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Günstiger Wohnraum ist in Lüneburg nicht einfach zu finden, vor allem wenn es stadtnah sein soll. Angebote finden sich wie hier in Lüneburg-Ost oder auf dem Kreideberg. Foto: t&w
Günstiger Wohnraum ist in Lüneburg nicht einfach zu finden, vor allem wenn es stadtnah sein soll. Angebote finden sich wie hier in Lüneburg-Ost oder auf dem Kreideberg. Foto: t&w

Mangel statt Markt – Um günstigen Wohnraum konkurrieren viele in der Stadt

ca Lüneburg. Wer in Lüneburg nach einer Wohnung sucht, kommt an drei G nicht vorbei: Geduld, Glück und Geld. Wenn Bares fehlt, wird die Suche schnell zu einem echten Problem. Denn der Markt günstiger Bleiben ist hart umkämpft. Flüchtlingsinitiative und Herbergsverein berichten, dass sie nur unter Mühe etwas für ihr Klientel finden. Denn auch Studenten balgen sich um günstige Adressen. Ganz zu schweigen von Lüneburgern, die ihr Geld als Verkäuferin oder Schichtarbeiter verdienen und für die ein Haus im Hanseviertel so wahrscheinlich ist wie ein Sechser im Lotto.

Für den Geschäftsführer des Herbergsvereins besitzt das Thema Wohnen längst politische und soziale Sprengkraft: Denn auf einem engen Markt konkurrieren Interessenten ohne große Lobby. „Es geht da auch um den sozialen Frieden“, sagt Michael Elsner. „Die Politik muss im Blick haben, dass die Stimmung kippen könnte, dass das Modell einer offenen Gesellschaft infrage steht.“

Sein Kollege Stefan Buchholz ist beim Herbergsverein für 160 Wohnungen verantwortlich. Ziel sei es, Bewohner langfristig in den allgemeinen Wohnungsmarkt zu integrieren: „Aber das ist schwierig, selbst wenn wir als Verein eine Bürgschaft übernehmen.“ Denn Vermieter zuckten oftmals zurück, wenn sie vom Umfeld des künftigen Mieters hören. Mancher, der über die Herberge und ein Arbeitsprojekt den Weg zurück in die Bürgerlichkeit eingeschlagen hat, kommt aus einem Umfeld, in dem Alkohol, Drogen und psychische Auffälligkeiten zum Alltag gehörten. Daher begleiten Sozialarbeiter die Klienten weiterhin und können im Fall der Fälle schnell eingreifen. Trotzdem findet Buchholz selten offene Türen.

Ähnlich geht es Linda Beckmann und Birger Rietz von der Willkommensinitiative. Wenn sie beispielsweise für Flüchtlinge aus Syrien nach Wohnungen suchen, stoßen sie oft auf Ablehnung. Mancher habe das Bild eines Hungerleiders im Kopf. Dabei seien unter den Menschen viele, die in ihrer alten Heimat selber Häuser und große Grundstücke besessen hätten. Selbst in Kaltenmoor, das bei Wohnungssuchenden nicht zu den beliebtesten Stadtteilen zählt, sei es schwierig geworden, etwas zu finden.

Rietz, der gerade gemeinsam mit Vertretern von Kommunen und Innenminister Boris Pistorius an der Evangelischen Akademie in Loccum an einer Tagung zum Thema Flüchtlinge und Wohnraum teilgenommen hat, berichtet, dass andere Städte stark auf dezentrale Unterbringung setzen. So seien Quoten ein Weg: Wer baut und Fördermittel einwerben möchte, muss einen Teil als Wohnungen mit Sozialbindung schaffen. Über verpflichtende Konzepte seien etwa in Hildesheim rund 30 Wohnungen für Flüchtlinge gefunden worden.

Doch die Frage ist, ob andere Städte mit Lüneburg zu vergleichen sind. Die kommunal geprägte Lüneburger Wohnungsbaugesellschaft verfügt über gut 2100 Wohnungen an der Ilmenau, die vor allem im günstigeren Preissegment liegen. „Wir haben eine Warteliste“, berichtet Geschäftsführerin Heiderose Schäfke. Die Managerin ist aus Sicht der Politik erste Ansprechpartnerin, um neue Wohnungen zu schaffen, die sich auch Leute mit kleinem Geldbeutel leisten können.

Die LüWoBau-Chefin will auch bauen, ein Komplex ist an der Dorette-von-Stern-Straße auf dem Gelände der alten Standortverwaltung geplant. Doch sie sagt auch, das Ganze müsse sich rechnen. Und dafür brauche es Fördermittel des Bundes. Quoten, die bei Bauprojekten vorschreiben, dass eben auch ein Anteil mit Sozialbindung errichtet werden muss, seien kaum erfolgreich: „Dann baut eben keiner. Das haben wir erlebt.“ Ohne ausreichende Zuschüsse lohne sich ein Vorhaben nicht mehr für Investoren. Das Land habe seinen Förderansatz Anfang des Jahres modifiziert, das habe es für die LüWoBau attraktiv gemacht, einen Komplex mit günstigen Wohnungen auf dem Gelände der ehemaligen St.-Ursula-Schule zu bauen.

Mit der Stadt sei sie im Gespräch, eine Art Übergangswohnen zu schaffen. Es soll Platz schaffen für Asylbewerber, die aus den Unterkünften etwa am Meisterweg in andere Wohnungen wechseln möchten und können. Heiderose Schäfke schätzt, dass bis zu 500 Wohnungen in Lüneburg fehlen. Eine ähnliche Zahl hatte die SPD in ihrem Kommunalwahlprogramm vor gut zwei Jahren genannt.

Doch Elsner und Buchholz vom Herbergsverein halten dies für zu niedrig, man müsse doppelt so hoch planen, wenn es denn tatsächlich wieder einen Wettbewerb auf dem Wohnungsmarkt geben solle. Buchholz verweist auf das, was alle spüren: Lüneburg ist Zuzugsregion. Nicht nur wie es lange Jahre war aus Ostdeutschland kommen Neubürger, auch mancher Hamburger weicht auf das aus hanseatischer Sicht günstige Lüneburg aus. Dass in manchen Regionen im Kreis eher ein Überangebot an Wohnraum herrscht, sei kein stichhaltiger Einwand. Wer wolle nach Neuhaus ziehen, wo es keine Arbeit und keinen öffentlichen Bus gebe?

Den Vertretern der Flüchtlingsinitiative und des Herbergsvereins ist klar, dass sie nur appellieren können. Elsner sagt, dass natürlich nicht auf einen Schlag Hunderte neue Wohnungen entstehen würden, die auch bezahlbar seien: „Das wäre eine Illusion.“ Linda Beckmann ergänzt, es könne auch nicht darum gehen, Randgruppen an einem Fleck zu bündeln. Integration bedeute eben auch eine bunte Nachbarschaft. Ein Beispiel: Flüchtlinge, die etwa in einer Wohngemeinschaft mit Studenten lebten, lernten viel schneller Deutsch und fänden bei ihren Mitbewohnern Unterstützung.

Bei der Analyse wollen es die vier nicht lassen. Birger Rietz sagt, für Anfang des Jahres plane man einen Runden Tisch, an den man gerne auch Vertreter der Wohnungswirtschaft holen möchte, um das Problem praktisch anzugehen. Doch nur auf lokaler Ebene sei die Herausforderung nicht zu stemmen. Wie auch LüWoBau-Chefin Schäfke sieht das Quartett Bund und Land gefordert, Geld für sozialen Wohnungsbau zur Verfügung zu stellen.