Donnerstag , 29. September 2016
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Landwirte machen ihrer Wut über die Politik von Minister Christian Meyer bei der Veranstaltung des grünen Kreisverbandes in Erbstorf Luft. Foto: t&w
Landwirte machen ihrer Wut über die Politik von Minister Christian Meyer bei der Veranstaltung des grünen Kreisverbandes in Erbstorf Luft. Foto: t&w

Vertrauen verspielt?

off Erbstorf. Es ist kurz vor 18 Uhr, im Erbstorfer Restaurant Lims. In wenigen Minuten wird der Sprecher des Grünen-Kreisverbandes, Oliver Kraemer, ans Rednerpult treten und den Landwirtschaftsminister ankündigen. Doch bevor der seinen Platz am Kopf des Tisches einnehmen kann, muss sich Christian Meyer vorbei drängen an einer Gruppe wütender Landwirte. Mit Protestplakaten haben sich die Bauern im Eingang des Saals versammelt, wer kein Plakat hält, sitzt mit verschränkten Armen und düsterem Blick im Publikum. Es wird kein leichter Abend für den Grünen, dem schon vor Amtsantritt der Ruf als „Bauernschreck“ vorausgeeilt ist. Die Landwirte im Saal sind sauer und überzeugt: Meyer macht keine Politik für, sondern gegen die Bauern im Land.

Der Minister selbst ahnt, welche Kritik er an diesem Abend einstecken muss. Und beginnt seinen Vortrag zunächst wie gewohnt: mit den Eckpunkten seiner „sanften Agrarwende“. Mehr Tierwohl, mehr Umwelt- und Gewässerschutz, weniger Geld für die Groß-, dafür mehr für die Kleinbetriebe. Seine Forderungen sind nicht neu, die Inhalte seiner Agrarwende vielfach vorgestellt. Meyer ergänzt Altbekanntes um erste Erfolge, stellt „Ringelschwanz-Prämie“ vor, das Verbot des Schnabelkürzens, seine Strategie zur Minimierung des Antibiotikaeinsatzes. Die eine Hälfte der mehr als 200 Zuhörer im Saal jubelt, die andere bleibt stumm. Zumindest vorerst.

Eine knappe Stunde spricht Meyer frei. Auch über die Protestplakate, auf denen steht: „Warum ist Landwirtschaft ein Verbrechen?“, „Meyer beschleunigt Strukturwandel“ oder „Das weiß jedes Rind, Meyers Politik ist nur Wind!!!“ Seine Lesart der Kritik: Die Preise sind aktuell schlecht, für Acker- genau wie für Milch- oder Schweinebauern, „da wird dann gern dem grünen Landwirtschaftsminister die Schuld an allem gegeben“. Doch er sei nicht Schuld an den „bürokratischen Vorgaben der EU“, treffe mit seinen Maßnahmen wie etwa dem Filtererlass zur Abluftreinigung in Tierhaltungsanlagen nur Großbetriebe, die mehr als 2000 Schweine oder 40000 Hühner halten. „Wir wollen die Landwirte mitnehmen“, sagt er. Doch genau das so zumindest scheint es beim Anblick der Protestplakate ist gründlich schief gegangen.

Auch die Kritik der Landwirte an diesem Abend ist nicht neu (LZ berichtete), nur persönlich können die Bauern sie dem Minister zum ersten Mal sagen. Ihr Unmut reicht von dem abgesagten Förderprogramm zum heimischen Eiweißfuttermittel-Anbau über die Begrenzung des Blühstreifen-Anbaus auf zehn Hektar bis zu den Verschärfungen der Gülle- und Silagelagerung. Zu allem nimmt Meyer Stellung, verweist mal auf den Bund, mal auf die EU, zieht sich manchen Schuh aber auch selbst an, verspricht sich zu kümmern. Dass er eine Lösung findet, glauben längst nicht alle Bauern. Das Vertrauen, sagen sie, sei verspielt.

Der Minister indes wird nicht müde zu betonen, „dass Landwirte keine kriminellen Tierquäler sind“, „dass die große Mehrheit sich an die Gesetze hält“, dass man mit dem „Finger auf die Struktur und nicht auf die Bauern zeigen muss“, dass er keine Politik gegen Niedersachsens Familienbetriebe macht, sondern für sie. Die Bauern im Saal hören es sich an. Doch ob er hält, was er verspricht? Die Skepsis bleibt.

Ein Interview mit dem Minister in der LZ folgt.