Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Svea Blieffert. Foto: nh
Svea Blieffert. Foto: nh

Foodsharing: Essen teilen statt wegwerfen

Von Johanna Klatt
Lüneburg. Jeder Lüneburger wirft statistisch gesehen jedes Jahr 82 Kilogramm Lebensmittel in den Müll. Dagegen regt sich Widerstand. Auch in Lüneburg. Treffpunkt ist die Mondbasis. Svea Blieffert und Lisa Muckenfuss trinken einen Fairtrade-Tee und eine Bio-Limonade. „Lüneburg ist insgesamt eine so nachhaltigkeitsorientierte Stadt“, sagt Lisa Muckenfuss, „und trotzdem ist es schwierig, unsere Initiative auf eine breite Basis zu stellen.“ Svea Blieffert (Foto) ergänzt: „Hier werden fast nur Getränke verkauft, aber was in gastronomischen Betrieben an Essen übrig bleibt, daran will ich gar nicht denken.“

Die beiden jungen Frauen engagieren sich in der Lüneburger Foodsharing-Initiative, die sich dafür einsetzt, übrig gebliebene Lebensmittel mit anderen zu teilen, statt sie wegzuwerfen. Was nach einem gemütlichen Treffen aussieht, ist eigentlich ein kleiner Kampf gegen die Überfluss-Gesellschaft.

Foodsharing.de ist eine Internetplattform, auf der Privatpersonen, Händler und Produzenten die Möglichkeit haben, Lebensmittel, für die sie keine Verwendung mehr haben, kostenlos zur Abholung anzubieten. 60000 Foodsharer machen mittlerweile mit. In Lüneburg sind es offiziell 40, in einer Gruppe bei Facebook fast 300. Einige bieten ab und zu nach einer Feier oder vor dem geplanten Kurzurlaub an, was sie selbst nicht mehr essen können.

Die Gruppe aus der Mondbasis versucht, systematischer vorzugehen und Unternehmen davon zu überzeugen, überschüssige oder abgelaufene Lebensmittel nicht wegzuwerfen, sondern von der Initiative abholen zu lassen. Ihre Hauptaufgabe sei aktuell, zu versuchen, Gastronomiebetriebe für eine Kooperation zu gewinnen. Alle größeren Lebensmittelhändler und Bäckereien hätten sie schon kontaktiert, aber die Resonanz sei ernüchternd. „Es gibt Kooperationen mit Unternehmen“, erzählt Svea Blieffert, „aber viele haben schon Kooperationen mit Betreibern von Biogas-Anlagen oder der Tafel.“ Sie vermutet, dass trotzdem viel übrig bleibe. Viele seien eher abgeschreckt von dem Mehraufwand oder rechtlichen Bedenken. Dabei schließen die Foodsharing-Aktivisten rechtliche Konsequenzen für die Kooperationspartner durch eine Rechtsvereinbarung aus. Durch bestimmte Standards werde außerdem sichergestellt, dass kein gesundheitliches Risiko besteht. Lebensmittel, die rohes Fleisch oder Ei enthalten, dürfen beispielsweise nicht weitergegeben werden.

Christoph Braatz ist Neuling bei den Foodsharern, er sieht Marketing als das Hauptproblem: „Neues wird erstmal abgelehnt.“ Dabei beteiligten sich bundesweit bereits zahlreiche Betriebe wie die Bio-Company-Kette daran und werben erfolgreich damit. Ist das Problem in Lüneburg vielleicht, dass die Unternehmen schon anderweitig so viel tun? Die Unterstützung der Tafel ist schließlich eine gute Sache. Und auch Biogas-Anlagen mögen ihre Vorteile haben. Einige Geschäftsführer hätten auch darauf verwiesen, dass sie grundsätzlich umsichtig planten, so dass wenig übrig bleibe.

Aber auch dieses „wenig“ würde sich summieren, meint Svea Blieffert. Sie erzählt von Eckart Schöne, der auf dem Wochenmarkt bei vielen Ständen jeweils ein bisschen Überschuss bekommt für seine Ziegenherde. Aber auch dort bleibt immer etwas übrig, was er dann öffentlich zur Verfügung stellt. Eine Zusammenarbeit mit dem Foodsharing-Netzwerk würde er begrüßen: „Es ist doch unglaublich, dass ich davon leben kann, was andere wegschmeißen.“

Es gibt auch im Roten Feld ein Regal, dass von der Initiative und der Nachbarschaft bedient wird. Die Nachfrage ist groß. Die Gruppe denkt über weitere solcher öffentlich zugänglichen Essensverteiler nach, zum Beispiel auf dem Universitätscampus, wo der Durchgangsverkehr höher ist. Dafür müssten aber mehr Betriebe mitmachen.
Oder aber mehr Privatpersonen. Immerhin zeigen Studien, dass etwa 60 Prozent der Lebensmittelabfälle aus Privathaushalten stammen. Fast jeder kennt das: Der Salat ist auf einmal eher gelblich statt grün, die letzten fünf Scheiben Brot will keiner essen, die Portion war einfach viel zu groß

„Schrecklich, dass so viel Essen weggeworfen wird!“, sagt fast jeder, den man darauf anspricht. Ist der Knackpunkt tatsächlich das Marketing? Dabei ist Foodsharing eigentlich ganz leicht. Wer mitmachen will, erfährt mehr auf www.food­sharing.de im Internet. Man tut etwas Gutes und spart im Idealfall viel Geld denn laut Bundesregierung landen 235 Euro pro Kopf und Jahr im Durchschnitt in der Tonne. Essen teilen ist außerdem eine soziale Aktivität. Lisa Muckenfuss, Svea Blieffert und die anderen aus der Gruppe würden sich freuen, zusammen mit weiteren Lüneburgern ein neues Regal aufzustellen und zu befüllen.