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Viele Tier- und Pflanzenarten kommen laut Bundesumweltamt nur auf Grünland vor, gleichzeitig bindet es große Mengen an CO2. Ein Umbruch bedeutet also nicht nur Verlust an Biodiversität, sondern setzt auch Kohlenstoffdioxid frei. Foto: A. /t&w
Viele Tier- und Pflanzenarten kommen laut Bundesumweltamt nur auf Grünland vor, gleichzeitig bindet es große Mengen an CO2. Ein Umbruch bedeutet also nicht nur Verlust an Biodiversität, sondern setzt auch Kohlenstoffdioxid frei. Foto: A. /t&w

Zum Acker gemacht: Landwirte durften Grünland ohne Genehmigung umbrechen

off/rg Lüneburg. Seit Oktober 2009 gelten für Landwirte klare Regeln: Wer Wiesen oder Weiden zu Acker machen will, braucht eine Genehmigung der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. Und die erhält nur, wer genauso viel Grünland, wie er an einer Stelle umbricht, an einer anderen wieder ansät. So wollte man „ein ökologisch wertvolles Element in der Agrarlandschaft“ (Umweltbundesamt) schützen und den weiteren Rückgang von Dauergrünland stoppen. Das klappte. Offenbar so gut, dass der Landwirtschaftsminister die Genehmigungspflicht am 19. Dezember für einen kurzen Zeitraum außer Kraft setzen musste. Ein Schritt mit Folgen.

Wie viele Landwirte die 13 Tage bis zum 31. Dezember nutzten, um Grünland in Ackerland umzuwandeln, wird erst die Auswertung der Agrarförderanträge in wenigen Monaten zeigen. Bekannt geworden ist allerdings schon jetzt: Nicht alle haben sich beim Grünlandumbruch an die Spielregeln gehalten. So hat zum Beispiel ein Bauer aus Lüchow-Dannenberg mehrere Hektar Grünland umgepflügt, die im besonders geschützten Flora-Fauna-Habitat-Gebiet liegen. Kein Verstoß mehr gegen die Dauergrünlanderhaltungsverordnung, dafür gegen geltendes Naturschutzrecht.

Im Kreis Lüneburg sind bisher keine Verstöße bekannt. Doch Stefan Bartscht, Leiter Fachdienst Umwelt, geht davon aus: „Auch bei uns ist großflächig Grünland umgebrochen worden.“ Bisher hat die Landwirtschaftskammer den Kreis über jeden Antrag informiert, „dann haben wir geprüft, ob der Umbruch aus naturschutzfachlicher Sicht rechtens ist“. Lag die betroffene Fläche in einem Schutzgebiet, wurde die Maßnahme auch dann nicht genehmigt, wenn an anderer Stelle neues Grünland im gleichen Umfang angesät wurde. „Jetzt mussten sich die Landwirte den Umbruch bei der Landwirtschaftskammer nicht genehmigen lassen“, so Bartscht, „das heißt, auch wir sind nicht informiert worden, wo welche Wiese umgepflügt wurde.“

Grund für die Aufhebung der Genehmigungspflicht ist eine bestimmte Regelung im EU-Recht. Danach sind die Mitgliedstaaten dazu verpflichtet, die Entwicklung des Dauergrünlandanteils zu überwachen. „Wird ein Rückgang des Grünlands von mehr als fünf Prozent festgestellt, muss ein Umbruchverbot verhängt werden“, erklärt Dr. Thorsten Hollmann-Hespos von der Landwirtschaftskammer in Hannover. Und genau das ist in Niedersachsen 2009 passiert.

Umbrechen durfte von da an nur noch, wer für Ersatz sorgt und eine Genehmigung hat. „Praktisch konnte durch diese Maßnahme der Rückgang des Dauergrünland-Anteils gestoppt werden und die Tendenz wieder umgekehrt werden“, erklärt der Kammer-Experte. Die Folge: 2014 ist die Fünf-Prozent-Grenze wieder unterschritten worden. Und die Pflicht zur Genehmigung endete mit der Veröffentlichung der neuen Daten im Ministerialblatt am 19. Dezember.

Seit dem 1. Januar 2015 gelten nun die Regeln der neuen Agrarförderperiode. „Und die sehen wieder eine Genehmigungspflicht für Grünlandumbruch vor“, sagt Dr. Hollmann-Hespos. 13 Tage lang durften die Landwirte also so viel Grünland umbrechen, wie sie wollten – vorausgesetzt, sie verstoßen damit nicht gegen andere Rechtsvorschriften.

Wie viele Landwirte das kurze Zeitfenster zum Umbruch genutzt haben, weiß auch der Geschäftsführer des Bauernverbandes Nordostniedersachsen, Wolf Winkelmann, nicht. „Wir haben unsere Mitglieder allerdings deutlich darauf hingewiesen, dass die Aufhebung der Genehmigungspflicht nicht heißt, dass sie einfach überall Grünland umbrechen dürfen.“ Gerade im Kreis Lüneburg nehmen laut Winkelmann viele Landwirte an Agrarumweltmaßnahmen teil, die die Umwandlung von Grünland verbieten. „Außerdem liegen viele Flächen in Schutzgebieten.“

Wie viel Grünland dennoch verloren gegangen ist, wird die Landwirtschaftskammer frühestens Ende Mai anhand der Agrarförderanträge auswerten. Aktuell gibt es im Kreis Lüneburg rund 16 000 Hektar Grünland und knapp 48 000 Hektar Ackerland. Laut Bundesumweltamt lebt die Hälfte aller in Deutschland vorkommenden Tier- und Pflanzenarten auf Grünland. Für Stefan Bartscht von der unteren Naturschutzbehörde steht deshalb jetzt schon fest: „Jeder Hektar, der uns verloren gegangen ist, ist aus naturschutzfachlicher Sicht eine Katastrophe. Und wir werden jede Maßnahme, die uns bekannt wird, sehr genau prüfen.“

2 Kommentare

  1. Eigentlich ein Unding. Da wollen andere Leute darüber bestimmen, was der der Bauer mit seinem eigenen Land macht. Das Land gehört ihm und nicht der Naturschutzbehörde. Wenn sie die Natur schützen wollen, müssen sie das Land dem Landwirt abkaufen.

    • kenne sie das sprichwort: eigentum verpflichtet? was würden sie sagen, wenn ein waldbesitzer seinen wald komplett umholzt , nur um parkplätze zu bauen?