Aktuell
Home | Lokales | Jagd in Barendorfer Revier – Trotz Dauerregen durchs Unterholz
Das letzte Halali für die Wildsau ist geblasen. Die Strecke ist nach der Jagd in Barendorf mit insgesamt zwei Wildschweinen und zwei Rehen eher bescheiden. Ein Indiz für die Überjagung des Wildbestandes sei das aber nicht, sondern eine Folge der schlechten Sichtverhältnisse... Foto: t&w
Das letzte Halali für die Wildsau ist geblasen. Die Strecke ist nach der Jagd in Barendorf mit insgesamt zwei Wildschweinen und zwei Rehen eher bescheiden. Ein Indiz für die Überjagung des Wildbestandes sei das aber nicht, sondern eine Folge der schlechten Sichtverhältnisse... Foto: t&w

Jagd in Barendorfer Revier – Trotz Dauerregen durchs Unterholz

Auch in der dunklen Jahreszeit streifen Jäger bei Wind und Wetter durch die Wälder. Kritiker nennen sie „Bambi-Killer“, sie selbst sehen sich als Naturschützer. Die LZ hat eine sogenannte Beunruhigungsjagd im Barendorfer Forst begleitet und die Teilnehmer über die „Lust am Töten“ befragt.

kre Barendorf. Nieselregen, Platzregen, Dauerregen: Für das Nass von oben gibt es viele Beschreibungen. Doch die Wasserwand, die Jägern und Treibern an diesem stürmisch-regnerischen Dezembertag entgegenschlägt, bricht buchstäblich alle Rekorde. Wasser von oben, Wasser von unten, Wasser von vorne. Da muss man schon Waidmann aus Leidenschaft sein. Sturmfest und erdverwachsen.

Denn bei so einem Schietwetter schickt man normalerweise nicht einmal seinen Hund vor die Tür. Die Waidmänner und -frauen sind trotzdem früh auf den Beinen. Oliver Christmann, Revierförster in Barendorf, hat zu einer sogenannten Beunruhigungsjagd eingeladen. Dass das Treiben eine so feuchte Angelegenheit werden würde, konnte bei der Planung der Jagd vor Wochen niemand ahnen. Zum Abschuss freigegeben sind Schwarzwild (außer führenden Bachen), Dam- und Rehwild sowie Fuchs und Enok.

Dass Jäger von Kritikern gern als „Bambi-Killer“ bezeichnet werden, als schießwütige Gesellen, die die pure Lust am Töten antreibe, weiß auch Sylvia Wollerich, die gemeinsam mit ihrem Mann Heiko an der Gemeinschaftsjagd in Barendorf teilnimmt. Seit sechs Jahren ist sie Jägerin. Die Toppenstedterin sagt: „Das sind Vorurteile von Menschen, die es nicht besser wissen.“ Es ist wohl das jagdliche Brauchtum an sich, die Jägersprache, das Verhalten gegenüber dem erlegten Wild, die Bekleidung der Jäger, die manchen Menschen befremdlich erscheinen mag und die Jagdkritiker immer wieder auf den Plan rufen, die die Jagd in Deutschlands Wäldern am liebsten ganz verbieten würden.

Vorwürfe und Forderungen, die auch die Jäger kennen: „Das ist natürlich Quatsch“, sagt Rainer Baumgart, Pressesprecher der niedersächsischen Landesforsten auf LZ-Anfrage. Er betont: „Die Jagd in den Landesforsten ist ein wichtiges Instrument, um einen arten- und strukturreichen Waldaufbau zu gewährleisten.“

Oliver Christmann hat inzwischen seine Jäger und seine Treiber ein- und die Aufgaben verteilt. Jeder weiß, was zu tun ist. Für die Zeit der Jagd gilt auf der Kreisstraße 16 zwischen dem Reinstorfer Kreuz und Vastorf ein Tempo-Limit. Christmann hat es beim Landkreis beantragt aus Sicherheitsgründen. Um die Gefahr von Wildunfällen zu reduzieren. Denn wenn Wildschwein, Reh und Co. aufgeschreckt werden, rennen sie womöglich auch in Panik über die Straße. „Leider erleben wir es immer wieder, dass sich Autofahrer nicht an das Tempolimit halten“, bedauert Christmann.

