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Sebastian Schröder von der Schuldnerberatung des Vereins Albatros und dessen Geschäftsführerin Sabine Dehning begleiten den Lüneburger Peter Bressler auf dem Weg aus der finanziellen Misere. Laut Landesamt für Statistik ist Niedersachsen neben Bremen das Land mit den meisten Verbraucherpleiten. Allein im Jahr 2013 haben 12 727 Frauen und Männer Insolvenz anmelden müssen. Foto: t&w
Sebastian Schröder von der Schuldnerberatung des Vereins Albatros und dessen Geschäftsführerin Sabine Dehning begleiten den Lüneburger Peter Bressler auf dem Weg aus der finanziellen Misere. Laut Landesamt für Statistik ist Niedersachsen neben Bremen das Land mit den meisten Verbraucherpleiten. Allein im Jahr 2013 haben 12 727 Frauen und Männer Insolvenz anmelden müssen. Foto: t&w

Schulden rauben den Schlaf

Auf die Schnelle
– Thema: Schulden und Privatinsolvenz
– Hilfe: Schuldnerberatung Verein Albatros
– Betreute Fälle: bis zu hundert im Jahr
– Regelfall: Schulden durch lange Krankheit oder Jobverlust

ahe Lüneburg. Peter Bressler* schläft nachts wieder durch. Vor ein paar Monaten war das noch undenkbar, da riss es ihn stets gegen zwei Uhr hoch. Vor Sorgen, wie er sagt. Denn der Lüneburger war in finanzielle Nöte geraten. Die Schulden wuchsen ihm und seiner Familie über den Kopf, mit rund 50000 Euro stand er in der Kreide. Ständig lieh er sich Geld, nicht nur von Banken, auch von Freunden. „Ich habe zwei Löcher gestopft und dabei gleichzeitig drei neue aufgerissen“, erzählt Bressler. Irgendwann habe er eingesehen, dass er allein nicht mehr herauskommt aus dem Schlamassel. Er suchte Hilfe, fand sie bei der Schuldnerberatung des Vereins Albatros. Die Experten zeigten ihm einen Ausweg auf, um die Finanzen zumindest auf lange Sicht wieder zu ordnen: den Gang durch die Privatinsolvenz.

Angefangen habe die ganze Misere vor drei Jahren. Er sei krank geworden, habe seinen Job bei einer Spedition aufgeben müssen. Plötzlich brach ein Gehalt weg, die sechsköpfige Familie musste mit dem Verdienst seiner Frau und dem Kindergeld auskommen. Doch das Geld reichte nicht, auch weil vierstellige Zahlungsverpflichtungen drückten. Dazu kamen die Miete und Kosten, die nicht eingeplant waren, wie die Nachzahlung des Stromanbieters oder die Reparatur des kaputten Autos. Auch die Kinder habe er nicht ständig enttäuschen wollen, wenn sie mal ins Schwimmbad oder Eislaufen wollten. Also lieh sich Bressler was bei Banken, vertröstete seine Gläubiger immer wieder, weil er den vertraglich fixierten Rückzahlungen nicht nachkommen konnte. Also ging er zur nächsten Bank, als die sich querstellte, lieh er sich was bei Freunden. „Da fühlt man sich richtig schlecht, eine Katastrophe.“ Knapp zweieinhalb Jahre ging das so, der Schuldenberg wuchs, die Sorge ebenfalls.

„Man führt wieder eine ganz  andere Ehe, ist netter zu den  Kindern, selbst den Hund  behandelt man besser als vorher.“  Peter Bressler*

Die Entscheidung, sich Hilfe zu holen, habe er schließlich allein getroffen. „Meine Frau war dagegen. Sie meinte: Die Suppe haben wir uns selbst eingebrockt, also müssen wir sie auch selbst auslöffeln.“ Auch für ihn selbst sei es nicht leicht gewesen: „Das ist schon eine hohe Hürde. Plötzlich jemand Fremdem seine ganze finanzielle Situation offenzulegen und zu erklären, was man da so alles gemacht hat, das ist schon komisch.“ Zumal selbst im Bekanntenkreis nur eine Handvoll Menschen von der Misere wusste.

