Aktuell
Home | Lokales | Bleckede | Prozess um Schützen von Walmsburg: „Ich knall Dich jetzt ab“
Kurz vor Prozessbeginn unterhält sich der 52 Jahre alte Angeklagte in Saal 121  mit seinem Verteidiger Werner Preuße (r.). Foto: org
Kurz vor Prozessbeginn unterhält sich der 52 Jahre alte Angeklagte in Saal 121 mit seinem Verteidiger Werner Preuße (r.). Foto: org

Prozess um Schützen von Walmsburg: „Ich knall Dich jetzt ab“

rast Lüneburg. Das Walmsburger Viertel im Bereich Roggenkamp ist beschaulich, macht einen ruhigen Eindruck, Durchgangsverkehr gibts nicht. Doch seit 2009 kam es in einer Nachbarschaft immer wieder zu Streitigkeiten und gegenseitigen Anzeigen. Schließlich landete ein heute 52-Jähriger vor dem Lüneburger Amtsgericht, wurde 2013 wegen Beleidigung zu mehreren Hundert Euro Geldstrafe verurteilt. In dem Verfahren kündigte er vor der Richterin an: „Ich hole mir eine Waffe und einen Hund, ich lasse mir nichts mehr gefallen.“ Gestern verriet er der 4. Großen Strafkammer am Landgericht, dass er die Waffe bereits vor 20 Jahren gefunden habe und von der machte er laut Staatsanwaltschaft am 16. September 2014 Gebrauch, zielte auf drei Nachbarn. Die Anklage wirft dem Mann unter anderem versuchten Mord in drei Fällen vor (LZ berichtete).

Schnell machte der Vorsitzende Richter Franz Kompisch bei dem Angeklagten „rudimentäre Erinnerungslücken, ob ungewollt oder gewollt aus“, denn in seiner Tatdarstellung fehlten wesentliche Punkte. Der Schweißer erzählte, dass er 2009 arbeitslos wurde, nach Bleckede zog und seither an seinem Haus arbeitete. Schnell gabs Streit zunächst mit einem älteren Ehepaar: „Die haben so Sprüche abgelassen, sie hätten das Gewohnheitsrecht, dürften auf mein Grundstück. Es gab Beleidigungen wie ,Drecksau.“ Und häufig habe er hören müssen: „Der schafft ja nichts“, womit sein Hausbau gemeint gewesen sei. Immer wieder habe er Hundehaufen auf seinem Grundstück gefunden. Ein Treffen bei einer Schiedsfrau habe nicht gefruchtet.

Inzwischen sei auch ein jüngeres Ehepaar in die Streitereien verstrickt worden. Der Angeklagte listete auf, was es außer Beleidigungen noch gegen ihn gegeben habe: Der 62-jährige Nachbar habe ihm einen Stein an den Kopf schmeißen wollen, mit einer Gartenschere vor ihm rumgefuchtelt, sein Gartenzaun sei zweimal beschädigt, ein Silvesterknaller gegen sein Haus geworfen und ein Spiegel seines Autos abgetreten worden.

Zum Tattag erzählte der Angeklagte: Um 6.30 Uhr sei er mit dem Hund raus und von der Frau des 62-Jährigen angepöbelt worden: „Dich bringen wir noch in den Knast.“ Er sei auf sie zugegangen, sie solle „die Klappe halten“: „Sie hat mir gegens Schienbein getreten, ich habe ihr eine Ohrfeige gegeben.“ Dann sei Ruhe gewesen, am späten Nachmittag habe er sich ins Auto gesetzt: „Ich habe Sekt gekauft gegen meine starken Kopfschmerzen.“

Wieder zurück, habe er das junge Ehepaar mit dem 62-Jährigen vor dem unbebauten Grundstück neben seinem gesehen, das Trio habe einen Baum beschnitten: „Die fingen an, dumm rumzulabern. Ich sagte, das mit dem Baum hätte ich auch machen können.“ Daraufhin habe der 38-Jährige gesagt: „Das kannst Du nicht, dafür bist Du zu dumm“ und „auf meinem Auto rumgekloppt, den anderen Außenspiegel abgetreten. Er fuchtelte mit einer Stange oder einer Säge vor mir rum ich geriet in Panik, da war für mich Feierabend.“ An das folgende Geschehen habe er fast keine Erinnerung mehr.

Das sah aus Sicht der Anklage so aus: Der Mann holte die Pistole aus seinem Haus, lief auf den 38-Jährigen zu, rief „Ich knall Dich jetzt ab“ und schoss ihm in den Rücken. Dann stellte er sich über den zu Boden gegangenen 62-Jährigen, gab zwei gezielte Schüsse aus zwei Metern Entfernung auf das Gesicht des Opfers ab. Danach zielte er aus einem Meter Entfernung auf den Kopf der 36-jährigen Frau des ersten Opfers. Doch die Waffe blockierte, da schlug er sie mit der Hand oder der Pistole. Als die Opfer in ihre Häuser flüchteten, holte er sich einen Vorschlaghammer und wollte damit die Haustür des älteren Paares einschlagen. Als die Polizei eintraf, ließ er sich widerstandslos festnehmen.

Als erste Zeugin schilderte die 36-Jährige, die von dem Angeklagten 7000 Euro Schadensersatz fordert, die Tat ähnlich wie der Staatsanwalt. Sie begründete auch die Aktion mit dem Baumschnitt: „Damit wollten wir einen besseren Einblick auf das Haus haben.“ Man habe sehen wollen, wann der Angeklagte, vor dem man Angst habe, zu Hause ist und wann er aus dem Haus geht.

Das Trio erlitt keine schweren Verletzungen, da die Munition aufgrund ihres Alters nur noch geringe Schusskraft hatte: Der 38-Jährige hatte einen Streifschuss an der Schulter, der 62-Jährige wurde an einer Hand verletzt, die er bei den Schüssen schützend vors Gesicht hielt, und die Frau erlitt eine Platzwunde am Kopf und Schnittverletzungen, deren Ursache sie aber nicht kenne.

Der Prozess wird fortgesetzt.