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Klassenfahrten gelten als wertvolle pädagogische Maßnahme, sie fördern die Entwicklung der Jugendlichen und tragen zum Zusammenhalt des Klassenverbands bei. Doch mit dem Boykott der Gymnasiallehrer haben deren Schüler jetzt das Nachsehen. Foto: A
Klassenfahrten gelten als wertvolle pädagogische Maßnahme, sie fördern die Entwicklung der Jugendlichen und tragen zum Zusammenhalt des Klassenverbands bei. Doch mit dem Boykott der Gymnasiallehrer haben deren Schüler jetzt das Nachsehen. Foto: A

Klassenfahrt-Boykott: Das große Durcheinander

us Lüneburg. Alle finden sie wichtig und richtig, doch seit den Sommerferien ist damit erstmal Schluss. Weil die niedersächsischen Gymnasiallehrer vom Kultusministerium in Hannover verdonnert wurden, eine Stunde pro Woche mehr zu unterrichten, hatten sie bekanntlich im Gegenzug beschlossen, Klassenfahrten nicht mehr zu begleiten. Seitdem finden mehrtägige Fahrten bis auf wenige Ausnahmen auch an den öffentlichen Gymnasien in Stadt und Landkreis Lüneburg nicht mehr statt. Leidtragende sind die Schüler.

„Bei uns werden Klassenfahrten komplett boykottiert“, sagt Dieter Stephan, Direktor des Gymnasiums Oedeme. Ausgenommen seien Tagesausflüge oder Wandertage, auch Schüleraustausche fänden weiterhin statt, um den Kontakt zu den befreundeten Schulen nicht abreißen zu lassen. Zwar sind auch Studienfahrten der Jahrgangsstufe 12 am Oedemer Gymnasium vom Boykott betroffen, im Herbst fanden sie dennoch statt. Grund: Die Fahrten seien bereits im vergangenen Schuljahr geplant und zum Teil gebucht worden. „Für das kommende Schuljahr ist aber nichts geplant“, sagt Stephan. Für 210 Schüler heißt es dann: Unterricht statt Fahrt.
Ähnlich die Situation am Johanneum. Schüleraustauschfahrten finden weiterhin statt, mehrtägige Klassenfahrten nicht, erklärt Schulleiter Friedrich Suhr. Studienfahrten hätten bereits vor den Sommerferien abgeschlossen werden können, „in diesem Jahr finden keine statt“.

Keine mehrtägigen Klassenfahrten, keine Studienfahrten, aber weiterhin Schüleraustausche so sieht die Situation an der Wilhelm-Raabe-Schule und am Bernhard-Riemann-Gymnasium in Scharnebeck aus, wie Schulleiterin Christine Hartmann für das Lüneburger und Schulleiter Thomas Müller für das Scharnebecker Gymnasium erklären. Auch die Schüler des Gymnasiums Bleckede müssen in diesem Jahr auf ihre Klassenfahrten verzichten. Aber: Zusätzlich zu den Schüleraustauschfahrten fänden auch weiterhin Studienfahrten statt, „denn diese sind an die Seminarfächer gebunden“, begründet Schulleiter Christian Hultsch.

Diese Regelung wird von Dr. Knut Bartels, Personalratsvorsitzender am Bleckeder Gymnasium, ausdrücklich begrüßt: „Studienfahrten sind Teil des Unterrichts. Ich könnte mir dies als Modell für alle Gymnasien vorstellen“, sagt Bartels auch mit Blick auf das Zehn-Punkte-Paket, das die Gymnasiallehrer aus Stadt und Kreis kürzlich dem Kultusministerium vorgelegt haben. Darin fordern sie „echte“ Entlastungen als Ausgleich für die zusätzlich zu leistende Unterrichtsstunde

Bei einem Treffen mit den Personalräten der Gymnasien am 14. Januar soll das weitere Vorgehen abgestimmt werden. Dabei soll auch geklärt werden, wie man zu einer einheitlichen Regelung finden kann, „denn manche Gymnasien fahren und manche nicht“, sagt Bartels. Er verweist auf die Situation an der Herderschule. Dort entscheiden die Lehrer individuell, ob sie Klassenfahrten machen wollen. „An unserer Schule gibt es keine generelle Linie“, bestätigt Hans-Christian Höhne, kommissarischer Schulleiter. „Kollegen, die fahren wollen, können von niemandem daran gehindert werden.“ Im Übrigen hätten Lehrer auch bisher schon die Begleitung von Klassenfahrten ablehnen können, das sei eine freiwillige Leistung.

Eine einheitliche Linie in den Schulen wünschen sich auch die Elternvertreter, wie Ulf Gustafsen erklärt. Der Vorsitzende des Elternrates am Johanneum und stellvertretende Vorsitzende des Kreiselternrats zeigt zwar Verständnis für die Situation der Lehrer, stellt aber auch klar: „Der Tarifkonflikt zwischen Ministerium und Lehrerschaft darf nicht auf dem Rücken der Schüler ausgetragen werden.“ Dies werde man beim Treffen im Januar mit den Personalräten deutlich machen.

