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Mit einer neuen Fahndungsmethode hofft die Polizei, auf die Spur der Brandstifter zu kommen. Foto: t&w
Mit einer neuen Fahndungsmethode hofft die Polizei, auf die Spur der Brandstifter zu kommen. Foto: t&w

Akte Stintbrand: anonyme Online-Zeugenaussagen möglich +++ mit LZplay-Video

ca Lüneburg. Einiges hat die Polizei herausbekommen, doch irgendwann stoßen die Ermittler auf die berühmte Mauer des Schweigens, wenn sie nachfragen, wer vor einem Jahr den Brand im ehemaligen Lösecke-Haus gelegt hat. Zeugen haben Angst. Verständlicherweise, denn auch Kommissare wurden im Rahmen ihrer Ermittlungen bedroht. Jetzt geht die Sonderkommisson Stint einen neuen Weg: Sie richtet mit Hilfe des Landeskriminalamtes quasi einen anonymen Briefkasten im Internet ein. Wer etwas mitteilen möchte, kann seine Hinweise dort hinterlegen. Die Ermittler können in dem Postfach ihrerseits Nachfragen hinterlassen. Gestern stellten Kripo-Chef Steffen Grimme, der stellvertretende Soko-Leiter Tobias Gruhne und Dezernatsleiter Wolfgang Linder aus dem LKA den Ansatz vor.

Ein Brandstifter hat in der Nacht zum 2. Dezember 2013 Feuer im Lokal Trattoria gelegt. Nicht nur das Restaurant, sondern das ganze Haus stand in Flammen und musste abgebrochen werden. Allein dort ein Schaden von 3,5 Millionen Euro. Die Polizei setzte die Soko ein, mehr als zwanzig Beamte ermittelten zeitweilig. Jetzt sind es noch fünf.

Im Sommer gab es einen Ansatzpunkt: Die Polizei verdächtigt einen Koch des gegenüberliegenden Lokals La Taverna der Beihilfe. Der Mann soll in der Nacht dem mutmaßlichen Brandstifter Zugang ins Haus verschafft haben. Bei Durchsuchungen im Lokal und in der Wohnung des Mitarbeiters nahm die Polizei Computer und Mobiltelefon mit ohne auf eine weitere heiße Spur zu stoßen. Der Verdächtige schweigt. Die Polizei betont, dass sich der Verdacht nur gegen den Koch und nicht gegen seine Chefs richtet.
Die Soko ermittelt wegen des Vorwurfs des 14-fachen Mordversuchs und der schweren Brandstiftung. Stadt, Polizei und Versicherung haben 20000 Euro Belohnung ausgelobt. Doch einen Durchbruch erzielten die Ermittler nicht.

Nun soll der Internet-Briefkasten helfen. Dort können Zeugen unter diesem Link Nachrichten hinterlassen. In den vergangenen elf Jahren ist das System bei Korruptionsvorwürfen und Wirtschaftsdelikten zum Einsatz gekommen. Nach einem Probelauf in einem Wolfsburger Mordfall nutzt die niedersächsische Polizei den Internet-Briefkasten nun zum zweiten Mal für ein Kapitaldelikt.

Parallel verteilt die Polizei Flugblätter in der Gastronomie in deutscher, italienischer und türkischer Sprache. Aufgrund ihrer Recherchen weiß sie, dass Kellner und Köche vieles aus der Szene wissen. Türkisch sei deshalb vertreten, da selbst in italienischen Lokalen „mehr Türken als Italiener arbeiten“, sagte Gruhe.

Während der Wiederaufbau des alten Lösecke-Hauses demnächst mit aufwändigen Gründungsarbeiten startet, ist das linke Nachbargebäude weitgehend saniert. Architekt Henryk Reimers sagt, dass Ruß-, Rauch- und Wasserschäden beseitigt wurden. Zudem habe die Fassade einen neuen Anstrich erhalten. Die ist nun grün nach dem Vorbild aus der Barockzeit.

Online-Kommissar

Die Polizei setzt auf das Hilfsmittel BKMS, die Abkürzung steht für Business-Keeper-Monitoring-System. In Niedersachsen arbeitet das Landeskriminalamt seit 2003 mit dem Internet-Briefkasten. Dezernatsleiter Wolfgang Linder berichtet, dass die Idee aus der Wirtschaft stammt. Hinweisgeber bleiben dabei anonym. So werden computerbezogene Daten wie zum Beispiel Identifikationsnummern beim Übermitteln nicht gespeichert. Im Einsatz ist BKMS bislang bei Korruptions- und Wirtschaftsdelikten gewesen. Binnen elf Jahren seien 3210 Meldungen eingegangen, die zu 1000 Verfahren geführt hätten. In zehn Prozent der Fälle habe es juristische Konsequenzen gegeben, nämlich Verurteilungen oder Geldauflagen.