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Armin Püttger-Conradt hat zahlreiche Artikel zu den Nashörnern veröffentlicht, darunter auch das Buch Der Fluch des Horns. Foto: t&w
Armin Püttger-Conradt hat zahlreiche Artikel zu den Nashörnern veröffentlicht, darunter auch das Buch Der Fluch des Horns. Foto: t&w

Lüneburger engagiert sich für Rettung weißer Nashörner

Das Nördliche Weiße Nashorn steht kurz vor dem Aussterben. Weltweit gab es noch sechs Tiere, jetzt ist im Zoo im kalifornischen San Diego ein weiteres gestorben. Die Hoffnung, die Art doch noch retten zu können, ist verschwindend gering. Ganz aufgeben will sie ein Biologe aus dem Wendland trotzdem nicht.

off Lüneburg. Er ist 23 und auf der Suche nach Fröschen, als er seinem ersten Weißen Nashorn begegnet. Als Student sammelt Armin Püttger-Conradt am Kongostrom im Auftrag der Forschung Amphibien und Schnecken, wochenlang ist er im Einbaum auf dem Fluss unterwegs, als er sich entscheidet, den Garamba Nationalpark zu besuchen. Es soll ein kurzer Abstecher werden und er verändert sein ganzes Leben.

„Ich wollte im Garamba-Nationalpark eigentlich nur mal die großen Tiere Afrikas erleben und schloss mich einer Gruppe Wildhüter an. Doch dann kam mir das Ganze vor wie ein absurder Traum, ich konnte gar nicht glauben, wo ich da hineingeraten war. Überall fanden wir tote Nashörner, manchmal lagen ganze Familien auf einem Haufen, dann gingen wir weiter und schon wieder drei tote Nashörner. Insgesamt fanden wir Hunderte Kadaver. Alle abgeschlachtet mit Maschinengewehren. Offiziell sollten dort noch 800 Tiere leben, tatsächlich waren höchstens noch 45 am Leben.“

Zurück in Deutschland schreibt der Biologiestudent für die Zoologische Gesellschaft Frankfurt (ZGF) einen Bericht über das, was er im Kongo erlebt hat. Die lässt seine Beobachtungen von einem Biologen aus Tansania überprüfen, der bestätigt die Situation. Mit einem Unterschied. „Wo ich 45 Tiere angegeben habe, konnte er nur noch 25 feststellen.“
Die ZGF reagiert, schiebt mit der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen ein Hilfsprojekt an. Abkommen mit der kongolesischen Regierung werden geschlossen, neue Wildhüter eingestellt, geschult und bewaffnet. Bis das Schutzprogramm tatsächlich startet, erreicht die Nashorn-Population ihren vorläufigen Tiefstand. 14 Tiere, die letzten Nördlichen Weißen Nashörner in freier Wildbahn.
Entdeckt wurden die Dickhäuter als eigene Unterart des aus dem südlichen Afrika bekannten Breitmaulnashorns erst vor einem Jahrhundert. Damals weideten die Tiere noch in großer Zahl in der Savanne Zentralafrikas, wanderten in Gruppen durch das Grasmeer. Das Nördliche Weiße Nashorn ist hochbeiniger als seine südafrikanischen Verwandten, sportlicher und eleganter. „Sie sind wie Baletttänzerinnen“, sagt Püttger-Conradt, „schweben auf ihren Zehenspitzen durch die Savanne.“ Wie Pferde und Tapire gehören sie zu den Unpaarhufern, stehen und wandern nur auf drei Zehen. „Wundervolle Tiere“, sagt Püttger-Conradt. Doch ihr Wahrzeichen bringt sie an den Rand des Untergangs.

Fatu und Najin sind 2009 aus einem tschechischen Zoo in ein Reservat nach Kenia gebracht worden. Heute gehören sie zu den letzten fünf Nördlichen Weißen Nashörnern der Welt. Foto: püttger-conradt
Fatu und Najin sind 2009 aus einem tschechischen Zoo in ein Reservat nach Kenia gebracht worden. Heute gehören sie zu den letzten fünf Nördlichen Weißen Nashörnern der Welt. Foto: püttger-conradt

„Das Horn der Tiere war begehrt, als Potenzmittel brachte es als Pulver in China viel Geld, im Nordjemen ist das Horn als Griff für den traditionellen Krummdolch begehrt. So kamen Ende der 1970er, Anfang der 1980er Rebellen aus dem Südsudan über die Grenze in den Nationalpark, um die Nasenhörner zu Hunderten zu erbeuten und damit ihren Bürgerkrieg gegen den arabischen Norden zu finanzieren. Man tauschte die Hörner gegen Waffen und Munition, metzelte die Nashörner dafür regelrecht nieder. Aus Flugzeugen schossen sie mit Maschinengewehren auf die Nashörner, in Jeeps folgten die Männer am Boden, die den Tieren die Hörner vom Kopf hackten.“

