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In der Grafik dargestellt sind die Zonen einer Gewässeraue. Abflusshemmend auf ein Hochwasser wirken vor allem Weichholzauen mit Strauch- und Silberweiden. Hartholzauen mit Eichen, Buchen, Ahorn und Ulmen stauen das Flusswasser dagegen kaum. Grafik: nh/allianz umweltstiftung
In der Grafik dargestellt sind die Zonen einer Gewässeraue. Abflusshemmend auf ein Hochwasser wirken vor allem Weichholzauen mit Strauch- und Silberweiden. Hartholzauen mit Eichen, Buchen, Ahorn und Ulmen stauen das Flusswasser dagegen kaum. Grafik: nh/allianz umweltstiftung

Verbuschung an der Elbe: Es wächst, was nicht wachsen darf

ml Bleckede. Seit Jahren schon lässt LRT91E0 in Menschen wie Johannes Haker aus Preten die Wut hochkochen. Auch die Spitzen von Deichverbänden und andere Elbanrainer verzweifeln an dem kryptischen Behördenkürzel, das aus ihrer Sicht einen effektiven Hochwasserschutz an der Elbe verhindert. LRT ist die Kurzform von Lebensraumtyp und bezeichnet im Fall 91E0 Weiden-Auwälder, die seit den 1980er-Jahren in großer Zahl an der Elbe entstanden sind. Im Naturschutz haben Erhalt und Entwicklung dieser Wälder höchste Priorität, Deichbauer und Anwohner hingegen würden sie am liebsten abholzen. „Ältere Generationen wussten: Der Busch an der Elbe darf nicht wachsen“, sagt Haker.

Zuletzt schien eine Projektgruppe diesen Gegensatz überwinden zu können. Doch das Fundament für die gemeinsame Arbeit ist dünn, wie eine Infoveranstaltung des Niedersächsischen Landesbetriebes für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) Ende vergangener Woche in Bleckede gezeigt hat. Noch sind längst nicht alle Gräben zugeschüttet, die der Streit um die Verbuschung aufgerissen hat.

Das Elbeufer bei Barförde: Auf dem Luftbild aus dem Jahr 1975 (l.) ist deutlich zu erkennen, dass die Buhnenfelder frei von Bewuchs sind. 37 Jahre später hat sich dies grundlegend geändert: 2012 dominieren Auwald-Abschnitte die Buhnen bei Barförde. Foto: nh/nlwkn
Das Elbeufer bei Barförde: Auf dem Luftbild aus dem Jahr 1975 (l.) ist deutlich zu erkennen, dass die Buhnenfelder frei von Bewuchs sind. 37 Jahre später hat sich dies grundlegend geändert: 2012 dominieren Auwald-Abschnitte die Buhnen bei Barförde. Foto: nh/nlwkn

Mehr als zehn Jahre lang galten die Fronten als absolut verhärtet. Erst seit Herbst 2013 ist ein Kompromiss greifbar, der Natur- und Hochwasserschutz gleichermaßen gerecht wird. Grundlage ist die Arbeit der Projektgruppe, die das niedersächsische Umweltministerium nach dem Extremhochwasser der Elbe im Sommer 2013 eingesetzt hat. Seitdem sitzen Ministerium, Kreise, Kommunen, Deich- und Naturschutzverbände sowie Behörden wie das NLWKN und die Biosphärenreservatsverwaltung Niedersächsische Elbtalaue an einem Tisch und feilen an einem länderübergreifenden Hochwasserrahmenplan mit Mecklenburg-Vorpommern. Diskutiert wird über ein ganzes Bündel von Maßnahmen: Angefangen beim Rückschnitt der Weiden-Auwälder über das Abgraben von Sedimenten, die Anlage sogenannter Flutrinnen und den Anschluss von Altarmen bis hin zum Neubau von Deichen und Flutpoldern.
Stützen kann sich die Projektgruppe bei ihrer Arbeit auch auf ein neues 2D-Strömungsmodell der Elbe. Erstmals lässt sich berechnen, welche Maßnahmen welchen Einfluss auf den Hochwasserabfluss haben. Gezeigt hat sich dabei auch: Nicht jeder Auwald ist ein Hindernis für die Fluten der Elbe.

Wie weit die Arbeiten fortgeschritten sind und wie es weitergeht, haben Mitarbeiter des NLWKN jetzt in Bleckede skizziert. Im Mittelpunkt stand der Rückschnitt der Auwälder. Aus gutem Grund. „Der Rückschnitt ist die schnellste Stellschraube, an der wir drehen können“, sagte Klaus-Jürgen Steinhoff vom NLWKN, der zuvor jahrelang für die Biosphärenreservatsverwaltung tätig war. „Alles andere sind Maßnahmen, die Jahre dauern.“

Die Luftaufnahme aus dem Jahr 2012 zeigt, das sich in den Buhnenfeldern bei Barförde Auwälder gebildet haben. Foto: nh/nlwkn
Die Luftaufnahme aus dem Jahr 2012 zeigt, das sich in den Buhnenfeldern bei Barförde Auwälder gebildet haben. Foto: nh/nlwkn

Waren Rückschnitte in gering geschützten Bereichen der Elbe auch vorher schon zulässig, hat die Projektgruppe vor rund einem Jahr sieben Stellen im besonders geschützten Gebiet C des Biosphärenreservats benannt, wo Weiden und andere Gehölze aus Hochwasserschutzgründen entfernt werden sollten. Ausgewiesen wurden Engstellen wie bei Barförde, wo der Abflussquerschnitt der Elbe nur 450 Meter beträgt. „Schon Anfang des vergangenen Jahrhunderts lag die Vorgabe bei mindestens 600 Metern“, erklärte Steinhoff. „Ein Wert, an dem wir uns heute noch orientieren können.“ Ähnliche Engstellen gibt es in den Kreisen Lüneburg und Lüchow-Dannenberg bei Katemin, Darchau, Privelack, Hitzacker, Bitter und Wussegel.

