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Viele Jahre hat sich Professor Gerd Michelsen an der Leuphana Universität Lüneburg für das Thema Nachhaltigkeit eingesetzt. Foto: t&w
Viele Jahre hat sich Professor Gerd Michelsen an der Leuphana Universität Lüneburg für das Thema Nachhaltigkeit eingesetzt. Foto: t&w

Geradeaus in die Nachhaltigkeit – Gerd Michelsen beendet nach 20 Jahren seine Professur an der Lüneburger Universität

us Lüneburg. Nein, ein schlechterer Mensch sei man nicht, wenn man Blumen aus Südamerika kaufe. Aber mal darüber nachzudenken, ob es auch richtig ist, lohne durchaus, findet Professor Gerd Michelsen. Und dann fällt er wieder, der Nachhaltigkeitsbegriff, der so einfach und plausibel klingt und zugleich so wenig wissenschaftlich, dass man fast nicht glauben mag, darüber überhaupt studieren zu können. Genau 20 Jahre hat Michelsen sich an der Leuphana Universität Lüneburg für das Thema Nachhaltigkeit eingesetzt, die Hochschule damit weit über Deutschland hinaus bekannt gemacht. Jetzt gab er seine Abtrittsvorlesung, ein Abschied für immer aber ist es dennoch nicht.

„Es geht darum, Zusammenhänge zu erkennen und zu lernen, geradeaus zu denken“, sagt Professor Michelsen über sein Forschungsgebiet. Natur- und Sozialwissenschaften, Ökonomie, Recht, Bildung es gebe kaum einen Bereich, der nicht mit Nachhaltigkeit verbunden sei. Und eben weil das Thema so komplex sei, bedürfe es eines Studiums, in dem man lerne, über den wissenschaftlichen Tellerrand der Einzeldisziplinen hinauszuschauen. Inzwischen fließen stattliche Fördersummen aus Politik und Wirtschaft, zuletzt gab es 4,5 Millionen Euro aus dem gemeinsamen Förderprogramm „Wissenschaft für nachhaltige Entwicklung“ der Volkswagenstiftung und des Landes Niedersachsen.

Doch der Weg dorthin verlief nicht reibungslos. Als Michelsen 1993 die Verwaltung der Professur „Ökologie“ an der Leuphana übernahm und drei Jahre später als einer der Gründer den neuen Fachbereich Umweltwissenschaften mit auf den Weg brachte, wurde seine Arbeit zunächst nicht sonderlich beachtet, für manch einen seiner Kollegen war er nur der „Öko-Fritze“. Anders wurde es, als der promovierte Volkswirt begann, die Einzeldisziplinen unter dem Dach der Nachhaltigkeit „gleichgewichtig“ zu behandeln. Das brachte dem heute 66-Jährigen nicht nur den Vorwurf der Oberflächlichkeit ein, vor allem hielt man ihm vor, „ideologische Verkrampfungen“ in die Wissenschaft hineinzutragen. „Die Auseinandersetzungen waren heftig“, erinnert sich Michelsen.

Eine Chance, das Thema fest in den universitären Ablauf zu integrieren, bot sich 2003 mit der Zusammenlegung von Uni und Fachhochschule und ihre Umwandlung in eine Bologna-Hochschule. Unter dem Gedanken der „General Studies“ wurde Nachhaltigkeit in die Studiengänge integriert, nachdem das Thema bereits zuvor als freiwilliges Angebot bei den Studenten auf großes Interesse gestoßen war. Der endgültige Durchbruch aber sei 2006 durch den Wechsel in der Hochschulleitung gekommen, ist Michelsen überzeugt. Damals wurde das Leuphana-Semester mit dem Modul Nachhaltigkeit für alle verpflichtend eingeführt, „ein Alleinstellungsmerkmal, um das uns viele Hochschulen heute beneiden“.

Inzwischen, so Michelsen, sei auch die Zahl seiner Kritiker deutlich gesunken. „Unsere Absolventen der Umweltwissenschaften sind auf dem Arbeitsmarkt gefragt. Immer mehr Unternehmen, aber auch die öffentliche Verwaltung und der Bildungssektor brauchen Leute, die in der Lage sind, die Komplexität zu erfassen und den roten Faden Umwelt nicht aus den Augen zu verlieren.“

Bei allem Erfolg aber sieht Michelsen, dass der Weg hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft noch weit ist: „Was nützen uns unsere Erkenntnisse, wenn wir die Menschen nicht mitnehmen?“ Es seien letztlich die vielen kleinen Schritte, die zählen.

„Was zählt“ ist auch der Titel eines Nachhaltigkeits-Magazins, das seit 2014 unter der Federführung von Professor Michelsen in Zusammenarbeit mit der Landeszeitung regelmäßig erscheint. Ziel ist es, den Gedanken der Nachhaltigkeit in die persönlichen Entscheidungen jedes Einzelnen einzubinden. Wie das geschehen soll? „Daran arbeiten wir die ganze Zeit. Eine Patentlösung gibt es nicht.“

One comment

  1. Randolph Gärtner

    Ganz geheuer schien Goethe die Sache mit der Natur nicht zu sein. „Die Natur“, ließ er seinen Eckermann aus Winsen wissen, habe „immer etwas Problematisches hinter sich“. Dieses allerdings führe nicht etwa dazu, die Natur als etwas Ungeheures sehen zu müssen. Vielmehr könne der Mensch die Natur in Dienst nehmen, was aber voraussetze, darauf bestand der Dichter, dass der Mensch der Natur angemessene Ehrfurcht erweise.

    Der alte Goethe. Angemessene Ehrfurcht – was das heute meinen könnte? Dass die Natur darauf rechnen kann, dass sich der Mensch ihrer allein nach dem „Gebot der Nachhaltigkeit“ bemächtigt. Weil das alle unausgesprochen plausibel finden, kommt keine politische Rede in der Stadtratsversammlung zu standortpolitischen Entscheidungen oder haushalterischen Erwägungen ohne den Verweis auf dieses Prinzip aus.

    Lässt sich unser Oberbürgermeister auf irgendeiner Baustelle auf den neuesten Stand des – natürlich – nach energiepolitischen Wegmarken ausgerichteten Treibens bringen, hebt Ulrich Mädge immer gleich anschließend die Bedeutung des Zauberworts als Maßstab magistraler Politik hervor: Die Stadtregierung hat Nachhaltigkeit längst zum kommunalpolitischen Leitmotiv deklariert, das als steter Maßstab dient und Orientierung verheißt. Woran gemessen wird und wo die Fixpunkte der Orientierung sind, bleibt dabei aber meist ungeklärt.

    Was also ist mit dem seit den 80er Jahren in den Sprachgebrauch eingegangenen Begriff gemeint? Was soll der Terminus aus dem 18. Jahrhundert, der erstmals im Zusammenhang mit dem Bericht über „Die Grenzen des Wachstums“ vor knapp vier Jahrzehnten wieder Prominenz erlangte, den Bürgern dieser Stadt heute konkret bedeuten? Ist „Nachhaltigkeit“ mehr als „ein Gummiwort“, ist der „Gedanke“ überhaupt ein Gedanke? Und: Bedeutet der Begriff mehr als die naturbewahrende, wirtschaftlich stabile und sozial ausgleichende Fortexistenz des Gemeinwesens, das, was wir sowieso alle stets wollten sollten? Viele Fragen. Aber kaum Antworten, mit denen sich außerhalb von PR und Werbung etwas anfangen lässt.

    Ich wünsche Professor Michelsen alles Gute.