Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Renate Henckel hat dem Stadtarchiv Fotos und das Tagebuch ihres Großvaters aus dem 1. Weltkrieg überlassen. Sie zeigt ein Bild von Ernst und Else Dieckmann.
Links unten: Schützengräben wurden zu Gräbern, während in der Heimat wie auch in Lüneburg (oben) weiter Spenden gesammelt wurden. Foto: A./ca
Renate Henckel hat dem Stadtarchiv Fotos und das Tagebuch ihres Großvaters aus dem 1. Weltkrieg überlassen. Sie zeigt ein Bild von Ernst und Else Dieckmann. Links unten: Schützengräben wurden zu Gräbern, während in der Heimat wie auch in Lüneburg (oben) weiter Spenden gesammelt wurden. Foto: A./ca

Fronturlaub für Dienst an Ladentheke – Neue Ausstellung im Stadtarchiv

ca Lüneburg. Else Dieckmann wandte sich an den „wohllöblichen Magistrat“: Der Krieg, der später Erster Weltkrieg heißen sollte, dauere ja schon länger. Ende Juli 1915 habe sie nun auch noch ihren besten Mitarbeiter ziehen lassen, der eine „gute Stütze“ gewesen sei, er müsse an die Front, da sei ihr Gatte schon seit Monaten. Ob man ihrem Mann Ernst nicht zwei, drei Wochen Urlaub schenken könne? „Derselbe (werde) zur Fortführung seines Geschäfts, Manufaktur- und Konfektionsware, unbedingt benötigt“. Lüneburgs Oberbürgermeister König schrieb ans Militär, die Stadt „befürworte warm“, den erbetenen Urlaub zu gewähren.

Es ist ein kleines Stück Alltag aus der Zeit zwischen 1914 und 1918, als Europa vom Kanonendonner widerhallte, als sich an der Front im Westen Soldaten auf wenige Meter Entfernung in Gräben und Stacheldrahtverhauen gegenüberlagen, als Armeen den Gegner mit Giftgas attackierten. Das Stadtarchiv dokumentiert jetzt Weltgeschichte aus lokaler Sicht mit Fotos, Aufrufen und Feldpostbriefen. Auch wenn es nur eine kleine Schau ist, lohnt ein Besuch, um einen Blick zu werfen, auf den Krieg, der vor 100 Jahren ausbrach und im deutschen Bewusstsein, anders als in anderen Nationen, nur eine kleine Rolle spielt.

Danny Kolbe und seine Kollegin Susanne Altenburger haben im Auftrag von Stadtarchivar Dr. Thomas Lux Material zusammengetragen und sind dabei auch auf neue Dokumente gestoßen. Bekanntlich bietet das Archiv an, alte Filme digitalisieren zu lassen. Auf diesem Weg hat auch Renate Henckel Kontakt zum Haus an der Wallstraße gesucht. Die Lüneburgerin brachte das Kriegstagebuch ihres Großvaters sowie zahlreiche Bilder: Ernst Dieckmann, dessen Familie lange ein Geschäft an der Ecke Grapengießer- und Kuhstraße betrieb, war von 1914 bis 1918 an verschiedenen Fronten im Einsatz.

Dieckmanns Schicksal steht für das Los vieler Männer, nicht nur aus Lüneburg. Begeistert zog das Land in den Krieg, von dem es glaubte, er sei in ein paar Wochen erledigt. Die Stimmung war „vaterländisch“. In Lüneburg hatte sich das etwa mit viel Hallo im April 1913 gezeigt. Damals feierte die Stadt ihren Widerstand in den Befreiungskriegen gegen Napoleon und seine Truppen im Jahr 1813. Die Lüneburger und das „Heldenmädchen“ Johanna Stegen hatten sich französischen Truppen widersetzt. Johanna soll angeblich in ihrer Kittelschürze Kugeln durch die feindlichen Reihen getragen und so die Lüneburger Verbündeten unterstützt haben. Ein zeitgenössischer Film von 1913 zeigt, wie enthusiastisch die Bürger diese Zeit feierten als Symbol der Überlegenheit Deutschlands gegenüber Frankreich. Es war ein riesiges Volksfest, Schulen und Geschäfte hatten geschlossen, damit alle jubeln konnten.

