Aktuell
Home | Lokales | Verborgene Schätze von St. Nicolai
Hans-Karsten Schmaltz (l.) und Tibor Ridegh mit einem prächtigen Antependium (Altarbehang), der auf Anfang des 16. Jahrhunderts datiert wird. In zehn Bildfeldern sind Szenen aus dem Alten und Neuen Testament dargestellt. Foto: t&w
Hans-Karsten Schmaltz (l.) und Tibor Ridegh mit einem prächtigen Antependium (Altarbehang), der auf Anfang des 16. Jahrhunderts datiert wird. In zehn Bildfeldern sind Szenen aus dem Alten und Neuen Testament dargestellt. Foto: t&w

Verborgene Schätze von St. Nicolai

as Lüneburg. Auf der Reise nach Italien um 1500 fiel einem Mitglied der Lüneburger Patrizierfamilie Garlop in den Alpenländern eine Korporalientasche auf. Das Täschchen, in dem ein feines Leinentuch für den Kelch und den Oblatenteller auf dem Altar aufbewahrt wurde, muss ihn begeistert haben. Er ließ selbst eine prächtige Korporalientasche anfertigen mit einer plastisch hervorstehenden Szene, die den ungläubigen Thomas mit Christus zeigt. „Der züngelnde Hundekopf, Wappen der Garlops, stellt den Bezug zu Lüneburg dar. Die Familie stiftete die Tasche St. Nicolai. 1530 war sie neben 24 weiteren im Inventar verzeichnet“, sagt Hans-Karsten Schmaltz, Mitglied des Kirchenvorstands von St. Nicolai. Es ist einer von sieben textilen Schätzen, die bisher ihr Dasein im Verborgenen fristeten. Nun sollen die Paramente restauriert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Paramente sind künstlerisch aufwändig gestaltete Textilien für den gottesdienstlichen Gebrauch. „St. Nicolai besitzt in der Landeskirche eine wohl einmalige Sammlung dieser Textilien, deren älteste Stücke 500 Jahre alt sind. Neben der Korporalientasche gehören zwei Antependien, Altarbehänge, die auf Anfang des 16. Jahrhunderts datiert sind, zwei Kelchtücher, die aus dem 16. Jahrhundert und aus der Zeit um 1700 stammen, sowie zwei Kommunionbanktücher aus dem 16. Jahrhundert dazu“, erläutert Schmaltz im Magazin des Textilmuseums von Kloster Lüne. Dort sind die Schätze gelagert, bis mit der Restaurierung begonnen werden kann.

Diese Korporalientasche, die Textilrestauratorin Tanja Weißgraf präsentiert, dürfte um 1500 gefertigt worden sein. Sie ziert auch das Wappen der Lüneburger Patrizierfamilie Garlop – ein züngelnder Hundekopf. Foto: t&w
Diese Korporalientasche, die Textilrestauratorin Tanja Weißgraf präsentiert, dürfte um 1500 gefertigt worden sein. Sie ziert auch das Wappen der Lüneburger Patrizierfamilie Garlop – ein züngelnder Hundekopf. Foto: t&w

Einzigartig seien die beiden etwa sieben Meter langen Kommunionbanktücher in Norddeutschland, ist sich Schmaltz mit Tanja Weißgraf, Textilrestauratorin bei der Klosterkammer Hannover, einig. Beide stammen aus der Zeit kurz nach der Reformation im Jahr 1530. Sie wurden auf den Kniebänken ausgebreitet, an denen sich die Gemeinde zum Abendmahl versammelte, und sollten verhindern, dass die Hostie zu Boden fiel. „Mit der Ablehnung der Wesensverwandlung der irdischen Materien Brot und Wein in den überirdischen Leib und das überirdische Blut Christi durch die lutherische Lehre erledigte sich eigentlich der Gebrauch dieser Tücher im protestantischen Gottesdienst. Die Entstehungszeiten belegen aber, dass zunächst katholische Riten beibehalten wurden. Die beiden Tücher sind aber nicht nur als Ausstattung einer protestantischen Kirche einzigartig, auch in katholischen Kirchen sind solche Tücher nur selten zu finden“, erklärt Schmaltz. Das eine Tuch bildet die klugen und törichten Jungfrauen rechts und links von Christus (Matthäus 25,1 ff) in feinster Seidenstickerei auf Leinengewebe ab. Ein wunderbares Objekt auch, weil die Tracht der Jungfrauen der damaligen Mode entspreche, meint Tanja Weißgraf. Das zweite Banklaken erzählt Abschnitte der Abrahamsgeschichte.

Die Kunstschätze, die nach den vielen katholischen Heiligendarstellungen Zeugnisse des reformatorischen Glaubens sind, wurden bis 2014 in nicht klimageschützten Vitrinen auf der Südempore der Nicolaikirche aufbewahrt. Dort waren sie Schädlingsbefall und starkem Lichteinfall ausgesetzt. Um die Paramente zu erhalten, führt kein Weg an einer baldigen Restaurierung vorbei, forderte Prof. Dr. Thorsten Albrecht, Leiter des Kunstreferats des Landeskirchenamtes, dessen Meinung Tanja Weißgraf und ihre Kollegin Wiebke Haase teilen. „Wir haben sie dann in Obhut genommen und beraten die Nicolai-Gemeinde über die Restaurierungsmöglichkeiten“, sagt Weißgraf.

Die Gemeinde ist zum Erhalt verpflichtet und stellt sich dem gern. Tibor Ridegh, der sich als Nicolai-Mitglied für das Projekt engagiert, hofft, dass die Finanzierung durch die Gemeinde und Stiftungszuwendungen gesichert werden kann. Allerdings stellte sich dem Kirchenvorstand auch die Frage: Was passiert mit den Schätzen danach? „Sie einfach in Kisten einzulagern, wäre eine schmerzvolle Entscheidung“, sagt Ridegh. Die Idee sei, den bisher fast unbekannten Kirchenschatz wirkungsvoll im unteren Nordschiff der Kirche zu präsentieren. Dazu wäre aber auch neben licht- und klimageschützten Vitrinen ein Ausstellungskonzept erforderlich, welches sich mit der Frage auseinandersetzt: Welche Bedeutung hatten und haben Paramente in der evangelischen Liturgie?

Ein großes Vorhaben, das die Finanzkraft der Gemeinde weit übersteigt, auch wenn die Landeskirche einen Beitrag leistet. Das ist Schmaltz und Ridegh bewusst. Sie hoffen auf die Spendenbereitschaft der Lüneburger und weitere Hilfe von Stiftungen. „Wenn das Vorhaben realisiert wird, würden die Nicolai-Paramente zusammen mit den liturgischen Tüchern des Textilmuseums im Kloster Lüne, des neuen Museums und denen von St. Johannis die Hansestadt zum Ort des größten sakralen Textilbestands in Norddeutschland machen.“ Für Interessierte der Textilkunst böte sich dann ein einmaliger Rundgang durch die Schätze mehrerer Jahrhunderte an.

Wer die Restaurierung unterstützen will, wendet sich ans Gemeindebüro unter Tel.: 2430770.