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Marina Kroll, Konstanze Dahlkötter und Jürgen Luxemburger (v.l.)  sind der Vorstand der Lüneburger Tafel. An vier Tagen in der Woche können sich Bedürftige in der Ausgabestelle Im Tiefen Tal Lebensmittel abholen. Foto: t&w
Marina Kroll, Konstanze Dahlkötter und Jürgen Luxemburger (v.l.) sind der Vorstand der Lüneburger Tafel. An vier Tagen in der Woche können sich Bedürftige in der Ausgabestelle Im Tiefen Tal Lebensmittel abholen. Foto: t&w

20 Jahre Lüneburger Tafel: Not macht keine Pause

ca Lüneburg. Dem Land geht es gut, wenig Arbeitslose, das Privatvermögen steigt. Deutschland strahlt wirtschaftlich als helles Licht in Europa. Doch das Licht wirft auch Schatten. Und wenn man so will, wächst dieser Schatten: Armut. Marina Kroll und Jürgen Luxemburger können sie gut beschreiben. Sie und ihre ehrenamtlichen Mitstreiter verteilen Lebensmittel bei der Lüneburger Tafel. Es kommen immer mehr Menschen zur Ausgabe Im Tiefen Tal, im Durchschnitt 15 mehr pro Monat. Für manchen ist der Gang zur Tafel längst ein Teil des Überlebens geworden.

„Die ersten zehn Tage im Monat ist weniger los“, sagt Marina Kroll. „Dann ist das Geld alle, und für viele ist noch viel Monat übrig.“ Da kommen Seniorinnen, deren Rente gering ist. Ist der Mann gestorben, ist die Wohnung zu groß für die Beihilfe zur Miete. Sie knapsen sich etwas ab, um nach Jahrzehnten nicht die gewohnte Umgebung verlassen zu müssen. Auch Asylbewerber bitten, denn die Lebensmittel der Tafel machen das Leben etwas leichter. „Die Klientel hat sich verändert“, sagt Marina Kroll. Obdachlose, die am Anfang zum Stammpub­likum zählten, sind nur noch wenige dabei.

Seit 20 Jahren besteht die Tafel, und in diesen Jahren hat sich eine Menge getan. Grund für eine große Geburtstagsfeier besteht nicht, finden die beiden Tafelvorstände und ihre Kollegin Konstanze Dahlkötter. Klar, es gibt eine kleine Feier. Aber die Arbeit muss schließlich erledigt werden. Not macht keine Pause.

1995, als alles begann, zog eine Handvoll Studentinnen über den Markt und durch Geschäfte, um Lebensmittel zu sammeln. Vor dem Landgericht und im Café Number 1, einer Außenstelle der Drogenberatungsstelle, gaben sie Obst, Brot und Gemüse an ein paar Bedürftige weiter. Vielen war es peinlich, darum zu bitten. Luxemburger sagt: „Von dem asozialen Touch sind wir weg.“ Es sei viel selbstverständlicher, das Angebot zu nutzen. Eben weil es viel mehr Menschen benötigen vom Rentner bis zum Langzeitarbeitslosen.

Längst ist aus der Tafel ein mittelständisches Unternehmen geworden. Allerdings gibt es nur eine feste Mitarbeiterin im Büro. Der Rest: ehrenamtlich. 70 Helfer arbeiten mit, die Hälfte besteht aus Mitgliedern des Vereins, die andere Hälfte kommt aus der Klientel der Bedürftigen und will selber mit ­anpacken. 3300 Personen stehen in der Kartei, betroffen sind mehr. „Oft sind es Familien“, sagt Luxemburger. 400 bis 500 „Einkäufe“ erledigen die „Kunden“ an den vier Ausgabetagen in der Woche. Der Standort Lüneburg reicht nicht mehr, vergangenes Jahr hat die Tafel eine Zweigstelle in Scharnebeck eröffnet.

Anders als zu Beginn haben die verschiedenen Verantwortlichen wie etwa Gabi Kneißle und Klaus Benecke auch auf eine Organisation der Armut gesetzt. Sie führten schon vor Jahren ein Ausweissystem ein. Wer die Hilfe möchte, der muss sein Einkommen etwa mit einem HartzIV- oder Rentenbescheid belegen. Dazu schauen sich Tafel-Mitarbeiter Ausgaben für Miete und Nebenkosten an. So wollen sie Missbrauch verhindern, den es in der Vergangenheit gegeben hat. Einen Euro zahlen die Kunden für den Einkauf nach der Devise „Nur was etwas kostet, hat auch einen Wert“. Doch auch wer den Euro nicht hat, geht nicht ­hungrig wieder weg.

Der Betrieb basiert auf den Ein-Euro-Einnahmen und Spenden. „Wir erhalten keine öffentlichen Zuschüsse“, sagt Marina Kroll. Ab und an kommt mal Bares aus einem Gerichtsverfahren. Mancher Deliquent kann sich mit einer Geldbuße für einen guten Zweck einem Verfahren entziehen. Und Geld braucht die Tafel: für Miete, einen Kleintransporter, Treibstoff, Verpackungsmaterial, das Büro. Lebensmittel sammelt sie in Geschäften, darunter Auslieferungslager von Rewe und Edeka. Es ist immer auch ein Kampf ums eigene Überleben.

Aber Marina Kroll, Jürgen Luxemburger und die anderen machen weiter. Auch wenn sie die Argumente kennen, dass Handelskonzerne sie als billige Müllentsorger nutzen, dass sie als Reparaturbetrieb eines mangelnden Sozialssystems einspringen. Luxemburger zuckt die Schultern: „So werden die Lebensmittel nicht weggeworfen. Und Menschen, die nicht über die Runden kommen, brauchen Hilfe.“

Die Tafel sucht Mitstreiter, die beim Einsammeln der Lebensmittel und in der Ausgabe Im Tiefen Tal helfen, Tel.: 402180.