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Die Ambulanz im Klinikum an der Bögelstraße (Foto) oder der Ärztliche Bereitschaftsdienst an der Jägerstraße? Die Frage, welche Adresse im Notfall die richtige ist, lässt sich für den Laien nicht immer so leicht beantworten. Foto: A/t&w
Die Ambulanz im Klinikum an der Bögelstraße (Foto) oder der Ärztliche Bereitschaftsdienst an der Jägerstraße? Die Frage, welche Adresse im Notfall die richtige ist, lässt sich für den Laien nicht immer so leicht beantworten. Foto: A/t&w

Notaufnahmen überlastet und unterfinanziert – Patienten fahren statt zum Bereitschaftsdienst lieber ins Klinikum

as Lüneburg. Die Notaufnahmen in deutschen Kliniken sind überlastet und unterfinanziert. Dieses Fazit zog jüngst der Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Georg Baum, angesichts eines Gutachtens zur Finanzlage der ambulanten Notfallversorgung in den 2000 Krankenhäusern. Das Lüneburger Klinikum hat im vergangenen Jahr 47500 Notfallpatienten versorgt. Das waren 7,5 Prozent mehr als im Jahr zuvor (44000). Umgerechnet suchten pro Tag damit also zehn Patienten mehr die internistische oder chirurgische Notfallaufnahme auf. Mancher klagt dann über lange Wartezeiten. Die könnten deutlich verringert werden, denn eigentlich ist für viele Patienten die erste Anlaufstelle nicht das Klinikum an der Bögelstraße, sondern der kassenärztliche Bereitschaftsdienst.

Während der sprechstundenfreien Zeiten muss die Kassenärztliche Vereinigung über den sogenannten Bereitschaftsdienst die ambulante Notfallversorgung sicherstellen. Das täte sie aber inzwischen nicht mehr, kritisiert DKG-Chef Baum. Immer mehr Kranke steuerten die Notfallambulanzen an. Dr. Jörg Berling, Adendorfer Allgemeinmediziner und stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN), hatte daraufhin von einer Kampagne der DKG gegen den kassenärztlichen Bereitschaftsdienst gesprochen (LZ berichtete). Die KVN biete sehr wohl einen flächendeckenden Bereitschaftsdienst an.

Das Problem: Der Gesetzgeber erlaubt bei der ambulanten Notfallversorgung Wahlfreiheit. Patienten können also entweder die Bereitschaftsdienstpraxis oder die Notfallambulanzen in Kliniken ansteuern. Dr. Jörg Cramer, Ärztlicher Direktor des Klinikums, macht aber deutlich: „Klinikambulanzen sind in erster Linie für die Versorgung von Patienten da, die von einer akuten Erkrankung oder Verletzung bedroht sind und einer Krankenhausbehandlung mit breitem diagnostischem Spek­trum bedürfen.“ Darüber hinaus würden aber auch Patienten die Ambulanzen an der Bögelstraße aufsuchen, die sich dort eine gute fachärztliche Behandlung versprechen, aber genauso gut bei niedergelassenen Fachärzten behandelt werden könnten.

Und dann gibt es noch die, die gesundheitliche Probleme eigentlich beim Hausarzt abklären lassen könnten, die aber außerhalb der Praxiszeiten schnell mal zur Klärung die Klinik ansteuern. Dr. Michael Moormann, Geschäftsführer des Klinikums, ist sich mit Cramer einig: „Erstanlaufstelle für Patienten, die nicht akut gesundheitlich bedroht sind, müsste der Bereitschaftsdienst der niedergelassenen Ärzte sein.“ Aus ihrer Sicht müssten die Bereitschaftsdienste dazu auch ausgeweitet werden. Doch jüngst wurde erst der chirurgische beziehungsweise orthopädische Bereitschaftsdienst, ein freiwilliges fachärztliches Angebot ergänzend zum allgemeinen Bereitschaftsdienst in Lüneburg, eingestellt. Cramer geht davon aus, dass dadurch noch mehr Patienten die Klinikambulanz ansteuern werden.

Das Mehr an Patienten bedeutet aber nicht mehr Geld in der Klinikkasse. Moormann: „Seit Jahrzehnten ist bekannt, dass die ambulante Notfallversorgung nicht adäquat vergütet wird. Denn die umfangreichen Untersuchungen zur Diagnostik wie zum Beispiel Labor und Röntgen werden nicht so gegenfinanziert, dass das Leistungsspektrum unserer ambulanten Notfallbehandlungen und die spezifischen Strukturen des Krankenhauses sachgerecht abgebildet werden.“ Laut DKG-Chef Baum erhält eine Klinik pro Notfall-Patient in der Regel 32 Euro, im Schnitt fielen aber Kosten von 120 Euro an. Moormann sagt mit Blick auf das Gutachten der DKG: „Davon abgeleitet würden wir pro Jahr ein Minus von 1,8 Millionen Euro in diesem Bereich einfahren.“ Er widerspricht der Aussage von Berling, dass sich Kliniken bei der ambulanten Versorgung auf eine doppelte Finanzierungsgrundlage, nämlich die Krankenhausinvestitionskosten sowie die Finanzierung der laufenden Betriebskosten durch die Kassen, stützen könnten: „Fördermittel für Investitionen dürfen nur zur Behandlung stationärer Patienten eingesetzt werden. Der Anteil ambulanter Patienten wird bei der Bemessung der Fördermittelhöhe herausgerechnet.“