Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Die LZ-Redakteure Emilia Püschel und Max Matthies haben sich wenige Tage vor Weihnachten aufgemacht und an Lüneburger Haustüren geklingelt, um nach einer warmen Unterkunft zu fragen - so, wie Maria und Josef in der Weihnachtsgeschichte. Foto: t&w
Die LZ-Redakteure Emilia Püschel und Max Matthies haben sich wenige Tage vor Weihnachten aufgemacht und an Lüneburger Haustüren geklingelt, um nach einer warmen Unterkunft zu fragen - so, wie Maria und Josef in der Weihnachtsgeschichte. Foto: t&w

Die Lüneburger Weihnachtsgeschichte: Ein Klingeln in der stillen Nacht

Von Emilia Püschel und Maximilian Matthies

Viele Flüchtlinge sind in diesem Jahr nach Lüneburg gekommen, oft wurde die Willkommenskultur in der Hansestadt gelobt. Doch was, wenn an einem kalten, verregneten Abend zwei verlottert aussehende Gestalten an der Wohnungstür klingeln und bitten, sich drinnen aufwärmen zu dürfen? Wenige Tage vor Heiligabend haben sich LZ-Redakteurin Emilia Püschel und Volontär Maximilian Matthies auf den Weg gemacht, um nach einer warmen Unterkunft zu suchen. Ähnlich wie Maria und Josef in der Weihnachtsgeschichte.

Ein letzter banger Blickwechsel, dann drücken wir auf die erste Klingel. Unsere Herzen klopfen heftig. Der Türsummer ertönt. Drei, vier Stufen hinauf, dann steht ein Mann um die 70 im Türrahmen zu seiner Wohnung. „Was wollt ihr?“, fragt er misstrauisch und macht die Tür ein Stück zu. Noch ehe wir antworten können, schießt bellend ein kleiner, dicker Hund durch den Türspalt, springt an uns hoch, kratzt und zwickt. Endlich zerrt der alte Mann den Kläffer in seine Wohnung zurück und knallt die Tür ins Schloss. Kein guter Start.

Kurz darauf stehen wir wieder im kalten Nieselregen in der Nähe der Bleckeder Landstraße. Über Klinkerfassaden, nassen Mülltonnen und einer Bushaltestelle verschwindet das letzte Tageslicht. Wenige Menschen sind unterwegs. Wer vorbeikommt, schaut uns an und schnell wieder weg. Noch einmal sprechen wir unsere Geschichte durch: Auf der Durchreise bei einem Kumpel rausgeflogen, fremd in der Stadt, kein Geld in der Tasche, den ganzen Tag unterwegs gewesen, völlig durchgefroren.

An der nächsten Wohnung öffnet eine dunkelhaarige Frau Anfang 50. Auf die Frage, ob wir uns bei ihr aufwärmen dürfen, stammelt sie „gerade ganz ungünstig“, „Massage-Patient“, „tut mir leid“. Ein ähnliche Reaktion bei der Nachbarin. Nein, wir könnten nicht hereinkommen, sie pflege ihren schwerkranken Mann. Der vierte Versuch endet im Flur eines Mehrparteienhauses. Keine Tür öffnet sich. Allmählich frieren wir tatsächlich.

Eine Straße weiter sitzt eine graue Katze vor einer Glastür. Auf unser Klingeln öffnet ein Mann mittleren Alters. Während wir unsere Geschichte erzählen, hört er uns aufmerksam zu. Dann schließt er die Tür. Sekunden später reißt er sie wieder auf uns streckt uns zwei Euro entgegen. „Hier, kauft euch einen Kaffee am Bahnhof.“

Als wir den wahren Grund unseres Rundganges verraten, stellt er sich als Holger M. vor und bittet uns auf eine Tasse Tee herein. Am Wohnzimmertisch gesteht der 51-Jährige: „Wildfremde Leute reinlassen, da habe ich ein Problem mit. Ich hatte Angst, Sie gehen dann nicht mehr weg.“ Doch helfen wollte er trotzdem. Mit dieser positiven Erfahrung machen wir uns auf den Weg zum Hanseviertel.

