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Ulf Gustafsen ist Sprecher des Arbeitskreises der Schulelternräte der Gymnasien. Foto: be
Ulf Gustafsen ist Sprecher des Arbeitskreises der Schulelternräte der Gymnasien. Foto: be

Kritik der Eltern wird lauter Lüneburger – Arbeitskreis kritisiert rot-grüne Bildungspolitik in Niedersachsen

ahe Lüneburg. Ulf Gustafsen hat vier Kinder, drei lernen am Lüneburger Johanneum, eins an den Berufsbildenden Schulen Am Schwalbenberg. Zwangsläufig ist der Vater deshalb nahezu täglich mit dem Thema Schule konfrontiert. Doch sein Interesse reicht über Gespräche mit seinen Kindern am heimischen Frühstückstisch über die nächste Mathearbeit und die letzte Zensur im Englischtest hinaus. Im Laufe der Jahre hat er konkrete Vorstellungen davon entwickelt, was guten Unterricht ausmacht und wie Schule sein sollte, damit Kinder möglichst gern und viel lernen. Das ist für ihn auch eine Frage des Systems, und das sieht er gefährdet durch die aktuelle Schulpolitik der Landesregierung. Mit diesem Standpunkt ist Ulf Gustafsen nicht allein, im Gegenteil: In den Reihen der Elternvertretungen an den Schulen wird die Kritik an der Kultusministerin und der rot-grünen Landesregierung zunehmend lauter.

Es sind vor allem die Eltern der Gymnasiasten, die sich nicht anfreunden können mit dem, was da aus Hannover nach Lüneburg dringt. Keine Zensuren mehr in den 3. und 4. Klassen, keine Schullaufbahnempfehlung mehr am Ende der Grundschulzeit, Abschaffung des Sitzenbleibens in den Klassen 5 bis 10, die Möglichkeit, dass Gesamtschulen Gymnasien ersetzen können all das schmeckt den Müttern und Vätern nicht, die sich seit Monaten alle vier Wochen in einem Arbeitskreis treffen. Elternvertreter sämtlicher öffentlicher Gymnasien in Stadt und Landkreis Lüneburg sind mit dabei, ebenso Vertreter der beiden Uelzener und des Gymnasiums in Salzhausen, bei der jüngsten Zusammenkunft waren erstmals auch Dannenberger Eltern mit in der Runde. Gustafsen ist einer der Sprecher des Arbeitskreises. Er sagt: „Es gibt derzeit am System Schule viele kleine Veränderungen, die allein für sich vielleicht nicht allzu gravierend erscheinen mögen, die sich zusammen aber massiv gerade auf die Gymnasien auswirken werden.“

Sowohl im neuen Schulgesetz, als auch im Koalitionspapier von SPD und Grünen finden die Mitglieder des Arbeitskreises vieles, was sie bemängeln. Den Wegfall der Noten in der Grundschule und der Schullaufbahnempfehlung sowie das Streichen der Möglichkeit für die Schulen, einen Schüler nach der Klasse 6 abschulen zu können, wenn er beispielsweise am Gymnasium einfach nicht mitkommt, halten sie für leistungshemmend. „Und mit dem Wegfall der Laufbahnempfehlung wird den Eltern auch eine Entscheidungshilfe genommen“, kritisiert Gustafsen. Seine Befürchtung: „Es werden womöglich noch mehr Eltern ihre Kinder an den Gymnasien anmelden, auch jene, die von ihrem Leistungsvermögen besser auf einer Oberschule aufgehoben wären. Dadurch würden an den Gymnasien die leistungsstarken Schüler gebremst, der Spagat für die Lehrer, allen gerecht zu werden, würde noch schwieriger. Und ohne Sitzenbleiben müssten leistungsschwache Schüler bis Klasse 10 durchgeschleppt werden.“

