Donnerstag , 29. September 2016
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Mit Unterstützung von Ilse Sievers (l.) und ihrem Sohn Holger hat Dr. Carola Rudnick dem 1942 in der Psychiatrie Lüneburg ermordeten Heinrich Herold wieder ein Gesicht geben können. Foto: t&w
Mit Unterstützung von Ilse Sievers (l.) und ihrem Sohn Holger hat Dr. Carola Rudnick dem 1942 in der Psychiatrie Lüneburg ermordeten Heinrich Herold wieder ein Gesicht geben können. Foto: t&w

Sonderausstellung in der VHS erinnert an Opfer der NS-Psychiatrie in Lüneburg

us Lüneburg. Heinrich hatte keine Chance. Als der Siebenjährige in das menschenverachtende Räderwerk von Gutachtern, Ärzten und Psychiatern des NS-,,Reichsausschusses zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden“ geriet, stand sein Todesurteil längst fest. Sie schickten ihn in die „Kinderfachabteilung“ der damaligen Lüneburger Heil- und Pflegeanstalt am Wienebütteler Weg, dort wurde er acht Wochen später, am 20. Januar 1942, ermordet, weil man der Kleinwüchsigkeit des Jungen auf den Grund gehen wollte. Das Schicksal Heinrich Herolds ist eines von zwölf Kindern, die in der Sonderausstellung „Den Opfern ein Gesicht, den Namen wieder geben“ vorgestellt werden. Gestern wurde sie im Foyer der Volkshochschule Lüneburg eröffnet.

„Die Ausstellung ist ein kleiner Beitrag zu einer späten, hoffentlich noch nicht viel zu späten Befreiung der Opfer und ihrer Angehörigen“, sagte Dr. Carola Rudnick von der Bildungs- und Gedenkstätte „Opfer der NS-Psychiatrie“ Lüneburg in ihrem Eröffnungsvortrag. Sie nahm damit Bezug auf die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, die sich morgen zum 70. Mal jährt. Endlich „befreit“ würden nun auch diese Opfer, indem ihnen wieder Name und Gesicht gegeben werde, sie nicht mehr als „abstrakte, amorphe Masse“ behandelt würden. Befreit würden mit dieser Ausstellung aber auch die Angehörigen, die endlich Gewissheit bekämen über das Schicksal ihrer verlorenen Kinder. „Sie werden befreit von den schmerzhaften Lücken, vom Verschweigenmüssen, von der Scham, und bekommen späte Anerkennung“, sagte Dr. Rudnick.

Wie stark dieses Bedürfnis vieler Angehöriger nach „Befreiung“ ist, brachte Holger Sievers, Sohn eines inzwischen verstorbenen Cousins von Heinrich Herold, zum Ausdruck: „Wir sind dankbar, jetzt das aufarbeiten zu können, was mein Vater nicht aufarbeiten konnte.“ Zwar habe sein Vater vermutet, dass Heinrich von den Nazis umgebracht wurde, in die Öffentlichkeit getragen habe er es aber nicht. „Es ist nie nach dem Wie und dem Warum gefragt worden“, wohl auch deshalb, weil sein Vater selbst noch zu sehr „eingeklemmt gewesen ist zwischen verschiedenen Welten, die er nicht fassen konnte“, vermutet Holger Sievers, der gestern mit seiner Mutter nach Lüneburg gekommen war.
Eine echte Befreiung wie beim Konzentrationslager Auschwitz im Frühjahr 1945 sieht Dr. Rudnick für die Betroffenen in der Lüneburger Psychiatrie indes nicht. „Psychiatriepatienten blieben auch nach 1945 Psychiatriepatienten, und ich bin gerade dabei zu erforschen, warum es bis in den Winter 1945/46 hinein überdurchschnittliches Sterben in der Lüneburger Psychiatrie gegeben hat.“ Der Großteil des Personals, das beim Morden und Töten mit hoher Wahrscheinlichkeit mitgewirkt habe, sei nach Kriegsende bis in die 1960er-Jahre hinein weiter in der Pflegeanstalt beschäftigt worden, „das galt auch für die Stations- und Oberärzte“.

Dass es noch eine „Menge weißer Flecken“ gibt, davon ist auch Dr. Sebastian Stierl, überzeugt. „Wir stehen erst am Anfang der Täterforschung“, sagte der Vorsitzende der Bildungs- und Gedenkstätte und Ärztliche Direktor der Psychiatrischen Klinik Lüneburg. Es sei wichtig, jetzt da nachzuhaken, „was lange Zeit grausam versäumt worden ist“.

Die bereits im vergangenen Sommer erstmals gezeigte Sonderausstellung ist mit neuen Objekten versehen, erstmals sind auch Arbeiten ausgestellt, die von Auszubildenden der Pflegeschule in Uelzen erarbeitet wurden. Neben zahlreichen zeithistorischen Dokumenten Patientenakten, Auszüge von Sektionsprotokollen und Briefe von Familienangehörigen sind inzwischen auch zahlreiche Fotos aus dem Besitz der Angehörigen in die Ausstellung eingeflossen. Sie wird noch bis zum 20. März im Foyer der Volkshochschule gezeigt.