Akkurat angeordnete Neubauten zwischen Garagen und Gärten voller Kinderspielgerät. Hinter den Terrassenfenstern der Einfamilienhäuser glänzen die Kugeln geschmückter Weihnachtsbäume. Einladendes Licht flutet aus den Wohnzimmern. Einladend auch für Eindringlinge wie uns? Erster Klingelversuch. Ein Kinderwagen ist hinter der Glasscheibe der Eingangstür zu erkennen. Daneben taucht eine junge Frau auf, „Ja?“, fragt sie ein wenig zögerlich. Wir spulen unsere Leier ab. „Das ist jetzt eine ganz komische Situation.“ Die Hausherrin blickt uns unsicher an.

Sie ist allein zu Hause mit ihrem drei Monate alten Töchterchen. Vor ihrer Tür warten zwei Fremde. „Ihr tut mir aber nichts, oder?“ Wir stehen schon halb im Hausflur. Und dürfen tatsächlich weiter herein. Auf einen Kaffee. Später, in die Geschichte eingeweiht, gesteht Julica R.: „Mir war schon ein bisschen mulmig.“ Doch ihre Hilfsbereitschaft ist größer als die Angst vor einem Überfall. Viel größer. „Wir haben auch eine Luftmatratze und ein Gästezimmer, da hättet ihr pennen können.“ Das erste Mal an diesem Abend, dass uns ein Schlafplatz angeboten wird. Wir sind beeindruckt. Aber haben wir noch mehr Glück?

Wir ziehen weiter, klingeln an einem Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Kurz wird die Tür geöffnet, schnell wieder geschlossen. Wir hören noch wie sich der Schlüssel dreht, die Kette vorgeschoben wird. Keine Chance. Auch nicht an der nächsten Tür.

Familienvater Stephan L. erwischen wir vor seinem Haus. Eigentlich wollten wir zu seinen Nachbarn, doch dort hat niemand geöffnet. Jetzt trifft es den 35-Jährigen. Dieses Mal wollen wir gleich mit der Tür ins Haus fallen, fragen nach einem Schlafplatz. Und Stephan ringt mit sich, minutenlang. „Die Kinder müssen schlafen und morgen früh aufstehen“, erklärt er. Sicher, verstehen wir, doch wir bleiben hartnäckig. Stephan verschwindet im Haus, bespricht sich mit seiner Frau Elise.

Sie kommt dazu. „Ihr könnt reinkommen zum Abendessen.“ Das reicht uns nicht. „Ja danke, aber können wir nicht auch bei euch übernachten?“ Elises Lächeln gefriert. Flehen bringt nichts, nur zum Essen dürfen wir herein. Wir geben uns zu erkennen. Die Erleichterung steht den Eltern ins Gesicht geschrieben. „Essen und Übernachten auf einmal war zu viel. Ich bin misstrauisch geworden, die Geschichte klang doch etwas absurd“, sagt Elise. Und die 36-Jährige ergänzt: „Wäre ich alleine gewesen, hätte ich noch mehr gezögert.“

Auch eine ausländische Familie zögert an diesem Abend uns hereinzulassen. Wir sind wieder in Nähe der Bleckeder Landstraße. Zwei Jungen und ein Mädchen lugen mit großen, schwarzen Augen hinter der Tür hervor. In die Wohnung lassen wolle sie uns nicht, sagt die Mutter. Sie schließt die Tür, wir ziehen ab.

Einen Häuserblock weiter hören wir plötzlich ein dünnes Stimmchen hinter uns. „Kommt mit!“ Wir drehen uns um und sehen einen der Jungen von eben, er ist ganz aus der Puste. Wir folgen ihm über die Pfützen zurück zu seinem Haus. Dort angekommen, hält er uns zwei Plastikbecher entgegen, befüllt mit dampfend heißem, schwarzen Tee. Erst da bemerken wir, wie dringend der Junge helfen wollte. Er trägt nur Strümpfe.

One comment

  1. ES WAR EINE SEHR GUTE IDEE. ich empfehle dem journalismus so weiter zu machen. erkenntnisse,die man selbst sammelt und dann verbreitet, sind ehrlicher , als dpa-meldungen. von werbungen ganz abzusehen.