Aktuell
Home | Lokales | Prozess vor schusssicherem Glas
Justizmitarbeiter bauen die Sicherheitswand zusammen mit Handwerkern in Saal 21 auf. Akustische Probleme sollten die Zuschauer dadurch nicht bekommen  die technische Anlage wurde jetzt erneuert. Foto: be
Justizmitarbeiter bauen die Sicherheitswand zusammen mit Handwerkern in Saal 21 auf. Akustische Probleme sollten die Zuschauer dadurch nicht bekommen die technische Anlage wurde jetzt erneuert. Foto: be

Prozess vor schusssicherem Glas

rast Lüneburg. Der Vorwurf hört sich zunächst wenig spektakulär an, lautet auf Betrug in zehn Fällen und Beteiligung an einer kriminellen Vereinigung. Die sechs Angeklagten verschiedener Nationalitäten sollen beispielsweise Baufahrzeuge wie einen Gabelstapler geleast und nicht bezahlt haben. Doch der zunächst auf mehr als 80 Verhandlungstage angesetzte Prozess, der am 5. Februar vor der 1. Großen Strafkammer am Landgericht Lüneburg beginnt, birgt Brisanz: Drei der Angeklagten gelten als Rädelsführer einer kriminellen Vereinigung, sollen vorwiegend im Raum Hannover agiert haben. Von den sechs Angeklagten sitzen fünf in Untersuchungshaft und einer von ihnen wurde gerade erst Anfang der Woche von Griechenland nach Deutschland ausgeliefert.

Bei dem Prozess geht die Justiz auf Nummer sicher: Gericht, Staatsanwaltschaft und Polizei haben gemeinsam ein Sicherheitskonzept entwickelt. Das sieht neben verschiedenen Aspekten wie intensiven Personenkontrollen auch den Schutz im Prozesssaal mit einer schusssicheren Glaswand vor und die feierte gestern bei ihrem Einbau in Saal 21 quasi Geburtstag: Vor 20 Jahren wurde sie erstmals eingesetzt, feierte ihre Premiere in Lüneburg. Dass es die richtige Entscheidung war, zeigten damals die Folgen eines Prozesses: Ein Mann wurde getötet, drei Opfer zum Teil schwer verletzt.

Schüsse in Gerichten sorgten immer wieder für Schlagzeilen, so wie im Fall Marianne Bachmeier, die 1981 im Landgericht Lübeck den mutmaßlichen Mörder ihrer Tochter Anna erschoss. „Um dieses Risiko zu mindern, hat sich das Niedersächsische Justizministerium entschlossen, eine Schutzwand konstruieren zu lassen“, sagte Reiner Scharper, damals im Ministerium für Sicherheit und Organisation zuständig, 1995 der LZ. Entwickelt wurde die Wand mit durchschusssicherem Glas von Sicherheitsexperten des Landeskriminalamtes. Das knapp 50000 Mark teure Ergebnis wurde erstmals in Lüneburg eingesetzt, anschließend an mehreren Gerichtsstandorten in Niedersachsen installiert, zuletzt bei einem Kurden-Prozess in Braunschweig. Die Wand trennt den Zuhörerraum vom eigentlichen Prozesssaal. Die Schutzwand besteht aus elf Einzelteilen, jedes Teil hat ein Gewicht von 100 Kilogramm und ist 2,80 Meter hoch. Die Elemente können beliebig zusammengesetzt werden. So können sie beispielsweise auch um die Anklagebank herum aufgestellt werden.

„Die Wand beeinträchtigt die Akustik im Zuhörerraum nicht“, sagt Harald Plaschke, Sicherheitsbeauftragter im Landgericht, der beim Aufbau durch Justizbedienstete und die Firma Studemund dabei war: „Wir haben die komplette Technik im Saal erweitert und erneuert.“ Es gibt 22 Tonkanäle, zusätzliche im Boden eingebaute Anschlüsse. Für einen deutlich besseren Klang als mit der alten Anlage sorgen neu gekaufte Mikros, die in die Tische der Prozessbeteiligten eingesteckt werden können, sowie neue Lautsprecherboxen.

Die Glaswand bleibt eine Weile in Lüneburg, denn der Betrugsprozess ist bis weit ins Jahr 2016 hinein terminiert.