Dienstag , 27. September 2016
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Weiter Bus fahren mit ihrem Elektromobil, auch Elektroscooter genannt, kann die Adendorferin Sonja Schade. In Stadt und Landkreis Lüneburg gibt es kein Transportverbot. Foto: t&w
Weiter Bus fahren mit ihrem Elektromobil, auch Elektroscooter genannt, kann die Adendorferin Sonja Schade. In Stadt und Landkreis Lüneburg gibt es kein Transportverbot. Foto: t&w

Noch dürfen die Elektromobile mit – Verkehrsverbund untersagt Mitnahme in Bussen und Straßenbahnen

mm Lüneburg. Zu schwer und klobig seien einige Gefährte, sie könnten Rampen beschädigen und während der Fahrt wegrutschen oder umkippen. Im Gebiet des Verkehrsverbundes Bremen/Niedersachsen (VBN) ist seit Anfang des Jahres die Beförderung von Elek­tromobilen in Linienbussen und Straßenbahnen nicht mehr erlaubt. Und: Es sei anzunehmen, dass sich auch außerhalb der Verbundsgrenzen etwas ändern werde, sagt VBN-Pressesprecher Eckhard Spliethoff. Auch in Stadt und Landkreis Lüneburg?

Aufgeschreckt von dem Beförderungsverbot im westlichen Niedersachsen ist die Abteilung Lüneburger Heide im Sozialverband VdK Niedersachsen. „Der Beschluss des VBN, ab 1. Januar 2015 aus Sicherheitsgründen keine Elektromobile mehr in Bussen zu befördern, steht in krassem Gegensatz zur angestrebten Inklusion behinderter Menschen im Kreisgebiet Lüneburg“, erklärt der Geschäftsführer Hartmut Erdmann. Ähnlich sieht das der Bundestagsabgeordnete Herbert Behrens (Linke): „Das Verbot von E-Scootern muss unverzüglich zurückgenommen werden. Die Verkehrsunternehmen sind dafür zuständig, geeignete Abstellflächen und Sitzgelegenheiten auszuweisen.“

Damit teilt Behrens die Sorge, dass auch in der Hansestadt und im Landkreis eine neue Regelung in Kraft treten könnte. Jedoch schließt der Hamburger Verkehrsverbund (HVV) ein Verbot noch aus: „Die Verkehrsunternehmen im HVV planen derzeit keine Änderung der bestehenden und bewährten Regelungen zur Mitnahme von elektrischen Rollstühlen oder Elektroscootern“, sagt Pressesprecher Rainer Vohl.

Die bisherige Regelung sieht vor, dass mobilitätseingeschränkte Personen mit ihren Fahrzeugen Busse und Bahnen nutzen können. Im Zweifel entscheide das Betriebspersonal über die Zulässigkeit der Mitnahme, etwa dann, wenn ein Elektromobil zu schwer ist und nicht über eine Rampe befördert werden kann. So handhabt es auch das örtliche Verkehrsunternehmen, die KVG. „Elektroscooter werden mitgenommen, solange die Belastungsgrenze der Rampe nicht überschritten ist. Ein Fahrzeug muss von den angegebenen Messungen auf den Platz passen“, sagt Betriebsleiter Hartmut Müller.

Ein mulmiges Gefühl, wenn sie mit ihrem Elektroscooter über eine Rampe in einen bereitstehenden Bus rollt, hat öfters die Adendorferin Sonja Schade. „Man weiß nie, ob die Rampen wirklich halten“, sagt sie. Seit fünf Jahren ist sie auf ihr 15 km/h schnelles Elektromobil angewiesen.

Denn Sonja Schade kann nicht mehr laufen, sie leidet an der Nervenerkrankung Multi­ple Sklerose. Für die 50-Jährige ist die Beförderung von Elektromobilen ein wichtiger Teil von Inklusion. „Es geht darum, weiter am Leben teilzuhaben.“ Doch es sei auch schon vorgekommen, dass sie mit ihrem Gefährt nicht im Bus mitgenommen wurde. In diesem Fall entschied der Zweifel, ob eine Mitnahme gefahrlos möglich ist, gegen sie.

Aber nicht nur das Gewicht der Elektromobile ist ein Problem. Hintergrund für das Transportverbot im VBN ist ein vom Verband Deutscher Verkehrsunternehmen erstelltes Gutachten.

Darin heißt es unter anderem: „Eine Gefahr des Kippens oder Rutschens bei Elektromobilen ist nicht auszuschließen, sondern bei Fahrmanövern mit starken Beschleunigungskräften, die auf das Elektromobil wirken, wahrscheinlich“. Beeinträchtig sei die Betriebssicherheit, da „die vom Gesetzgeber für einen sicheren Transport von Rollstühlen vorgesehenen Rückhaltesysteme (Prallplatte oder Prallfläche) überwiegend aufgrund der geringen Rangierfähigkeit nicht bestimmungsmäßig genutzt werden können“.

Ein rückwärtiges Anlehnen sei häufig nicht möglich, die Elektroscooter stünden meist quer zur Fahrtrichtung. Auch seien die bis zu 1,60 Meter langen Fahrgeräte nicht besonders manövrierfähig.

Von den Elektromobilen gäbe es über 400 verschiedene Modelle, jedoch seien sie alle nicht normiert, sagt Eckhard Spliethoff vom VBN. Sollten sie aber sein. Dann könnten Busse leichter umgerüstet werden. Hartmut Erdmann meint: „Vorrichtungen mit speziellen Sicherheitsgurten zur Befestigung der Elektromobile können ohne großen finanziellen Aufwand in den Bussen nachgerüstet werden, in Rollstuhltransportfahrzeugen sind solche Vorrichtungen bereits vorhanden. Man kann sich hier nicht hinter Paragraf 8, Absatz 3 des Personenbeförderungsgesetzes verstecken, der besagt, dass in Nahverkehrsplänen eine vollständige Barrierefreiheit erst bis zum 1. Januar 2022 zu berücksichtigen ist.“

One comment

  1. Es ist unsäglich, dass Behinderte mit E-Scootern von einem Tag auf dem anderen vom öffentlichen Leben ausgeschlossen und draussen stehen gelassen werden. Es muss schnellstens eine Lösung gefunden werden.

    Daher haben wir eine Petition gestartet. Wir freuen uns über jede Unterschrift und Unterstützung.
    https://www.change.org/p/kölner-verkehrsbetriebe-kvb-jeder-darf-am-öffentlichen-leben-teilhaben-mobilität-im-öpnv-auch-für-behinderte-mit-electro-scooter?recruiter=88650958&utm_source=share_petition&utm_medium=facebook&utm_campaign=share_facebook_responsive&utm_term=des-md-share_petition-no_msg&utm_content=rp_petition_fb_share_desc%3Acontrol

    Positive Beispiele gibt es übrigens auch, wenn auch leider nicht in Deutschland sondern im fernen New York:
    http://www.general-anzeiger-bonn.de/leserbriefe/e-scooter-verbot-grenzt-an-diskiminierung-article1527212.html