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Die Südergellerser haben bereits einen guten Blick auf Windkraftanlagen. Die Bürgerinitiative BIWOS will verhindern, dass es noch mehr werden. Für Oerzen haben sie einen Teilerfolg erzielt. Foto: phs
Die Südergellerser haben bereits einen guten Blick auf Windkraftanlagen. Die Bürgerinitiative BIWOS will verhindern, dass es noch mehr werden. Für Oerzen haben sie einen Teilerfolg erzielt. Foto: phs

Das Windrad-Roulette – Debatte in Ritterakademie

dth Lüneburg. Fast auf den Tag vor vier Jahren beschloss der Lüneburger Kreistag, die Vorrangflächen-Planung für raumbedeutsame Windkraftanlagen anzugehen. Jetzt fand dazu der nächste Marathontermin in der Ritterakademie statt: Über acht Stunden lang setzten sich die Planer und Gutachter des Kreises öffentlich mit den Stellungnahmen auseinander, die zur zweiten Änderung des Planungsentwurfs Windenergie in den vergangenen Monaten eingegangen waren.

Auf Papier füllen die Einwendungen von Kommunen, Investoren und Bürgern sowie die Antworten mehr als 1700 Seiten. Aktuell sind kreisweit noch 780 Hektar im Verfahren verteilt auf acht Vorrangflächen, für bis zu 200 Meter hohe Anlagen. Die größte Änderung in der jetzigen Planungsphase ist, dass das umstrittene Vorranggebiet Wetzen-Südergellersen-Oerzen westlich der Ortslage Oerzen verringert wird.

Kreisrätin Monika Scherf, auf dem Podium flankiert von sechs Mitarbeitern und Gutachtern, stellte den aktuellen Stand vor. Eingangs betonte sie: „Heute ist nicht der Tag der Entscheidung, heute ist der Tag des Austausches. Nichts von dem, was wir heute vorstellen, ist in Stein gemeißelt.“ Mehr als 70 Vertreter von Kommunen, Umweltschutzverbänden, Investoren und Bürgerinitiativen nutzten die Gelegenheit, noch einmal mündlich auf die Antworten des Kreises einzugehen. Neben den bekannten Fragen etwa zu Infraschall, Immobilien-Wertminderung und Mindestabständen, war das Vorkommen des Rotmilans ein beherrschendes Thema. Dabei wurde deutlich, dass die Auswahl von Flächen durch möglicherweise wechselnde Rotmilan-Horste zu einer Art Roulette werden kann.

Der Rotmilan gehört zu den in Niedersachsen besonders geschützten Arten. Für diese Vogelart besteht ein generelles Risiko, an Windenergieanlagen zu verunglücken, heißt es. Wegen des „Revierschwerpunktes des Rotmilans“ waren zuletzt schon die Flächen Raven, Vögelsen und Westergellersen rausgeflogen.

Gutachter Dietrich Kraetzschmer von der Planungsgruppe Umwelt machte deutlich, dass Artenschutz eigentlich gar nicht Sache der jetzigen Planungsebene sei, sondern konkreter Zulassungsverfahren, wenn ein Investor den Anlagenbau beantragt. Gleichwohl solle der Kreis nicht sehenden Auges Vorrangflächen in Rotmilan-Revieren ausweisen.

Würde er wissentlich Flächen ausweisen, die eigentlich Tabu-Zonen sind, könnte ihm das vor Gericht als Verhinderungsplanung angekreidet werden. Anders verhalte sich das bei Bestandsflächen wie in Köstorf. Der Clou: Im Zulassungsverfahren muss ohnehin noch einmal untersucht werden, ob der Vogel im dann ausgewiesenen Plangebiet doch nistet. Insofern sind die jetzigen Gutachten zu Rotmilan-Standorten nur Momentaufnahmen. In der Regel gilt der geschützte Greifvogel aber über Jahre als standorttreu.

Ganz ohne Rotmilan, aber mit Argumenten, haben Kommunen und die BIWOS (Bürgerinitiative Wetzen/Oerzen/Südergellersen) einen Teilerfolg erzielt. Sie wandten sich gegen die Zusammenfassung der Teilflächen Wetzen, Südergellersen und Oerzen, die als Einheit im Verbund mit bestehenden Parks einem Windkraft-Anlagen-Riegel bis nach Melbeck gleich kämen. Dem folgte teilweise der Landkreis mit Blick auf den bestehenden Windpark bei Embsen. Um zum Windpark Embsen einen Mindestabstand von drei Kilometern zu erzielen, soll nun die Vorrangfläche westlich der Oerzer Ortslage reduziert werden bis auf eine Restfläche entlang der Kreisstraße 10.

Ilmenaus Samtgemeindebürgermeister Peter Rowohlt sagte auf LZ-Nachfrage: „Das stellt für die Samtgemeinde nahezu den Idealzustand dar.“ Mit der Restfläche könne die Samtgemeinde „gut leben“. Die BIWOS hingegen dürfte ihren Widerstand nun auf die Bereiche Südergellersen und Wetzen konzentrieren.

Im Gegensatz zur ersten Änderung des Planungsentwurfs wurden aufgrund der Stellungnahmen weitere Änderungen vorgenommen. So wird bei der Fläche Etzen/Ehlbeck der südöstliche Bereich des Teil­standortes Ehlbeck doch wieder aufgenommen, nachdem ein Schwarzstorch-Vorkommen dort nicht bestätigt wurde.
Im neuen Jahr wird sich der Kreistags-Ausschuss für Erneuerbare Energien mit den Abwägungen beschäftigen und einen Satzungsbeschluss vorbereiten.