Armin Püttger-Conradt lässt das Schicksal der Weißen Nashörner nicht mehr los. Nach seinem Studium kauft er sich einen alten Landrover, repariert ihn und ist zwei Monate später am Ziel. Kinshasa, die Hauptstadt des Kongo. Tag um Tag steht er im Ministerium und bittet um eine Forschungserlaubnis. Irgendwann gibt die Behörde nach. Und Armin Püttger-Conradt hat vier Jahre nach seiner ersten Afrikareise die offzielle Erlaubnis, die Nördlichen Weißen Nashörner zu studieren.
Geld bekommt er dafür nicht. „Doch das Leben in Afrika war billig.“ Der 27-Jährige kehrt zurück in den Nationalpark, lebt mit den Wildhütern in Zelten, lernt Lingala, ihre Sprache. Drei Jahre bleibt er, studiert die Weißen Nashörner, gibt ihnen Namen, erstellt Identifikationskarten mit der Form ihrer Hörner als Erkennungszeichen. Mit der Population geht es aufwärts, das Schutzprogramm zeigt Wirkung. 1999 leben wieder 39 Nördliche Weiße Nashörner im Garamba Nationalpark. Püttger-Conradt veröffentlicht unterdessen zahlreiche Artikel, gilt inzwischen als Experte für das Nördliche Weiße Nashorn, pendelt zwischen Deutschland und Afrika. „Wenn alles so weiter gegangen wäre, könnten wir heute über 100 Nashörner haben.“ Doch mit neuen politischen Unruhen geht auch das Töten der Nashörner weiter.

„1994 brach in Ruanda der Völkermord aus und mit den Flüchtlingen kam auch der Krieg über die Grenze in den Ostkongo. 27 Warlords kämpfen bis heute um Macht und Bodenschätze, seit einigen Jahren facht die hohe Nachfrage nach Coltan die Konflikte zusätzlich an. Das Erz, das für Handys, Kameras, Laptops oder Spielekonsolen verwendet wird, gilt als das Gold des Kongo. Und leider verträgt sich das nicht: seltene Erden und seltene Tiere. Das Gemetzel ging weiter. Und vor ein paar Jahren sind auch die letzten drei Nördlichen Weißen Nashörner im Kongo abgeschossen worden.“

Auch ihren Untergang begleitet Püttger-Conradt. Trotz Krieg kehrt er immer wieder zurück in den Garamba-Nationalpark. und findet jedes Mal neue Kadaver. „Es war schrecklich“, sagt er, „aber wir konnten die Tiere nicht einfangen und wegbringen.“ Die Straßen zum Nationalpark seien höllisch, große Flugzeuge könnten nirgends landen. „Also mussten wir zusehen, wie die Nördlichen Weißen Nashörner in freier Wildbahn ausstarben.“ Als Püttger-Conradt die letzten Kadaver findet, sind seit seiner ersten Begegnung mit den Nashörnern mehr als 30 Jahre vergangen. „Da fragt man sich schon“, sagt er, „wofür waren all die Jahre eigentlich?“

Doch es gibt Hoffnung. Zumindest einen winzig kleinen Funken. 1975 lässt sich ein tschechischer Zoodirektor und Waffenhändler eine Ladung Kalaschnikows an südsudanesische Rebellen mit fünf Weißen Nashörnern bezahlen. Und holt die Tiere nach Tschechien. Dort, im Zoo des böhmischen Städtchens Dvur Králové, kommt nach einem aufwendigen Austauschprogramm mit dem Tierpark des kalifornischen San Diego, Nachwuchs zur Welt. Das Resultat: 2009 gibt es noch acht Nördliche Weiße Nashörner, „zwei in San Diego und sechs in Tschechien“, sagt Püttger-Conradt. Die letzten ihrer Art.

„Die Nashörner im Garamba Nationalpark waren ausgerottet. In Gefangenschaft pflanzten sie sich nicht mehr fort. Also brachten wir vier Tiere aus Tschechien, die noch nicht zu alt waren, nach Kenia. Fatu, Najin, Sudan und Suni, zwei Bullen und zwei Kühe. Dort leben sie streng geschützt im Ol Pejeta-Park und alle hoffen, dass sie sich in ihrer natürlichen Umgebung fortpflanzen.“

Zwischenzeitlich stirbt eins der zurückgebliebenen Nashörner in Tschechien, vor wenigen Monaten Bulle Suni in Kenia, Mitte Dezember sein Artgenosse Angalifu in San Diego, kurz zuvor haben die Verantwortlichen des Ol Pejeta-Parks mitgeteilt, dass die Tiere zu alt sind, um sich auf natürlichem Weg fortzupflanzen. Das einzige, was bleibt, ist die künstliche Befruchtung. Im Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung liegt das Sperma des in Kenia gestorbenen Bullen Suni. Damit ließe sich die Eizelle eines Nördlichen Weißen Nashornweibchens befruchten, ein junges südliches Breitmaulnashorn könnte den Embryo austragen. Eine winzige Chance. Ein letzter Hauch Hoffnung.

„Auch das Südliche Breitmaulnashorn war fast ausgerottet, Ende des 19. Jahrhunderts gab es nur noch 20 Tiere. Doch die Population hat sich erholt, heute leben in Afrika wieder Tausende dieser Nashörner. Ohne genetisch Schaden genommen zu haben.“

Doch alle bisherigen Versuche, eins der Nashörner künstlich zu befruchten, sind fehlgeschlagen. Und selbst wenn es gelingt, „genetisch ist eine Rettung der Art wenig hoffnungsvoll“, sagt Püttger-Conradt. Er versucht sich damit abzufinden, dass die Tiere, die mehr als sein halbes Leben bestimmen, verschwinden. Doch noch kann der 57-Jährige nicht loslassen. „Im Sommer fahre ich wieder nach Kenia“, sagt er. Denn noch gibt es sie: die Nördlichen Weißen Nashörner in Afrika.