Als der Krieg einen Sommer später begann, war man auch an der Ilmenau begeistert. Lüneburger spendeten, so wie überall. Sie zeichneten Kriegsanleihen als Investition in die Zukunft, denn sie hofften, an der Kriegsbeute beteiligt zu werden. Ein großer Irrglaube, denn Deutschland verlor den Krieg und musste Milliarden für Zerstörungen an Reparationsleistungen etwa an Frankreich leisten. Eine Last, die drückte und Hass gegen die siegreichen Gegner keimen ließ.

Doch erst einmal wollten Männer unbedingt dabei sein. Als Major von Bettendorf am 31. Juli 1914 von der Treppe des Lüneburger Schlosses, heute sitzt dort das Landgericht, zur „Generalmobilmachung“ aufrief, meldeten sich beispielsweise 13 Lehrer und 65 Oberprimaner des Johanneums als Freiwillige.

Es wurde kein Spaziergang mit Theaterdonner, sondern blutiger Ernst. Im Westen, im Elsass und in Lothringen etwa, starben Abertausende. Die Front hatte sich festgefressen.

Das Stadtarchiv holt das, was weit weg erscheint, ganz nah heran: Der Lüneburger Mediziner Dr. Otto zu Jeddeloh war als Stabsarzt im Einsatz. Regelmäßig schrieb er an seine Frau Margarethe, und die antwortete. 500 Briefe sind erhalten und geben einen Eindruck von der Front, wo der Doktor kaum nachkommt, die Verwundeten zu behandeln: Klagen helfe nicht, die Arbeit müsse erledigt werden, und das werde sie.

Es wird kleinlauter. Am Anfang sendet seine Frau ihm Lebensmittel. Später bittet sie ihn, etwas zu essen zu schicken. Die Soldaten müssen nicht so sehr Kohldampf schieben, wie ihre Familien an der „Heimatfront“. Da zeigt das Archiv verstörende Gegensätze: Mädchen in weißen Kleidern verkaufen Maiglöckchensträuße, um Spenden für das Rote Kreuz zu sammeln. Später will das Kaiserreich Kirchenglocken einschmelzen, um Kanonenrohre zu gießen.

Die Geschichte ging nicht gut aus. Als Amerika im Frühjahr 1917 in den Krieg eintritt, schicken die Vereinigten Staaten frische Soldaten und Material der gewaltigen Wirtschaftsmacht. Doch es dauert noch eineinhalb Jahre, bis das Morden ein Ende hat, das Kaiserreich von einer Revolution hinweggespült wird und der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann am 9. November 1918 vom Balkon des Berliner Reichstags die Republik ausruft. Die Folgen der furchtbaren Jahre waren gewaltig. Historiker sehen darin auch Wurzeln für den Zweiten Weltkrieg.

Ernst Dieckmann, der Geschäftsmann von der Grapengießerstraße, bekam Urlaub. Über seine Zeit im Krieg habe er nicht gesprochen, erinnert sich seine Enkelin Renate Henckel. Es ging ihm wie anderen. Denn die Begeisterung aus dem Sommer 1914 dürfte in Lüneburg in vielen Familien gestorben sein. Ein Stein auf dem Zentralfriedhof erinnert an 800 gefallene Söhne, Brüder und Väter.

Auf der Suche nach Dokumenten

Die Ausstellung im Lüneburger Stadtarchiv kann zu den üblichen Öffnungszeiten des Archivs besucht werden, nämlich am Dienstag und Donnerstag von 9 bis 16 Uhr und am Mittwoch von 9 bis 18 Uhr. Das Archiv bittet Lüneburger um weitere Nachlässe, welche auch die jüngere Geschichte der Region zeitgeschichtlich dokumentieren. Ansprechpartnerin ist Susanne Altenburger, erreichbar unter Tel.:  3 09 32 26.