Die Unfallzahlen bestätigen den Eindruck des Barendorfer Revierförsters: Bis Ende Oktober diesen Jahres hat die Polizei allein im Landkreis Lüneburg bereits 715 Wildunfälle regis­triert. Im Landkreis Uelzen waren es 708, in Lüchow-Dannenberg 570 Unfälle. Und das sind nur die Fälle, in denen Autofahrer die Polizei informiert haben.

Zehn Uhr, die Jagd beginnt: Die Hunde haben Witterung aufgenommen. Aufgeregt durchstreifen sie den Barendorfer Forst. Dahinter die Treiber in ihren signalroten und gelben Warnwesten. Sie haben eine Kette gebildet, stapfen durchs Unterholz den Regen immer im Gesicht. Nach wenigen Minuten das erste aufgescheuchte Reh. Die Ricke hat Glück ihr kommen die Wetterunbilden zugute: Denn die Jäger machen nur dann den Zeigefinger am Abzug krumm, wenn sie das Wild gut erkennen können. Die schlechten Sichtverhältnisse werden an diesem Tag noch einigen Waldbewohnern das Leben retten.

Beim Durchstreifen des Forsts hat man auch Zeit, den einen oder anderen Jäger zu den Vorkommnissen der Lüdersburger Jagdschule zu befragen. Die Waidmänner sind in ihrer Beurteilung zurückhaltend. Aber eines machen sie alle deutlich: Jäger zu sein das ist für sie mehr, als nur mit der Flinte aufs Wild zu halten. Das intensive Naturerlebnis, die Gemeinschaft im Kreise von Gleichgesinnten, die praktische Naturschutzarbeit das sind Argumente, die man an diesem Jagdtag immer wieder hört.

„Ich habe Achtung, Ehrfurcht und Respekt vor der Kreatur“, sagt Sylvia Wollerich. Und trotzdem hat sie kein Problem damit, ein Tier zu erlegen. Für den eigenen Kochtopf, für den Verzehr, für Freunde. ,,Warum auch nicht?“, wundert sie sich über die Frage, „die Tiere vom Landwirt werden auch geschlachtet und gegessen.“ Nur, dass viele dieser Schlachttiere in ihrem ganzen Leben niemals den Maststall verlassen durften. ,,Das ist bei Wild anders“, erklären Sylvia Wollerich und ihr Mann Heiko. „Die Tiere leben bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir sie schießen, in ihrem natürlichen Lebensraum. Ohne gemästet zu werden. Ohne Tierarznei-Einsatz!“ Für die Wollerichs ist das aktiver Tierschutz: „Wenn wir das den Jagd-Kritikern so erklären, dann verstehen die das auch.“

Und der Jagderfolg, das wird auch an diesem regnerischen Dezembertag deutlich, ist letztlich immer auch vom Jagdglück abhängig. Denn trotz einem guten Dutzend Jägern und etlichen Treibern ist die Strecke am Mittag eher überschaubar: Zwei Wildschweine und zwei Rehe liegen auf dem mit Tannengrün ausgelegten Platz.

Ein Indiz dafür, dass die Wildbestände überjagt sind? ,,Nein“, beruhigt Oliver Christmann. ,,Die Strecke lässt überhaupt keine Rückschlüsse auf die Wilddichte zu!“ Das vergleichsweise wenig Tiere erlegt wurden, hänge vielmehr mit den äußeren Umständen zusammen, sagt der Förster. Beispielsweise der schlechten Sicht. Außerdem seien deutlich mehr Tiere an diesem Vormittag gesehen, als geschossen worden. Nämlich insgesamt 16 Sauen und dazu noch etliche Rehe.

Und vor wenigen Wochen, Ende November, seien beispielsweise in der Bennerstedt 38 Sauen und 25 Rehe geschossen worden, berichtet Förster i.R. Armin Eschment. Und das, so versichert er, sei kein Jägerlatein.