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Vincent Bieling kratzt mit einem Messer Aufkleber von Laternen. Ihn stören die Klebezettel, sie verschandelten das schöne Stadtbild. Foto: ca
Vincent Bieling kratzt mit einem Messer Aufkleber von Laternen. Ihn stören die Klebezettel, sie verschandelten das schöne Stadtbild. Foto: ca

Mission: saubere Laternen

ca Lüneburg. Vincent Bieling hat eine Mission: Er wünscht sich eine saubere Stadt. Er ärgert sich über achtlos weggeworfenen Müll, vor allem aber über Aufkleber an Laternen und Dachrinnen. „Die Botschaften sind platt und obszön“, sagt der 24-Jährige. Deshalb kratzt er sie ab. Seit zwei Wochen ist er unterwegs. Erst mit einem Ofenschaber, jetzt mit einem Küchenmesser. Pfahl um Pfahl nimmt er sich vor. Acht Stunden am Tag: „Das kann ich machen, weil ich arbeitslos bin.“

Überall in der Stadt sind Laternenmasten mit Aufklebern übersät. Foto: ca
Überall in der Stadt sind Laternenmasten mit Aufklebern übersät. Foto: ca

Überwiegend entdeckt er „Spuckies“, wie die Klebe-Zettelchen im Slang heißen, von linken Gruppierungen. „Aber die Politik ist mir völlig egal“, sagt Bieling. „Es ist einfach nur schmutzig.“ Das gefällt ihm nicht. Passanten hätten ihn gelobt: „Machen Sie weiter so!“ Doch es gibt andere, die befremdet sind, wenn der junge Mann mit dem kahlgeschorenen Kopf mit einem Messer schrabbt. „Ich weiß, dass es komisch aussieht. Zweimal hat mich die Polizei angesprochen“, erzählt er. Die Beamten hätten ihn ermahnt, aber ziehen lassen. Ihr Hinweis: Es könnte Sachbeschädigung vorliegen. Polizeisprecherin Antje Freudenberg sagt: „Generell ist es ja begrüßenswert, dass jemand saubermacht. Aber vorsichtig.“ Er dürfe die Laternenpfähle nicht beschädigen.

Vincent Bieling, der aus dem Ruhrgebiet über das Wendland nach Lüneburg gekommen ist und Elektrotechnik an einer Fachhochschule studieren möchte, will weitermachen. Hat er in seinem Kampf gegen die Aufkleber die Farbe einer Laterne oder einer Regenrinne beschädigt, dann „repariert“ er die Stellen mit silbernem oder braunem Sprühlack.

Er erinnert ein bisschen an den tragischen Sisyphos aus der griechischen Sagenwelt, der eine Kugel einen Berg hochschiebt, dessen Arbeit aber nie endet, weil die Kugel wieder herunterrollt. Denn die Aufkleber kommen wieder, so sicher wie Plakate auf eine Litfaßsäule. An politischen Kurzbotschaften herrscht kein Mangel.

Bieling hofft: „Andere können mitmachen und die Laterne vor ihrer Tür sauberhalten.“ Vielleicht hat er Erfolg. So wie in Neapel, das gibt es eine Initiative, die jeden Morgen zur Reinigung aufbricht.