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Letzte Hand an ihre Weihnachtskrippe im Café Zeitreise legen Helmut Lehmann, Tanja Fuchs und Edith Schickedanz an. Seit September haben sie und weitere Teilnehmer der Demenz-Gruppe sich mit dem Projekt beschäftigt. Foto: t&w
Letzte Hand an ihre Weihnachtskrippe im Café Zeitreise legen Helmut Lehmann, Tanja Fuchs und Edith Schickedanz an. Seit September haben sie und weitere Teilnehmer der Demenz-Gruppe sich mit dem Projekt beschäftigt. Foto: t&w

Basteln gegen das Vergessen: Demenzkranke bauen Weihnachtskrippe +++ mit LZplay-Video

us Lüneburg. Der große Tisch reicht gerade aus, überall stehen Figuren und kleine Töpfe, es riecht nach Farbe und Klebstoff. Mit dem Pinsel gibt Helmut Lehmann den weißen Styroporsteinen des Stallgebäudes noch das gewünschte Aussehen, begutachtet kritisch seine Arbeit und wendet sich dann einem der Heiligen Drei Könige zu, die auch noch bemalt werden müssen. Zwischendurch gibt er Tipps und hilft mit kleinen Handreichungen. Man spürt, dass dem 84-Jährigen die Arbeit Spaß macht und er die Stunden genießt, in denen er im „Café Zeitreise“ auf dem Kreideberg an der Weihnachtskrippe arbeiten kann. „Ich muss viel reden“, sagt Helmut Lehmann, das sei wichtig, um mit seiner Krankheit besser zurechtzukommen.

Seit ein paar Monaten schon treffen sich Helmut Lehmann und zwei weitere Demenzkranke regelmäßig im Café Zeitreise, einem Angebot speziell für Menschen, die an dieser „Krankheit des Vergessens“ leiden. „Im September haben wir mit den Vorbereitungen für die Krippe begonnen“, berichtet Tanja Fuchs. Seit einem Jahr ist sie Projektleiterin in der Service- und Begegnungsstätte des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Lüneburg, kurz Parlü, der das Café Zeitreise ins Leben gerufen hat. Unterstützt wird sie dabei von Edith Schickedanz, die ehrenamtlich die Betroffenen mitbetreut.

„Wir wollen die Menschen, die zu uns kommen, aktivieren. Erinnerungsarbeit hat dabei einen besonderen Stellenwert“, erläutert Fuchs. Das Krippenprojekt, das sie sich gemeinsam vorgenommen haben, sei so eine Erinnerungsarbeit. Durch die Beschäftigung mit diesem Thema würden oftmals verschüttete und weit zurückliegende Erinnerungen wieder zurückgeholt, „das stärkt das Selbstwertgefühl und ist wichtig für die Biografiearbeit der Betroffenen“.

Auch Helmut Lehmann blüht auf, wenn er sich dem Modellbau widmen kann. Noch vor zehn Jahren hatte er das Geschäft Schrader für Kunst- und Hobbyartikel in der Grapengießerstraße geführt, eine Arbeit, die ihm viel Freude bereitet hat. „Gebastelt habe ich eigentlich immer, auch in meiner Freizeit“, erzählt er. Größere Erinnerungslücken hat er kaum, dafür aber leidet er an der Parkinsonschen Krankheit, die, wie Tanja Fuchs sagt, im weiteren Sinne auch mit Demenz zu tun habe.

Den Erfolg ihrer Arbeit glaubt Tanja Fuchs, in den Gesichtern der Teilnehmer ablesen zu können: „Man sieht es am Strahlen.“ Doch nicht immer kommen Betroffene bereits dann, wenn diese Form der Betreuung noch möglich ist ein Problem der Selbstwahrnehmung der Betroffenen, wie sie es nennt. „Unser Angebot setzt an, bevor die Pflege kommt.“ Ziel sei es, den aktuellen Zustand der Demenzkranken möglichst lange zu halten.

Im Januar will sie im Café Zeitreise für die Teilnehmer Tonarbeiten anbieten. Es sollen kleine Deko-Kugeln, Vogeltränken und auch tönerne Hinweisschilder für Kräuter angefertigt werden, die ab dem Frühjahr im Sinnesgarten wachsen sollen. Der Garten ist ebenfalls ein Betreuungsangebot für Senioren mit Demenz-Erkrankung und wurde im September in der Kleingartenkolonie Kirchsteig eingerichtet (LZ berichtete).

Helmut Lehmann hat unterdessen die Krippenfiguren eingesprayt und auch noch etwas Grün auf dem Dach des Stalls angebracht. Das gesamte Material für den Krippenbau stammt auch von ihm, er hat es noch aus Restbeständen aus seinem früheren Geschäft und jetzt dem Parlü gespendet. Und immer wieder sucht er das Gespräch mit den anderen der Gruppe, „ich muss viel reden“, ermahnt er sich.