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Von 2000 bis 2013 sind die Fehlzeiten aufgrund von Depressionen um fast 70 Prozent gestiegen Foto: A/t&w
Von 2000 bis 2013 sind die Fehlzeiten aufgrund von Depressionen um fast 70 Prozent gestiegen Foto: A/t&w

Lüneburger im Stimmungstief – Depressionsatlas der Techniker Krankenkasse erschienen

as Lüneburg. In Stadt und Landkreis Lüneburg war jeder Arbeitnehmer in 2013 durchschnittlich 1,18 Tage aufgrund einer Depression krank geschrieben. Damit liegt Lüneburg etwas über dem Landesdurchschnitt mit 0,96 Tagen. Aber nicht jeder, der eine Depression hat, fehlte am Arbeitsplatz. 5,52 Prozent der Betroffenen erhielten Antidepressiva-Verordnungen. Das geht aus dem jetzt erschienenen Depressionsatlas der Techniker Krankenkasse (TK) hervor, der auch zu dem Ergebnis kommt: Von 2000 bis 2013 sind die Fehlzeiten aufgrund von Depressionen um fast 70 Prozent gestiegen.

Eine Zunahme der Erkrankungen bestätigt auch Dr. Sebastian Stierl, Ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Klinik Lüneburg (PKL) insbesondere für die leichten und mittelschweren Depressionsformen. Als Gründe sieht er unterschiedliche Faktoren: Neben einer direkteren Inanspruchnahme von Hilfsangeboten spielt auch die Gesellschaft eine Rolle, die Leistung und Fexibilität zu obersten Zielen erhebt.

Verschärfter Druck am Arbeitsplatz, ständige Konzentration zum Beispiel bei Bildschirmarbeit und rund um die Uhr Verfügbarkeit durch mobile Kommunikation führen laut Dr. Stierl zu einer erhöhten Anfälligkeit für Depressionen. Aber auch das Single-Dasein kann eine Ursache sein. „Studien belegen, dass Familie und Ehe eine Schutzfunktion haben“, also stabilisierend wirken und gut für die Psyche sind. Dennoch ist nicht jeder, der im Job oder im Privatleben unter Druck steht, per se gefährdet. Hinzu kommen müsse eine genetische Disposition für eine psychische Instabilität, so Dr. Stierl. Ob jemand tatsächlich krank wird, hängt dann aber auch davon ab, wie er mit psychischen Belastungen wie Stress umgehen und durch seinen persönlichen Lebensstil für einen gesunden Ausgleich sorgen kann.

Als Symptome für eine Depression gelten unter anderem gedrückte Stimmung, Interessenverlust, verminderter Antrieb und verminderte Konzentration, Appetitlosigkeit und Schlaflosigkeit. Aber nur an diesen Phänomenen die Krankheit festzumachen, wie das oft dargestellt wird, sei zu wenig. Der Mensch müsse ganzheitlich wahrgenommen werden, zum Beispiel auch Herkunft, Familiengeschichte und soziales Umfeld mit einbezogen werden, erläutert Dr. Stierl. Auch gehe es darum abzuklären, wie lange jemand unter einem Stimmungstief leide und warum er sich antriebslos fühle. „Jeder, der traurig ist, ist nicht gleich depressiv.“

Wenn jemand jedoch grundlos nach mehreren Wochen nicht aus einem Stimmungsloch kommt und dadurch große Probleme hat, Alltägliches zu regeln, „empfiehlt es sich, erst einmal mit einer vertrauten Person darüber zu reden. Denn die Fremdwahrnehmung ist wichtig, wenn es darum geht, einzuschätzen, was mit mir los sein könnte“. Ergibt sich daraus keine Erkenntnis und hält die Stimmung an, sollte man den Hausarzt aufsuchen. Dessen Aufgabe sei es abzuklären, ob die Depression eventuell ein Begleitsymptom einer körperlichen Erkrankung sei oder ob es sich wirklich um eine seelische Erkrankung handelt. Gegebenenfalls überweist der Hausarzt den Patienten dann an einen Psychologen oder einen Psychiater. Die Psychotherapie gilt in der Regel als „angemessene“ Behandlung bei leichten und mittleren Depressionen.

Zur Verordnung von Antidepressiva, die laut TK in der Zeit von 2000 bis 2013 um ein Drittel zugenommen hat, sagt Dr. Stierl: „Diese Medikamente sind wichtig bei der Behandlung von schweren Depressionen, weil sie das Leiden der Menschen lindern.“ Allerdings nur dafür. Deswegen gehören sie in der Regel in die Hand des Facharztes. Dr. Stierl: „Wir haben das merkwürdige Phänomen, dass Antidepressiva bei schweren Depressionen immer noch zu selten verordnet werden, weil die Depression nicht als Krankheit erkannt wird.“

Andererseits sei bei leichten Depressionen eine „inflationäre Ausweitung von Verordnungen“ zu beobachten, das untermauern auch Studien. Sie würden wie Smarties unters Volk geworfen, um Lebensumstände erträglicher zu machen. Ganz nach dem Motto: Die Stimmung geht runter, und der Hebel wird angesetzt, damit sie wieder hoch geht. „Dafür sind die Medikamente nicht da“, macht der Mediziner deutlich.

Der Weg müsse sein, sich mit einer Situation auseinanderzusetzen, sich einer Überforderung, einem Verlust, einer Kränkung zu stellen. Doch in einer Gesellschaft, in der Schwäche als Makel betrachtet wird und alle auf „Olympia-Niveau“ agieren müssten, greife mancher lieber zum Medikament.

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Depressionsatlas errechnet Fehltage
Der Depressionsatlas basiert auf der Auswertung von Fehlzeiten und Arzneimittelverordnungen von 4,1 Millionen Beschäftigten, die bei der Krankenkasse versichert sind. Unterm Strich kommen 4,3 Millionen Fehltage aufgrund von Depressionen zusammen. „Rechnet man diese Daten auf die Gesamtbevölkerung hoch, ergeben sich bundesweit 31 Millionen Fehltage“, sagt Inken Holldorf, TK-Landeschefin in Niedersachsen. Bei der Depression handele es sich um eine langwierige Erkrankung, die Kasse hat eine Arbeitsunfähigkeit bei Patienten von 64 Tagen ermittelt, im Vergleich dazu sind Patienten mit Rückenproblemen durchschnittlich 13,6 außer Gefecht gesetzt. Inken Holldorf: „Auf 100 Beschäftigte verzeichneten wir 1,6 Krankschreibungen aufgrund von Depressionen. Das mag wenig erscheinen. Aber wenn ein Unternehmen 250 Beschäftigte hat, fehlten vier Leute für durchschnittlich gut zwei Monate.“ Besonders betroffen sind laut der Untersuchung Mitarbeiter von Call-Centern (2,8 Tage pro Kopf), Mitarbeiter in der Altenpflege (2,5 Tage), in Erziehungsberufen (1,6 Tage) und Sicherheitsberufen (1,4 Tage).

One comment

  1. Lüneburger im Stimmungstief , stimmt. Die Politik tut eine Menge dafür. Wir haben das merkwürdige Phänomen, dass Antidepressiva bei schweren Depressionen immer noch zu selten verordnet werden, weil die Depression nicht als Krankheit erkannt wird.” Depressionen in der heutigen Zeit sind doch völlig normal. Was ist daran krank? Unser System ist es!