Als größten Kritikpunkt nennt er, dass es das neue Schulgesetz zulasse, dass Gesamtschulen Gymnasien ersetzen können. „Ein Landkreis muss nicht mehr zwingend ein Gymnasium vorhalten, es kann auch eine Gesamtschule sein.“ In Lüneburg scheint diese Gefahr angesichts des nach wie vor großen Andrangs an den Gymnasien momentan nicht jedem einzuleuchten. Gustafsen aber mahnt: „Die Schulträger können über die Frage entscheiden. Und wenn der Kreis oder die Stadt plötzlich auf den Trichter kommt, an einem Schulzentrum richten wir statt Gymnasium neben Oberschule lieber eine Gesamtschule ein, weil das für die Kommune aufgrund der schlankeren Verwaltungsstruktur günstiger ist und Stadt und Kreis ja eh immer knapp bei Kasse sind, dann wäre das fortan mit einem Federstrich möglich.“ Er legt Wert auf die Feststellung: „Gegen Gesamtschulen an sich haben wir überhaupt nichts.“ Doch die erfolgreiche Schulform Gymnasium dürfe durch neue Gesamtschulen nicht gefährdet werden. Und auch bei der Mittelzuweisung durch das Land dürften Gesamtschulen gegenüber Gymnasien nicht bevorzugt behandelt werden.

Gerade erst war Gustafsen mit drei anderen Vertretern des Arbeitskreises in Hannover, um dort mit den Lüneburger Landtagsabgeordneten und dem SPD-Bildungsexperten über ihre Kritikpunkte zu sprechen. Während die Politikerrunde offenbar den Eindruck hatte, es sei ein fruchtbarer Austausch gewesen, teilen die Eltern diese Meinung nicht. Gustafsen: „Wir fühlen uns nicht verstanden. Auf unsere Kritikpunkte sind die gar nicht eingegangen.“ Einzig in der positiven Einschätzung der Rückkehr zum Abitur nach 13 Jahren seien sich beide Seiten einig.

Abfinden mögen sich die Eltern damit nicht. Sie haben Faltblätter und eine eigene Internetseite (www.pro-gymnasien.de) erstellt, darauf fassen sie ihre Standpunkte zusammen. Mit einer Postkartenaktion wollen sie viele andere Eltern ermutigen, an die Kultusministerin zu schreiben und ihr die eigenen Kritikpunkte mitzuteilen. Und sie wollen auch weiterhin intensiv mit Elternvertretungen von Gymnasien im gesamten norddeutschen Raum zusammenarbeiten. „Wir kämpfen nicht mehr in erster Linie für unsere Kinder, die sind womöglich schon aus der Schule, wenn die meisten Veränderungen greifen. Wir kämpfen für künftige Generationen. Es gibt Prognosen, die besagen, dass es mit den Änderungen in 20 Jahren vielleicht noch 20, 30 Gymnasien in ganz Niedersachsen geben könnte.“

23 Kommentare

  1. Und auch bei der Mittelzuweisung durch das Land dürften Gesamtschulen gegenüber Gymnasien nicht bevorzugt behandelt werden.
    schon klar, bis jetzt war es immer umgekehrt.

    • Werner Schneyder

      Bitte präzise Zahlen unter Berücksichtigung, dass Gesamtschulen Ganztagsschulen sind.

      • präzise zahlen? niedersachsen gehört zu den wenigen ländern , wo es online keine präzise zahlen, was schulen angeht giebt. warum wohl?

        • tja, so ist das, einige sind kostenlos zur schule gegangen, andere umsonst. gi(e)bt uns diese aussage etwas? warum reagiert da keiner? das hat doch immer so schön geklappt.

