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Jochen Meder beäugt kritisch die Überreste der W-Salz-Anlage von 1938. 1943 explodierte das Gebäude, sechs Arbeiter starben. Foto: t&w
Jochen Meder beäugt kritisch die Überreste der W-Salz-Anlage von 1938. 1943 explodierte das Gebäude, sechs Arbeiter starben. Foto: t&w

Auf den Spuren Alfred Nobels +++ Spaziergang 23. November

emi Geesthacht. Kernkraftwerk Krümmel, ein neblig grauer Novembermittag. Jochen Meder biegt vom Parkplatz in einen blätterbedeckten Waldweg ein und stapft einen Abhang hinauf. Ein Schild am Wegesrand warnt „Betreten auf eigene Gefahr“. Nach wenigen hundert Metern hebt der 2. Vorsitzende des Förderkreises Industriemuseum Geesthacht den Blick. Zu seiner Linken ragen riesige, verwitterte Betonwände zwischen Hügeln und Herbstlaub empor. Der 66-Jährige wird langsamer. Er steht nun mitten auf dem Gelände der ehemaligen Dynamitfabrik Krümmel in Geesthacht. Einst als Nitroglycerinfabrik von Alfred Nobel gegründet, zeugen heute nur noch Ruinen von ihrer Existenz.

Im Jahr 1865 erwarb der schwedische Chemiker und Industrielle Alfred Nobel das damals 42 Hektar große Areal auf dem Krümmel bei Geesthacht. Schwedische Geschäftsleute in Hamburg hatten ihren Landsmann auf das Areal aufmerksam gemacht, das wegen seiner riesigen Sandvorkommen gut geeignet war für die Errichtung einer Sprengstofffabrik. Im Laufe der Jahrzehnte dehnte sich die Fabrik auf rund 500 Hektar aus. Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Werk zum Kriegsmusterbetrieb ernannt, in dem Arbeiter viele unter Zwang Munition und Sprengstoffe herstellten.

„Der Hang hier wurde 1865 terrassiert, um die Gebäude zu platzieren“, sagt Jochen Meder und zeigt in den Wald. Seit vielen Jahren bietet der pensionierte Biologie- und Erdkundelehrer mit seinem Förderkreis historische Spaziergänge über das Gelände an, informiert Interessierte. „Sand war wichtig“, fährt der 66-Jährige fort. „Mit ihm wurden hohe Wälle um die explosionsgefährdeten Bauwerke errichtet, damit sich die Explosionen nicht auf die umliegenden Gebäude ausweiten konnten.“

Der Wasserturm von 1916 zählt zu den wenigen erhaltenen Gebäuden auf dem Gelände. Davor steht ein Ein-Mann-Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg. Foto: t&w
Der Wasserturm von 1916 zählt zu den wenigen erhaltenen Gebäuden auf dem Gelände. Davor steht ein Ein-Mann-Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg. Foto: t&w

Und Explosionen gab es in der Fabrik viele. Schon wenige Monate nach der Gründung der Industrieansiedlung ereignete sich das erste große Unglück. Doch Nobel setzte unbeirrt seine Versuchsreihe zur Dämpfung des Nitroglycerins fort und erfand in seiner Krümmeler Fabrik das Dynamit.

Der neue Sprengstoff war verhältnismäßig sicher in der Handhabung und für den Transport, sodass er sich schnell im zivilen Sprengmittelmarkt für Berg-, Eisenbahn- und Tunnelbau durchsetzte. Mit dem weltweiten Erfolg des Dynamits expandierte auch Geesthacht 1865 ein großes Dorf elbabwärts mit etwa 1450 Einwohnern zu einem bedeutenden Industriestandort. Alfred Nobel selbst legte auf dem Krümmel den Grundstein für sein Vermögen, aus dessen Zinsen noch heute die Nobelpreise vergeben werden.

Jochen Meder geht weiter den Hang hinauf. Das morsche Laub raschelt unter seinen Fußsohlen. Wenig später erreicht der 66-Jährige das Plateau, ein rund 30 Meter hoher, rötlicher Turm hebt sich vor ihm in den Himmel. Sprayer haben ihre Spuren an ihm hinterlassen, auf seinem Dach machen sich Sträucher breit.

Gebaut wurde der Wasserturm 1916 im Zuge des „Hindenburgprogramms zur Zusammenfassung aller vaterländischen Kräfte“. Weil der Bedarf an Munition während des Ersten Weltkriegs erheblich anstieg, wurde auf dem Gebiet der Krümmeler Dynamitfabrik eine riesige Nitrocellulosefabrik errichtet. Zum neuen Gebäudekomplex gehörte auch der Turm des bekannten Architekten Hermann Distel aus Bergedorf mit rund 14 Meter Durchmesser. Er ist eines der wenigen erhaltenen Gebäude auf dem Gelände. Bei einem Luftangriff am 7. April 1945 wurden fast alle Anlagen zerstört, ab 1946 begann ihre Demontage und Sprengung.

Wie die Bauwerke früher einmal aussahen, zeigt anhand von Karten und alten Fotos Reinhard Parchmann, ebenfalls vom Förderkreis Industriemuseum, an diesem Wochenende bei einem historischen Spaziergang. Dann können sich auch Spontane auf die Spuren Alfred Nobels begeben (siehe Text „Infos und Termine“).

Infos und Termine
Treffpunkt für den rund zweistündigen, historischen Spaziergang am Sonntag, 23. November, ist um 11 Uhr am Hotel Krümmeler Hof, dem ehemaligen Bahnhof, Elbuferstraße 72 in Geesthacht. Eine Anmeldung ist erforderlich unter Tel.: 04152 / 88 77 840, zurückgerufen wird nur, wenn der Spaziergang voll ist. Die Teilnahme ist kostenfrei, der Förderkreis Industriemuseum Geesthacht e. V. freut sich aber über eine Spende zur Unterstützung seiner Arbeit. Feste Schuhe und wetterfeste Kleidung sind mitzubringen. Der nächste historische Spaziergang zum Thema findet am Sonntag, 7. Dezember, von 11 bis 13 Uhr statt. Auch im neuen Jahr bietet der Förderkreis informative Führungen an. Los geht es am 25. Januar, weitere Termine sind am 14. Februar und 29. März. Alle Spaziergänge bedürfen einer Anmeldung. Weitere Infos: www.industriemuseum-geesthacht.de.