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Händewaschen ist das A und O im Kampf gegen MRSA. Mit einer Schwarzlichtbox können Keime auf Händen sichtbar gemacht werden. Forscher in Bremerhaven haben derweil drei Tests entwickelt, mit denen MRSA-Keime schnell und zuverlässig nachgewiesen werden können. Foto: A/t&w
Händewaschen ist das A und O im Kampf gegen MRSA. Mit einer Schwarzlichtbox können Keime auf Händen sichtbar gemacht werden. Forscher in Bremerhaven haben derweil drei Tests entwickelt, mit denen MRSA-Keime schnell und zuverlässig nachgewiesen werden können. Foto: A/t&w

Kampf gegen MRSA – Klinikum hat bereits ein spezielles Programm aufgelegt

as Lüneburg. Fast 30 Prozent der Menschen tragen sie auf der Haut, ohne dass es für sie Folgen hat. Zur Bedrohung kann das multiresistente Bakterium Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus (MRSA) werden, wenn es auf Intensivstationen von Krankenhäusern eingeschleppt wird. Bei immungeschwächten Patienten können die Keime in Operationswunden zu lebensbedrohlichen Infektionen führen. Die „Zeit“, die Funke-Mediengruppe und das Recherche-Büro Correctiv haben Abrechnungsdaten von rund 2000 Kliniken ausgewertet. Seither kursiert durch Medien ein Ergebnis: Jährlich gebe es bis 40000 Todesfälle durch Krankenhauskeime.

Aus den Abrechnungsdaten gehe hervor, dass Ärzte bei verstorbenen Patienten im vergangenen Jahr 30000 Mal einen der meistverbreiteten resistenten Keime MRSA sowie ESBL und VRE (Darmkeime) abgerechnet haben. Auf einer Karte von www.correctiv.org können Interessierte erfahren, wie viele Patienten in einem Postleitzahlenbereich laut Abrechnung mit den Keimen infiziert waren. „Ob all diese Menschen auch an den Keimen gestorben sind, lässt sich aus den Daten nicht ablesen. Experten sind sich aber sicher, dass die Zahl deutlich höher liegt, als das Gesundheitsministerium angibt“, heißt es. Statt 7500 bis 15000 Todesfälle gebe es „mindestens eine Million Infektionen und mehr als 30000 bis 40000 Todesfälle“, wird Prof. Dr. Walter Popp, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene zitiert. Der erklärte auf LZ-Nachfrage, er sei nicht ganz korrekt zitiert worden. Die Zahlen würden sich auf Krankenhausinfektionen beziehen, wie viele davon durch multiresistente Erreger entstanden sind, wüsste keiner.

Die LZ fragte beim niedersächsischen Sozialministerium nach, ob Zahlen vorliegen, wie viele Infektionen es mit multiresistenten Erregern (MRE) sowie Todesfälle mit MRE-Infektionsbefund seit 2010 in Niedersachsen gegeben hat. Dabei ist zu beachten, dass nur MRSA meldepflichtig ist, und zwar dann, wenn der Erreger in Blut oder Gehirnflüssigkeit nachgewiesen wird, heißt es. Die Anzahl dieser Meldungen liege für Niedersachsen bei rund 500 Fällen pro Jahr. Die Anzahl der Todesfälle in Folge von MRSA, die dem Landesgesundheitsamt übermittelt wurden, beziffert das Ministerium mit 43 im Jahr 2010, 40 im Jahr darauf, 33 im Jahr 2012, 26 in 2013 und 31 in diesem Jahr.

Auch wenn die Zahlen über Infektions- und Todesfälle divergieren, jeder Fall ist einer zu viel. Nicht erst seit dem Krankenhauskeim-Report ist bekannt, dass zu viel Antibiotika und mangelnde Hygiene Wegbereiter dafür sind, dass sich Keime ungehemmt verbreiten können. Das Lüneburger Klinikum, das pro Jahr rund 29000 Patienten stationär versorgt, fährt seit 2010 ein spezielles Programm im Kampf gegen die Keime. Die wichtigste Maßnahme hört sich banal an, ist aber das A und O: Handdesinfektion. Nach jedem Hautkontakt müssen sich Klinikmitarbeiter die Hände desinfizieren. „Dazu gibt es regelmäßig Schulungen“, sagt Prof. Dr. Christian Weiß, Chefarzt der Klinik für Kardiologie und Leitender Hygienebeauftragter. Außerdem werden Risikopatienten gescreent. Das sind all jene Patienten, die in den vergangenen zwölf Monaten in einer Klinik waren, in der Massentierhaltung arbeiten, wo es einen erhöhten Antibiotika-Einsatz gibt, der zu mehr multiresistenten Erregern führen kann, sowie Patienten aus Pflegeheimen. Beim Screening werden Abstriche aus der Nase und Leistengegend genommen, die dann sofort in einem Hamburger Labor untersucht werden. Bis zu einem negativen Ergebnis, also bis eine Keimbesiedelung ausgeschlossen wird, wird der Patient isoliert. „Durch diese Maßnahmen konnte die Zahl der Patienten, die in der Klinik Keime erworben haben, seit 2010 um 60 Prozent reduziert werden“, sagt Weiß. Waren das 2010 noch 62 Patienten, sind es inzwischen 24 Fälle. Die Untersuchungen kosten das Klinikum pro Jahr mehr als 100000 Euro, eine gesonderte Vergütung gibt es dafür nicht.

Weiß lässt auch keinen Zweifel daran, dass man sich dem Problem mit multiresistenten Erregern noch stärker stellen müsse. Allerdings wehrt er sich gegen den Rundumschlag des SPD-Gesundheitspolitikers Karl Lauterbach, der nach den Medienberichten nun sagt: Der Infektionsschutz brauche mehr politischen Druck, Deutschland könne im internationalen Vergleich nicht mithalten. Weiß macht deutlich: Wenn das umgesetzt werden soll, was Lauterbach vorschlägt, müssten alle Kliniken umgebaut werden, damit es nur noch Einzelzimmer gibt. Dazu müsste aber auch das entsprechende Geld bereitgestellt werden. Schon heute haben Kliniken Probleme, Investitionen umzusetzen.

Die „Zeit“ und das Recherche-Büro „correctiv“ prangern auch die Antibiotika-Vergabe in der industriellen Tierproduktion als Brutstätten für resistente Erreger an. Eine Studie zeige zum Beispiel, dass Menschen mit viel Kontakt zu Schweinen und Geflügel in Mastanlagen öfter mit MRSA besiedelt waren als andere Menschen. „Im Grunde genommen müsste die Antibiotika-Vergabe in der Massentierhaltung verboten werden“, meint Prof. Dr. Weiß. Dafür müssten sich Politiker wie Lauterbach starkmachen. Wenig hält er davon, den Blick über die Grenzen zu werfen und die Niederlande als Paradebeispiel im Kampf gegen Krankenhaus-Keime zu loben. Dort wird jeder Patient vor der Aufnahme ins Krankenhaus auf multiresistente Keime gescreent. Wolle man das auch in Deutschland einführen, so müssten Politik und Krankenkassen dafür die Voraussetzungen schaffen. Doch das sei nur eine Stellschraube, um die Ausbreitung von multiresistenten Erregern zu verhindern.