 

Oft gestellte Fragen
Zu den bisher häufigsten Vorbehalten nahm unter anderem Burkhard Kalliefe Stellung. So sagte der pensionierte Leiter der Stabsstelle Regionalentwicklung und jetztige externe Berater des Landkreises zu der Befürchtung, Immobilien würden im Umfeld von Windkraftanlagen an Wert verlieren: „Das ist eine verständliche Sorge.“ Zwar sei das nicht Gegenstand der Planung, dennoch sei nicht erkennbar, „dass ein mehr als geringfügiger Wertverlust entstehen könnte.“ Auf den Vorhalt einer Bardowickerin, Makler sprächen von Wertverlusten von um die 20 Prozent, entgegnete Kalliefe: „Erkenntnisse aus NRW und Ostfriesland besagen, dass sich das nach einiger Zeit wieder einpendelt.“ Ansonsten seien zivilrechtliche Ansprüche wegen Wertverlust in den konkreten Bauleitverfahren gegen den jeweiligen Investor vorzubringen, nicht gegen den Kreis. Einen Schlagabtausch zum Thema Infraschall lieferte sich Lärmgutachter Christian Popp mit verschiedenen Vertretern von Bürgerinitiativen über Studien zu Messungen und Wirkungen. Unterm Strich blieb Popp dabei: Die gesetzlichen Grenzwerte werden beim Hörschall eingehalten, beim Infraschall hingegen gebe es bezüglich gesundheitlicher Gefährdung „keine gesicherten Erkenntnisse“ und „noch Forschungsbedarf“. Kreisrätin Monika Scherf nahm zudem die Befürchtungen der Bardowicker BI „Windkraft in der Samba“ auf, dass die dort geplanten Windräder die allergenen Härchen des Eichenprozessionsspinners verwirbeln könnten. Die Anfrage, ein Gutachten dazu in Auftrag zu geben, werde an den Kreistag weitergeleitet.
Vorrangflächen
Die vom Landkreis Lüneburg jetzt noch vorgesehenen Vorrangflächen für „raumbedeutsame Windkraftanlagen“ belaufen sich auf rund 780 Hektar, das entspricht zirka 0,6 Prozent der gesamten Landkreisfläche. Ursprünglich war die Verwaltung mit 1250 Hektar in die Planung gestartet. Laut Kreisrätin Monika Scherf drehen sich derzeit im Kreis Lüneburg 69 WKA mit einer Leistung von 116 Megawatt, die jährlich 193 Gigawattstunden produzieren. Scherf: „Sollten auf den neuen Flächen die Anlagen realisiert werden und alte Anlagen abgebaut werden, dann hätten wir 50 bis 60 WKA mit rund 180 Megawatt, die 420 bis 520 Gigawattstunden Strom produzieren.“ Das würde rechnerisch ausreichen, um 120000 bis 145000 Haushalte mit Strom zu versorgen, so Scherf. Die noch im Verfahren befindlichen Vorrangflächen sind:
Etzen-Ehlbeck (rund 120 Hektar)
Tellmer (65)
Wetzen-Südergellersen-Oerzen (136)
Bardowick (134)
Köstorf (63)
Melbeck (108)
Süttorf/Thomasburg (60)
Wendhausen/Boltersen (94)
Mindestabstände
Der Landkreis will folgende Mindestabstände für Windkraftanlagen festlegen:
1000 Meter zu Wohngebieten
800 Meter zu gemischten Bauflächen
500 Meter zu Splittersiedlungen und Einzelwohnanlagen beziehungsweise landwirtschaftlichen Hofanlagen.
Zudem will der Landkreis doppelt so hohe Mindestabstände zu „klassifizierten Straßen“ ansetzen als vom Gesetzgeber vorgeschrieben, also 40 Meter zu Bundes-, Landes- und Kreisstraßen sowie 80 Meter zu Bundesautobahnen aber nur, wenn gutachterlich Gefahren von Eisabwurf ausgeschlossen werden können. Sonst gilt als Mindestabstand die Formel Nabenhöhe plus Rotordurchmesser mal 1,5.

3 Kommentare

  1. ich empfehle eine windkraftanlage vor dem lüneburger rathaus. diese würde ganzjährige und völlig unabhängig von jeglichen wetterverhältnissen funktionieren. und somit könnten alle ratsmitglieder unter strom bleiben. der wind, der dort erzeugt wird , müsste eigentlich auch für die ganze stadt reichen und diese weiter unter strom setzen. aber mal ehrlich, was würde lüneburg ohne strom machen. nicht mal die lz würde noch funktionieren.

  2. Im Auge des Betrachters

    Heute früh hörte ich beim Bäcker jemanden eine »schöne Tasse Kaffee« bestellen. Das gab mir zu denken, denn weder die klobige Tasse noch deren Inhalt besaßen einen ästhetischen Wert, und das Getränk aus der Maschine schmeckt erfahrungsgemäß so bitter wie es das Leben derjenigen ist, die im Stehcafé frühstücken müssen. Dennoch schien der Mann zufrieden. Kann man sich denn Kaffee schöntrinken?

    Und geht das auch mit Windkraftanlagen?

    • man kann sich sogar weihnachten schön trinken. obwohl bei uns polizeihunde einen doppelt so hohen täglichen verpflegungssatz bekommen, als kinder von hartz iv -empfängern.