindringlichen Forderungen nach Nachbesserungen seien nicht berücksichtigt worden, deshalb prüfen sie nun eine Normenkontrollklage. „Einschränkungen der Jagd auf Tierarten, die in ihrem Bestand gänzlich ungefährdet sind und in der Kulturlandschaft hohe Schäden verursachen, können so nicht stehen bleiben“, sagt ZJEN-Präsident und Ex-Landwirtschaftsminister Hans-Heinrich Ehlen.

Auch der Betzendorfer Hans-Christoph Cohrs kritisiert die neue Verordnung: „Als Kreisjägermeister werde ich mich natürlich daran halten. Als Jäger muss ich ein paar Punkte ansprechen.“ Die bisherige Regelung sei gut gewesen, die neue dagegen ein „Schnellschuss aus der Hüfte“, sagt Cohrs. „Wir können den Landwirten jetzt nicht mehr so helfen wie bisher. Sie werden von uns im Regen stehen gelassen, weil uns die Hände gebunden sind.“

Heiko Bockelmann ist einer von diesen Landwirten. Der Milchviehbetrieb des Garlstorfers liegt in der Elbtalaue, wo sich nicht nur viele rastende Gastvögel, sondern auch die heimisch gewordenen Graugänse niederlassen. „Die Gänse richten auf den Äckern massive Fraß-, Tritt- und Kotschäden an“, sagt der 33-Jährige. Zwar erhält er wie viele andere Landwirte EU-Ausgleichszahlungen dafür, dass er die Tiere nicht vergrämt. Aber die reichen bei Weitem nicht aus. „Die Gänse fressen die Bestände ab. So entwickelt sich das Getreide im Frühjahr ungleichmäßig, eine bedarfsgerechte Düngung ist schwierig“, sagt Bockelmann. Es drohen Totalausfälle von bis zu 100 Prozent. Die neue Verordnung sei deshalb für die Landwirte „die schlechteste Lösung“.

Natürlich kennt auch Düllberg die Problematik. „Dass die Gänse Schäden anrichten, ist unstrittig“, räumt der Nabu-Vogelkundler ein. „Aber das muss in die Produkte eingepreist werden.“ Jagd sei nicht die Lösung, sie bewirke vielmehr das Gegenteil: „Durch die Schüsse werden die Gänsetrupps aufgeschreckt und fliegen umher. Dabei verlieren sie Energie und fressen noch mehr.“ Ein Argument, das Jäger und Landwirte nicht teilen. Ein Ende des Streits ist derzeit nicht in Sicht.