Ins gleiche Horn stößt Max Giesler. „Die Konfliktparteien sollten ein anderes Mittel finden, um ihre Probleme zu lösen“, fordert der Schülersprecher des Johanneums. Gemeinsam mit den Schülersprechern der anderen Gymnasien Bleckede soll noch eingebunden werden habe man vereinbart, vor den Zeugnisferien im Januar einen Aktionstag zu veranstalten, um die Forderung durchzusetzen. Auch sei geplant, eine entsprechende Petition an den Landtag zu richten.

„Mal sehen, was das am Ende bringt“, sagt Schulleiter Thomas Müller auch mit Blick auf die Zehn-Punkte-Forderung der Lehrer und die Normenkon­trollklage, die von mehreren Pädagogen am Oberverwaltungsgericht eingereicht wurde. „Wichtig ist, dass der Stillstand bald beendet werden kann.“

Von zwischenzeitlich aufgekommenen Überlegungen, die Klassenfahrten von den Eltern statt von den Lehrern begleiten zu lassen, halten die Schulleiter in der Regel nichts. „Das ist kein gangbarer Weg“, sagt Dieter Stephan. „Ich sehe da große organisatorische und rechtliche Schwierigkeiten.“ Ähnlich sieht es auch sein Amtskollege Friedrich Suhr: „Es gibt Probleme mit der Aufsichtspflicht, denn Eltern sind nicht anweisungsbefugt.“

 

Weniger Übernachtungen
Die Auswirkungen des Klassenfahrt-Boykotts bekommen auch Jugendherbergen zu spüren. Laut Medienberichten sind in diesem Jahr rund 30000 Übernachtungen von Schulklassen allein im Nordwesten des Bundeslands weggefallen. Zwar werde auch die Lüneburger Jugendherberge an der Soltauer Straße gern von Schulklassen besucht, von der aktuellen Entwicklung aber sei man „zum Glück nicht so sehr betroffen“, erklärt Herbergs-Leiterin Undine Bendt. „Unsere Gästestruktur sieht anders aus, wir fangen viel durch Realschulen auf.“ Nach Lüneburg kämen vornehmlich Schulklassen der Jahrgangsstufen 3 und 4 sowie die Klassen 7 bis 10. „Die höheren Klassen haben meist andere Ziele, eher Großstädte wie Hamburg“, erläutert Bendt. Außerdem werde die Jugendherberge auch für Ausflüge und Urlaub von Familien sowie für Seminare und Fortbildungsveranstaltungen gebucht.

3 Kommentare

  1. Das ist der springende Punkt: Klassenfahrten waren für die Lehrer schon immer freiwillig. Daher wird die Weigerung, eine freiwillige Leistung nicht mehr zu erbringen, niemanden veranlassen ,etwas zu ändern. Wenn früher ein Lehrer gesagt hat: „Ich fahre nicht, mir ist das zuviel“ dann mussten wir das auch hinnehmen. Dafür hatte und habe ich auch volles Verständnis. Das das Ganze jetzt in den Mantel eines Arbeitskampfes gepackt wird, entlockt mir daher nur ein Lächeln. Wer mit seiner Klasse fahren möchte und Lehrer aus Berufung ist, der kann es weiterhin tun. Und diese Lehrer haben meinen ganzen Respekt und Dank.
    Ich würde mir ein schlagkräftigeres Argument gegenüber dem Dienstherrn wünschen, denn eine Entlastung wird in jedem Falle benötigt. Das würde ich als Elternteil dann auch mit unterstützen.

    • „Ich würde mir ein schlagkräftigeres Argument gegenüber dem Dienstherrn wünschen.“
      Leider ist der Dienstherr gegenüber Argumenten immun: Studien zur Arbeitsbelastung erkennt er nicht an, will aber auch keine eigene durchführen. Die fest zugesagte Altersermäßigung streicht er einfach. Somit ignoriert er bis zu sechs Wochenstunden Arbeit mehr für ältere Gymnasiallehrer. Zugleich führt er eigene Scheinargumente ins Feld und meint, damit wäre es gut. Den irrgulären Vergleich zu anderen Bundesländern (dort gibt es diverse Anrechnungsmöglichkeiten, etwa für Klassenleitung) nutz er gern und populistisch. Die Vorhaben und Reformen (Ganztagsschule, G9, Inklusion) würden ja entlasten – da scheint jemand nicht zu wissen, wieviel Energie in der Umsetzung von Änderungen steckt.
      Nein, Klassenfahrten bewegen viele, und somit das Thema auch. Und das soll so bleiben, bis der Dienstherr zu einem echten ergebnisoffenen Dialog bereit ist.

      • Ich würde mir ein schlagkräftigeres Argument gegenüber dem Dienstherrn wünschen.”
        dieses funktioniert aber nur, wenn man sich mit anderen schulsystemen und anderen lehrern solidarisch zeigt. schon seltsam nicht wahr, bei lokführer und piloten wird negativer alarm gemacht, bei gymnasiallehrer soll er positiv sein? sparte bleibt sparte.