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Die Solarwerker Karin und Sebastian Maukel stehen vor der Bürgersolaranlage auf dem Dach der Gellersenhalle. Die Anlage verbraucht rechnerisch pro Tag 0,0036 Kilowattstunden Strom. Foto: t&w
Die Solarwerker Karin und Sebastian Maukel stehen vor der Bürgersolaranlage auf dem Dach der Gellersenhalle. Die Anlage verbraucht rechnerisch pro Tag 0,0036 Kilowattstunden Strom. Foto: t&w

Volle Gebühr für Mini-Verbrauch – Avacon bittet Betreiber von kleinen Solaranlagen zur Kasse

dth Reppenstedt. Der Preis liegt eigentlich bei etwas mehr als 23 Cent netto. Zahlen soll Sebastian Maukel aber mehr als das 185-Fache und zwar über 50 Euro. Es geht um den Verbrauch von nur einer einzigen Kilowattstunde im Jahr 2014 für eine Photovoltaikanlage. Früher wäre so ein Minimalverbrauch unter den Tisch gefallen, jetzt wird für den Mini-Strombezug eine Grundgebühr fällig.

Ähnliche, für viele überraschende Rechnungen ihres Stromversorgers erhalten dieser Tage erstmals private Betreiber kleiner Solaranlagen, die ihren Solarstrom voll ins öffentliche Netz einspeisen und über einen sogenannten Zwei-Richtungszähler verfügen. Potenziell betroffen sind von der neuen Abrechnungsmethode rund 8000 von mehr als 31000 privaten Anlagenbetreibern im Netzgebiet der Avacon AG, das sich von Lüneburg bis Frankfurt am Main und von Oldenburg bis Oschersleben erstreckt.

Der Westergellerser Sebastian Maukel installierte als Gesellschafter der „Hoffmann-Ramm & Maukel Solarwerker GbR“ die Solaranlage auf dem Dach der Gellersenhalle in Reppenstedt vor rund zehn Jahren. Es war die erste Bürgersolaranlage des Landkreises Lüneburg, mit einer Leistung von zehn Kilowatt peak. Erstmals erhält er nicht nur Geld für die Einspeisung, sondern soll auch für den Verbrauch zahlen. Maukel: „Die Grundgebühr steht in keinem Verhältnis zum tatsächlichen Bezug.“

Viele Solaranlagen verfügen mittlerweile über einen Zwei-Richtungszähler: Der misst zwei Kanäle: Den ins Netz eingespeisten Strom und den Strom, der von der Anlage gegebenfalls selbst verbraucht wird, etwa durch die interne Regeltechnik wie den Wechselrichter, der den produzierten Gleichstrom zur Netzeinspeisung umwandelt in Wechselstrom. Maukel sagt: „Der Wechselrichter hat in der Nacht einen minimalen Standby-Verbrauch.“ Der liegt auf den Tag gerechnet zwar im Promillebereich, reicht aber jetzt zur Berechnung der vollen Grundgebühr. Maukel: „Wir wehren uns nicht gegen die Rechnung des Energieversorgers.“ Aber: „Wir hoffen auf die Kulanz des Netzbetreibers Avacon.“

Der habe sich nach Ansicht von Ralph Montag, Sprecher des Netzbetreibers Avacon, bereits die längste Zeit kulant gezeigt, berechnete bisher solche Verbräuche unterhalb der „Bagatellgrenze“ nicht. Montag zeigt aber Verständnis für den jetzigen Unmut der Anlagenbetreiber. Eine „damalige Schwestergesellschaft im Eon-Konzern“ habe 2010 bei der Bundesnetzagentur angefragt, wie weiter mit solchen Kleinstverbräuchen umgegangen werden soll. Montag: „Wir richten uns nach den Vorgaben der Bundesnetzagentur und haben das erstmals für 2014 umgesetzt.“ So trudeln bei den betroffenen Anlagenbetreibern jetzt Rechnungen ein von 1. Januar oder 1. April 2014 bis Jahresende.

Aus Sicht der Bundesnetzagentur bereitete die Nicht-Abrechnung der Mini-Verbräuche zunehmend Probleme: „Aufgrund des enormen Zuwachses von Photovoltaik-Anlagen führte dieses Vorgehen in der Gesamtheit zu nicht unerheblichen Mengen Strom, die aus dem Netz entnommen wurden und keiner Entnahmestelle zugeordnet werden konnten. Zudem war eine Prognose der erfolgten Einspeisung und Entnahme kaum möglich. Diese Prognose ist jedoch enorm wichtig, um die Systemstabilität gewährleisten zu können“, heißt es auf der Internetseite der Agentur.

Hinzu kommt: Kommt ein Stromverbrauch zustande, und sei er auch noch so gering, kommt automatisch ein Vertrag in der Regel mit dem Grundversorger zustande. Und der Netzbetreiber berechnet eine Grundgebühr für die Netznutzung sowie Entgelte für den Messstellenbetrieb und Messung plus Arbeitspreis pro Kilowattstunde und meldet das an den Grundversorger weiter, in Maukels Fall die E.on Energie Deutschland GmbH. Preistreiber bleibt die Grundgebühr des Netzbetreibers. Und auf die dürfe auch die Avacon nicht verzichten. Montag: „Solange ein Grundpreis im Tarif ausgewiesen ist, ist das Unternehmen daran gebunden, anderenfalls handelt es sich um eine Ungleichbehandlung gegenüber anderen Kunden.“

Verena Huber, Eon Energie Deutschland, sagt zur Situation: „Wird bei Solaranlagen der Grundpreis für den Zähler auf der Vertriebsseite berechnet, darf er auf der Einspeisevergütung nicht noch einmal berechnet werden.“

Bei Anlagen mit Eigenverbrauch etwa im eigenen Haushalt tritt das Problem nicht auf, da die Grundgebühr ohnehin schon für den Bezugszähler im Haushalt anfällt.

Solarstrom für 2000 Haushalte
Rund 1000 Photovoltaikanlagen waren bis November 2014 in Stadt und Landkreis Lüneburg installiert, sagt Tomas Biermann-Kojnov, Vorsitzender des hiesigen Solarvereins Sunon. Demnach zählte allein die Stadt Lüneburg zuletzt 487 Anlagen mit Leistungen zwischen einem und 999 Kilowatt peak. Die größte Anlage steht im Industriegebiet Hafen. Gerechnet auf die Nennleistung produzieren die PV-Anlagen in der Hansestadt insgesamt rund acht Gigawattstunden. Das würde theoretisch ausreichen, um rund 2000 Haushalte nur mit Sonnen-Strom zu versorgen. Zu den jetzt erhobenen Grundgebühren für Kleinstverbräuche bei Solaranlagen sagt Biermann-Kojnov: „Das Thema Wuchergebühr bearbeiten wir seit längerer Zeit. Wir versuchen uns damit zu trösten, dass diese Gebühr auch die Gebühr für die Mess- und Zählarbeit für den Solarstrom der eigenen Anlage ist, die ins Netz einspeist.“ Die zuständige „Clearingstelle EEG“ zeigt zudem die Möglichkeit auf, dass Betreiber von Kleinanlagen eine pauschale Abrechnung vereinbaren können. Voraussetzung ist aber, dass sich der Anlagenbetreiber die Zustimmung einholt von der zuständigen Steuerbehörde, der zuständigen Eichbehörde, des Netzbetreibers und des Stromlieferanten …