Bei einem Besuch in Brüssel im April 2014 haben die Staatssekretärin im Umweltministerium, Almut Kottwitz, und Mitglieder der Projektgruppe die Maßnahmen vorgestellt und grünes Licht für den Rückschnitt auf einer Gesamtfläche von mehr als 15 Hektar erhalten. Voraussetzung: Die abgeholzten Auwälder müssen an ökologisch gleichwertigen Stellen nachgepflanzt werden. Inzwischen hat ein Gutachter auch das Verhältnis ermittelt, in dem dies geschehen soll: Ein Hektar entfernter Auwald wird durch 2,17 Hektar neuen ersetzt.

Doch während private Firmen aus der Region die Abholzungsarbeiten bis auf rund drei Hektar abgeschlossen haben, sind die Ausgleichsflächen noch nicht benannt. Und das sorgt für Proteste des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Selbst in der Projektgruppe vertreten, hat der BUND die anderen Mitglieder jetzt mit einem Schreiben ans Umweltministerium in Hannover und an die zuständigen Stellen in Brüssel irritiert. Darin bitten die Umweltschützer, die Abholzaktionen an der Elbe einzustellen. Als Grund nennt Dr. Marita Wudtke, Leiterin für Umwelt- und Naturschutzpolitik beim BUND-Landesverband Niedersachsen, auf LZ-Anfrage die fehlenden Ausgleichsflächen und die geringe Effektivität der Maßnahmen. „Mecklenburg-Vorpommern hat den ebenfalls genehmigten Rückschnitt bei Boizenburg gestoppt, in Niedersachsen machen wir weiter“, sagt Wudtke.

Steinhoff hingegen ist verwundert. „Dass Rückschnitt und Ausgleich zeitverzögert erfolgen können, ist von Brüssel abgesegnet worden.“ Die Einladung zu der Fahrt im April 2014 habe der BUND ausgeschlagen. Um wie viel Zentimeter der Hochwasserstand an der Elbe durch die Rückschnitte gesenkt werden kann, wollte der Lüneburger NLWKN-Betriebstellenleiter Andreas Montz in Bleckede nicht sagen, nur so viel: „Jeder Zentimeter zählt.“ In einer ersten Schätzung war der Landkreis Lüneburg im Mai 2014 von rund sieben Zentimetern ausgegangen. Das ist dem BUND angesichts der massiven Eingriffe zu wenig. Anrainer wie Haker halten dagegen: „Dort war früher nichts, und dort darf auch heute nichts sein.“

Fahrplan
Die Rückschnitte an der Elbe sind nur ein erster Schritt im Zuge des Hochwasserrahmenplans. Weitere diskutierte Maßnahmen sind unter anderem die Rückverlegung und der Neubau von Deich, Flutpolder und -rinnen sowie der Anschluss von Altarmen. Mit einem 2D-Strömungsmodell werden die effektivsten Maßnahmen ermittel, die Kosten dafür berechnet. Bis zum Herbst dieses Jahres will die Projektgruppe den Entwurf für den Rahmenplan vorlegen. Anschließend geht der Entwurf in das öffentliche Beteiligungsverfahren. Sind die eingegangenen Stellungnahmen eingearbeitet, wird der Plan bei der EU in Brüssel vorgelegt. Erst dann kann die Detailplanung beginnen. Entsprechend lange wird es dauern, bis weitere Maßnahmen zum Hochwasserschutz umgesetzt werden können.

One comment

  1. Immer häufiger muss man zwangsläufig den Eindruck gewinnen, dass sogenannte Naturschützer/Naturschutzverbände, aber zunehmend auch „Tierfreunde“ wider jeder Vernunft einfach nur aus Prinzip Opposition zu notwendigen Maßnahmen ergreifen. Für meinen Verstand ist das nicht normal.

    Die Verbuschung in den Deichbereichen geschieht durch wilden Samenflug und mindert die Funktionsfähigkeit der Deichbereiche. Betroffen, gefährdet dadurch sind Anwohner in den Deichregionen. Und der Schutz dieser Anwohner dürfte doch wohl Vorrang vor wild gewachsenen Bäumen unterschiedlicher Art haben.

    In Deutschland wird eine stark reglementierte und kontrollierte Forstwirtschaft mit Augenmaß und Vernunft betrieben. Die Verbuschung fällt jedoch nicht unter Forstwirtschaft. Weshalb sollen dann für diese wild gewachsenen Bäume Ausgleichsflächen geschaffen werden? Wollen die eingangs genannten Schützer von Bäumen, Tieren und Pflanzen in Deutschland und Europa wieder urzeitliche Verhältnisse einführen? Das ist doch ziemlich weit ab von der Realität.

    Auch wenn es nicht Inhalt dieses Artikels ist, aber doch in Verbindung gebracht werden kann, noch folgende Bemerkung. Bei dem ersten Angriff eines Wolfes auf einen Menschen, sollten genau diese Natur- und Tierliebhaber in die Verantwortung gezogen werden. Mit ei, ei, ei Gerede lassen sich keine Gefahren beseitigen. Ich möchte auch künftig unbeschwert und unbekümmert im Wald spazieren können und nicht durch Gefahrenschilder davon abgehalten werden.