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Zwei Laptops, PC und Beamer hat Jürgen Behn in seinem Haus in Bleckede aufgebaut, so wird die Fahrt mit seiner virtuellen Kleinbahn erst richtig schön. Foto: be
Zwei Laptops, PC und Beamer hat Jürgen Behn in seinem Haus in Bleckede aufgebaut, so wird die Fahrt mit seiner virtuellen Kleinbahn erst richtig schön. Foto: be

Lokführer-Spaß im Wohnzimmer

us Lüneburg. Quietschend kommt der Zug an der Haltstelle Neu Neetze zum Stehen, wo schon ein paar Fahrgäste auf den Sonderzug aus Lüneburg warten. Doch mit dem Einsteigen hapert es, die Türen öffnen sich nicht. „Bin wohl etwas zu weit gefahren“, vermutet Jürgen Behn. Vorschriftswidrig setzt er seinen Zug ein paar Meter zurück, wirft einen Blick aus dem Führerstand der Lok und prüft, ob die Waggons korrekt am Bahnsteig stehen. „Jetzt klappt‘s“, sagt er erleichtert, als sich die Türen dann doch wie geplant öffnen. Nachdem die Reisenden eingestiegen sind, schiebt er den Hebel im Führerstand der BR 052 wieder nach vorn, und mit kraftvollem Dröhnen der Diesellok nimmt der Zug Ziel auf Bleckede. Dort endet die Fahrt, kurz dahinter ist auch die Welt auf dem PC von Jürgen Behn zuende.

„Ich habe fast alles per Hand gebaut“, erzählt der 72-Jährige. Vor einem halben Jahr begann er mit dem Bau der Kleinbahnstrecke Lüneburg-Bleckede, nicht als Modelleisenbahn auf der Sperrholzplatte im Keller, sondern auf Laptop und PC im Wohnzimmer. Als Grundlage dient ein Computer-Simulationsprogramm, doch das lieferte nur den Bereich um Lüneburg, „alles andere musste ich selbst entwickeln.“

Noch bevor er mit der Arbeit startete, fuhr der Bleckeder die Strecke mit der Kleinbahn ab, die von der Arbeitsgemeinschaft Verkehrsfreunde Lüneburg (AVL) betrieben wird. Vorn in der Lok konnte er alles auf Video aufnehmen, „wichtig, um Details zu den Signalen und Schildern und einen Eindruck der Landschaft zu bekommen“. Da Gleispläne für die Strecke nicht aufzutreiben waren, suchte er sich den genauen Trassenverlauf bei Google Earth heraus, ebenso Angaben zum Aufbau der Orte und Unterwegsbahnhöfe. Auch die Ostumgehung bei Lüneburg, der Elbe-Seitenkanal mit Binnenschiff und selbst das Schiffshebewerk in Scharnebeck tauchen in der Welt von Jürgen Behn auf.

Ob es das Betonwerk in Neetze, eine Biogasanlage bei Rullstorf oder das alte Bahnbetriebswerk in Bleckede mit Lokschuppen und Drehscheibe ist, seine Welt ist dem Original in Teilen verblüffend nah. „Schwierig war es, die Orte originalgetreu wiederzugeben, allein schon wegen des enormen Speicher- und Rechnerbedarfs. Hier musste ich auf vorgefertigte Bauteile zurückgreifen“, berichtet Jürgen Behn. Manch ein Gebäude kommt daher auch schon mal mit süddeutschem Äußeren daher.

„Schon als Kind war ich ein Technik-Freak“, erzählt Behn, der Maschinenschlosser gelernt und später als Verwaltungsbeamter beim früheren Amt für Agrarstruktur in Lüneburg gearbeitet hat. Eine Modelleisenbahnanlage hatte er natürlich auch, 16 Quadratmeter war sie groß. Doch heute ist er mehr von der virtuellen Welt in den Simulationsprogrammen fasziniert, setzt sich dazu auch mit englischen Handbüchern auseinander und tauscht sich in Internetforen mit Gleichgesinnten aus. „Das macht Spaß und hält den Kopf fit.“

Wer selbst einmal Lokführer auf der Strecke Lüneburg-Bleckede sein möchte, hat dazu heute im MTV-Sportheim an der Uelzener Straße Gelegenheit. Ab 16 Uhr laden die Eisenbahnfreunde der AVL dort ein, im Führerstand der Diesellok BR 052 oder, wer es gern schneller mag, auch in einem ICE auf der Strecke Hamburg-Hannover Platz zu nehmen.