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Für Polier Jürgen Hindermann ist der Anblick der schrägen Wände des Uni-Zentralgebäudes immer wieder beeindruckend. Wie hier vom fünften Obergeschoss des Gebäudeteils Forschungszentrum aus. Foto: t&w
Für Polier Jürgen Hindermann ist der Anblick der schrägen Wände des Uni-Zentralgebäudes immer wieder beeindruckend. Wie hier vom fünften Obergeschoss des Gebäudeteils Forschungszentrum aus. Foto: t&w

Uni-Zentralgebäude „So ein Ding baut man nicht jeden Tag“

mm Lüneburg. Der Fahrstuhl ist im Lot, die Wand an der Außenseite des Forschungszentrums schräg. An dieser Stelle staunt Polier Jürgen Hindermann immer wieder. „Daran werden die Dimensionen des Gebäudes besonders deutlich. So ein Ding baut man nicht jeden Tag“, sagt der 48-Jährige. Im Erdgeschoss schließt die Wand noch direkt an den Fahrstuhl an, hier im dritten Obergeschoss beträgt der Abstand acht Meter. Der eigenartige Winkel ist Ausdruck von Stararchitekt Daniel Libeskind, der das neue Zentralgebäude für die Leuphana Universität entworfen hat. Jürgen Hindermann ist Mann der ersten Stunde auf der Megabaustelle an der Uelzener Straße, wo am kommenden Montag, 19. Januar, Richtfest gefeiert wird. Der Bau dauert für ihn schon mehr als 30 Monate und ist jeden Tag eine neue Herausforderung.

Jürgen Hindermann sitzt in seinem Büro einem Baucontainer. Der kräftige Mann mit wachsamen Augen lehnt sich in seinem Stuhl zurück. In den Regalen um den Schreibtisch stapeln sich braune Aktenmappen, jeder kleine Schritt auf der Baustelle wird haargenau dokumentiert. Der Polier aus Wolfenbüttel, dort ist sein Arbeitgeber, das Bauunternehmen Kümper + Schwarze, ansässig, arbeitet seit Juni 2012 auf der Baustelle.

Er erinnert sich noch an seinen ersten Arbeitstag. Damals musste das Fundament eingemessen werden, es wurde mit dem Aushub von Hebeanlagen für Schmutzwasser begonnen. Jetzt muss der 48-Jährige jeden Tag Treppen steigen. Ungefähr 120 Stufen geht es hinauf, dann erreicht der Polier das sechste Stockwerk des Forschungszentrums. Von hier oben bietet sich ein Rundumblick über Lüneburg. In der Stadt sei er erst wenige Male gewesen, ein Arbeitstag auf der Baustelle dauert von 6 Uhr in der Früh bis 22 Uhr am Abend, es herrscht Schichtbetrieb. Für ihn habe die längste Schicht über zwölf Stunden gedauert, sagt Hindermann. Das war, als die Decke im Erdgeschoss vom Forschungszentrum, dem Hautgebäude, in Beton gegossen wurde.

Es habe Stockwerke gegeben, da ging es mit dem Bau nur schleppend voran. „Der viele Sichtbeton hält auf. Eine besondere Schalung ist notwendig. Die filigran abgenagelten Platten müssen sehr sorgfältig behandelt werden.“ Aber Übung macht den Meister. Ab dem vierten Stockwerk des Forschungszentrums konnte zügiger gearbeitet werden. „Zugute kam uns jetzt auch der milde Winter“, erklärt Hindermann. Noch fehlt ein Stockwerk, bis das Forschungszentrum steht. Ein Gebäudeteil, das Seminarzentrum, muss überhaupt erst noch gebaut werden.
Im Januar 2017 muss der gesamte Bau fertig sein, sonst könnten EU-Fördermillionen verloren gehen. Seit der Grundsteinlegung im Mai 2011 ist die Fertigstellung mehrfach verschoben worden. „Das Gebäude soll spätestens Ende 2016 fertiggestellt sein“, sagt Uni-Pressesprecher Henning Zühlsdorff.

Derweil fordert die niedersächsische Wissenschaftsministerin Dr. Gabriele Heinen-Kljajic: „Die Universitätsleitung muss auch weiterhin dafür sorgen, dass der Bauverlauf und die Finanzierung seriös und transparent vonstatten gehen“. Den Zeitplan nennt sie ambitioniert und er bleibe „nach wie vor kritisch“.

Auf der Baustelle werkeln am Rohbau zwischen 40 und 45 Arbeiter. Sie kommen überwiegend aus Ungarn und Portugal. Manche verstehen Deutsch, andere verständigen sich über Gestik und Mimik. Zum Glück habe es bisher erst einen Unfall gegeben. Ein Arbeiter hatte eine Stütze auf den Kopf bekommen und eine Platzwunde davongetragen. „Trotzdem ist mir bei dem vielen Blut das Herz in die Hose gerutscht“, sagt Hindermann, zuständig für Sicherheitskontrolle und reibungslosen Ablauf der Arbeiten.

Der wird jeden Abend geplant. Mit der Bauleitung und dem zweiten Polier auf der Baustelle vom Bauunternehmen Pätzold sitzt Hindermann dann vor den Bauzeichnungen. Für eine Wand gäbe es zwischen fünf und sechs Pläne. Hindermann muss sie studieren und dann den Arbeitern erklären, was zu tun ist. Angst, einen Fehler zu machen, hat Hindermann nicht. Aber Respekt: „Den habe ich besonders vor den ersten geneigten Wänden gespürt, die wir betoniert haben.“

Mit Beton arbeitet der Niedersachse aus dem Örtchen Dettum bei Wolfenbüttel seit 32 Jahren. Im Jahr 1983 begann er seine Lehre, wurde eingezogen, ging danach zur Polierschule. Seine beiden Söhne sieht er nur am Wochenende. Er sei schon mal anderthalb Jahre auf Montage gewesen. Der Auftrag in Lüneburg ist für ihn der längste fernab der Heimat.