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Rita und Helmut Waßmann leben seit zehn Jahren zusammen in ihrer eigenen Wohnung im Embsener Wohnheim der Lebenshilfe. Lange war das für Menschen mit Behinderungen nicht möglich. Foto: t&w
Rita und Helmut Waßmann leben seit zehn Jahren zusammen in ihrer eigenen Wohnung im Embsener Wohnheim der Lebenshilfe. Lange war das für Menschen mit Behinderungen nicht möglich. Foto: t&w

Langer Marsch für die große Liebe

as Lüneburg. 16 Kilometer zu Fuß, das ist ein beachtlicher Marsch. Helmut Waßmann hat sich Ende der 70er-Jahre fast jedes Wochenende von der Mörekesiedlung auf den Weg nach Embsen gemacht der Liebe wegen. Denn im dortigen Wohnheim der Lebenshilfe wohnte Rita, an die er sein Herz verlor. Gemeinsam leben in einer Wohnung, das war damals für Menschen mit geistiger Behinderung undenkbar. Lang war auch der Weg, bis sie endlich ein Leben in den eigenen vier Wänden realisieren konnten. Seit 2007 sind Rita und Helmut Waßmann ein Ehepaar.

Zehn Jahre wohnen beide inzwischen in dem Haus an der Lindenstraße in Embsen. Einst war es ein Landgasthaus, im hinteren Teil war die Ortspost. Die Lebenshilfe Lüneburg-Harburg übernahm das Haus Anfang der 70er-Jahre und baute es zum Wohnheim um. In den einstigen Posträumen haben die Waßmanns ihr Domizil, Rita führt den Besucher durch das Zuhause. Die Küche, hell und freundlich, ist picobello aufgeräumt. Ob hier auch gekocht wird? „Klar, ein halbes Schwein auf Toast“, flachst die 61-Jährige: „Leichte Sachen wie Nudelsuppe, das ist Helmuts Lieblingsspeise, bereite ich selber zu. Bei schwierigeren Gerichten helfen mir schon mal die Betreuer. Aber beim Saubermachen kann mir keiner was vormachen.“ Im Schlafzimmer hängen Fotos, die das Ehepaar bei einem Berlin-Besuch zeigen, und ein Bild, auf dem Jesus umgeben von Lämmern zu sehen ist. „Das hat Helmut von seiner Mutter zum Einzug bekommen.“ Das Bayern-Poster an der Tür ist für BVB-Fan Rita eher ein Dorn im Auge, aber aus Zuneigung zu ihrem Helmut „ist das schon okay“. Im Wohnzimmer, das adventlich mit Gestecken geschmückt ist, blicken beide zurück.

Kennengelernt haben sie sich vor vierzig Jahren, nachdem das Wohnheim gerade eröffnet worden war und sie dort eine Unterkunft fanden. „Ich bin dann aber bald wieder zu meiner Mutter gezogen“, erzählt der 62-Jährige. Doch Rita ging ihm nicht aus dem Kopf, deshalb nahm er den Fußmarsch regelmäßig und gerne in Kauf. Sie schaut ihn verschmitzt von der Seite an: „Das ist Liebe.“ Dann stellt sie klar: ,,Am Anfang waren wir nur befreundet.“ Damals durften die beiden gerade mal zusammen spazierengehen oder im Gruppenraum gemeinsame Zeit verbringen. Mehr Nähe wurde nicht zugelassen.

Frank Müller, Geschäftsführer der Lebenshilfe, weiß um die Zeit, als Menschen mit Handicap nicht das zugestanden wurde, was für Menschen ohne Behinderung selbstverständlich war. „Damals waren Frauen und Männer zum Beispiel im Landeskrankenhaus noch getrennt in großen Schlafsälen untergebracht. Als dieses Wohnheim eröffnet wurde, war die Skepsis bei Angehörigen und Mitarbeitern groß, welche Folgen das Zusammenleben haben könnte.“ Plötzlich war Raum geschaffen, in dem Partnerschaften entstehen konnten. „Mitarbeiter hatten Sorge, dass sie in rechtliche Probleme kommen, wenn Paare sexuelle Kontakte haben“, sagt Müller. Deshalb galt zunächst ein strenges Reglement, um zu viel Nähe zu verhindern. „Das Wohnheim bot ein Stück Zuhause. Dabei standen Fürsorge und Schutz im Vordergrund, aus heutiger Sicht hatte das etwas Bevormundendes.“

An der engen Freundschaft von Rita und Helmut hat das nichts geändert. „1991 bin ich ins Wohnheim Hügelstieg in Adendorf gezogen. Von da an haben wir uns mit den Besuchen abgewechselt. Helmuts Mutter hat mich voll akzeptiert und unsere Beziehung wertschätzend begleitet. Sie hat immer gesagt: Da kommt meine Deern“, erzählt Rita Waßmann. „Muddern“ stand sie gerne helfend zur Seite.

Knapp 30 Jahre hat es gedauert, bis sich ihre Sehnsucht nach einem Zusammenleben mit ihrem Helmut erfüllte. 2003 übernahm Hans-Peter Frank die Leitung des Wohnheims in Embsen, er kannte Rita aus der Einrichtung Hügelstieg und wusste um die lange Liebe. Als sie und Helmut im November 2004 wieder in Embsen einzogen, bot er ihnen eine gemeinsame Wohnung an. Sie schaut zu ihrem Mann und sagt keck: „Er hat die Schuhe an.“ Ja, sie streiten auch mal, „aber das gehört doch auch zum gemeinsamen Leben dazu“.

Dass sie verbunden bleiben wollen, haben sie im Juni 2007 mit dem Ehegelöbnis bekräftigt. Das schönste Gefühl sei gewesen, als ihr Mann ihr den Ehering auf den Finger gesteckt habe. „Da wusste ich endgültig, zu wem ich gehöre.“ Und dann schüttelt sie ein Stück Vergangenheit ab: „Meine Oma hat immer gesagt: Behinderte dürfen nicht heiraten und keine Kinder kriegen.“ Dass sie inzwischen zu alt sind für eigene Kinder, das tut schon weh. Aber Helmut hält seiner Frau pragmatisch entgegen: „Das Gute ist doch, dass wir nicht mehr alleine sind.“ „Stimmt“, sagt Rita wieder gefasst und blickt zu Helmut: „Gut, dass er im Haushalt eine Frau hat.“ Die beiden wissen, was sie aneinander haben. Den langen Weg, den er am Anfang ihrer Liebe auf sich genommen hatte, würde er für seine Rita immer wieder gehen, sagt Helmut.