Im Mai hatte Bressler das erste Gespräch mit Sebastian Schröder, Schuldnerberater bei Albatros. Drei bis vier Wochen später habe er auch seine Frau von der Notwendigkeit fremder Hilfe überzeugt, seither kommt er regelmäßig. Für Schröder ist der Fall Bressler eine typische Problemfolge aus seinem Beratungsalltag. „Jemand gerät unverschuldet in Not, durch Krankheit und damit verbundenem Jobverlust, das ist für uns der Regelfall“, sagt der Experte. Jene Fälle, in denen jemand schlicht auf zu großem Fuß lebt und das Geld mit vollen Händen zum Fenster hinauswirft, seien eher die Ausnahme. „Von 80 bis 100 Leuten, die jedes Jahr neu zu uns kommen, trifft das vielleicht auf vier zu.“ Bei den anderen ist der Azubi, der mit 300 Euro in der Kreide steht, ebenso dabei wie der Akademiker, den mehr als 200000 Euro Schulden drücken. Doch eines eine alle, sagt Schröder: „Finanzielle Fehleinschätzungen“ habe es bei jedem gegeben.

Auch bei Peter Bressler. Schröder sagt: „Aus meiner Sicht hatte sich die Familie auch vor der Krankheit schon ein Stück weit übernommen.“ Das räumt auch Bressler ein. „Klar, wir haben auch mal einen Fernseher auf Raten gekauft, aber ich habe damals ja auch gut verdient. Überall diese Null-Prozent-Finanzierung, das ist ja auch verlockend, da macht man Fehler. Heute würde mir das nicht mehr passieren.“

Schröder ordnete die finanzielle Situation der Familie. Er nahm Kontakt mit den sieben Banken auf, bei denen sie Schulden hatte, machte ein allenfalls symbolisches Vergleichs­angebot, doch im Grunde war ihm schnell klar: An einer Privatinsolvenz der beiden Eheleute führt kein Weg vorbei. Sechs Jahre lang stehen sie nun unter Aufsicht, müssen jedes Einkommen offenlegen. Alles, was innnerhalb dieser Zeit oberhalb der Grenze liegt, die die Familie zum Leben braucht, wird gepfändet. Die Bresslers liegen unter der Grenze, haben keinerlei pfändbares Einkommen. Zumindest aktuell gehen ihre Gläubiger also leer aus. Sollte der Rentenantrag von Peter Bressler Erfolg haben, könnte sich das ändern.

Große Sprünge können der 45-Jährige, seine Frau und die vier Kinder in den nächsten sechs Jahren nicht machen. „Damit die Kinder Geschenke zu Weihnachten bekamen, haben wir auf vieles verzichtet“, sagt Peter Bressler. Doch das falle leicht im Vergleich zu der Last, die von seinen Schultern gefallen sei durch den Schuldenschnitt. „Man führt wieder eine ganz andere Ehe, ist netter zu den Kindern, selbst den Hund behandelt man besser als vorher.“ Er ist Schröder dankbar für die zurückgewonnene Lebensqualität. „Er hat zu mir mal gesagt: Zu jeder Biographie gehören Fehler, das hat mir gut getan.“ *Name geändert

Der Verein Albatros

Die Schuldnerberatung bietet der Verein Albatros seit 2006 an. Sie ist in der Barckhausenstraße 36 (% 40 15 30) beheimatet. Insgesamt ist der Verein schon seit 35 Jahren in Lüneburg aktiv. Er berät und betreut Familien, Kinder und Jugendliche, ist in der Schulsozialarbeit tätig und aktiv in die Stadtteilarbeit eingebunden, bietet zum Beispiel Elternbildung im ELM in Lüne-Moorfeld an oder auch einen Mittagstisch für Kinder im Treffpunkt Salino an der Sülztorstraße.↔ahe