  2. Als ehemaliger Sitzrnbleiber in der 9. Klasse Gymnasium (80er) möchte ich einmal mitteilen wie positiv das für mich war. Ich hatte meine Schullaufbahn damals schon abgehakt, da mir der Aufwand mein Wissen auf das Jahrgangsniveau zu hieven so groß erschien, dass ich gar nicht erst anfing und mich so durch die 8. Klasse mogelte und in der 9. dann mit 2 Fünfen in Englisch und Französisch scheiterte. Diese wiederholte ich dann und war dadurch bestens motiviert und sah wieder Licht am Ende des Tunnels, da ich durch das wiederholen für die anderen Fächer kaum etwas tun musste und die gewonnene Zeit zum schließen meiner Lücken in Eng und Franz nützen konnte. Nach erfolgreichen Abitur und Studium kann ich nur mitteilen, wie heilsam das Sitzenbleiben für mich war. Mein damaliger Schulfreund, dem es ähnlich erging ließ sich nach dem wiederholen der 9-ten in die 10 auf die Realschule runterstufen und zündete dort den Turbo mit einem Top Realschulabschluss, dann wechselte er mit diesem positiven Erlebnis wieder auf das Gymnasium und baute sein Abitur. Die Noten waren mir übrigens auch wichtig, um mir nichts vorzumachen und eine Orientierung zu haben. In Positiver Erinnerung sind mir übrigens auch die strammen Lehrer geblieben, die einen angeheizt haben den inneren Schweinehund zu überwinden und dadurch damals nicht unbedingt in der Beliebtheitsskala oben standen.
    Hinfallen und aufstehen gehört zum Leben und das sollte auch in der Schule vermittelt werden. Die Entwicklung einer richtigen Selbsteinschätzung ist ebenso wichtig und dazu muss man auch mal seine Grenzen erfahren und auch gezeigt bekommen. Wie soll das denn alles mit den neuen Grossraumversuchen an den Schülern gelingen?
    Es wäre mal wichtig für unser Land zu erkennen wo unser bisheriger Erfolg herkommt und unsere Stärken, liegen und wie sich unsere Talente entwickeln konnten. Wenn ich mich mit Lehrbetrieben unterhalte höre ich in der Regel, das der Output aus den Schulen seid Jahren immer geringeres Niveau hat. Wie kann das eigentlich sein nach Jahrzehnten verbesserter Pädagogik und Weiterentwicklung der Lehrwissenschaften?
    Der Erfolg eines Landes hängt in der Regel auch davon ab, inwieweit es in der Lage ist Menschen mit außerordentlichen Fähigkeiten und Talenten hervorzubringen und das wir nicht mit Einheitsbrei, Matschepampe und Giesskanenprinzip funktionieren.
    Der Leistungssport hat übrigens schon vorgemacht, wie außerordentliche Erfolge zustande kommen: durch Förderung, Training, Verdichtung und die Zusammenführung außergewöhnlicher Talente. Dazu zählen auch immer wieder Entscheidungen einzelnen mitzuteilen, das es in Moment nicht reicht. Mit Landesligaspielern brauchen Sie in der Bundesliga nicht anzutreten und mit Auflösung der Bundesliga heben die Bundesligaspieler das Niveau der Landesliga nur kurz an um schließlich sich dem Niveau selbst anzupassen. Das kann man übrigens in allen Sportarten und Ligen beobachten und das gleiche Prinzip kann man in den Schulen nachverfolgen. Man kann den Leuten nur helfen, wenn man ihnen auf allen Ebenen die besten Betreuer und Trainer zu Seite stellt um ihr eigens Potential herauszuholen.
    Das sollte das Ziel eine. Guten Schulpolitik sein, die besten Lehrer zur Verfügung zu stellen und die besten Materialien und dann das einzelne Potential entwickeln und die gleichen Potentiale zusammen zu bringen um sich gegenseitig zu befruchten.

  3. Hier fehlt in der Auflistung der Absurditäten die Inklusion, die für mich der Anfang vom Ende des Gymnasiums ist. All die „Neugymnasiasten“,die fehlgeleitet am Gymnasium sitzen, treffen dort auf die inkludierten Kinder mit Lernhemmnissen und Kraeativverhalten. Kein Lehrer wird unter den Bedingungen gymnasiales Niveau durchhalten können, wenn er die gesamte Schulstunde über sich diesem Schülerkreis, der nichts am Gymnasium verloren hat, fast ausschließlich widmen muss. Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich spreche. All dieses gutmeinende Getöne, dass die schlechten von den guten Schülern lernen und es sich um eine win-win-Situation handelt: Gerede ohne jede Grundlage ! Die Ausführungen der Eltern zeigen aber, dass Kritik an der Inklusion tabu ist, weil man dann sofort in die Ecke der Unmenschen gestellt wird. Das ist wirklich gelungen !! Und wenn es einmalSchulleiter gibt, die gegenüber dem Dienstherrn Kritik zu äußern wagen, wird ihnen knallhart verdeutlicht, dass sie wohl nicht die richtige Person am richtigen Platz sind…

  4. Werner Schneyder

    Jeder darf eine Meinung haben, auch Eltern. Aber manchmal tut ein Blick in die Wissenschaft ganz gut. (1) 50% der Grundschulempfehlungen entsprechen nicht dem späteren Abschluss. So etwas muss abgeschafft werden. (2) Noten: Studien von 1949 bis heute zeigen: Noten sind diagnostisch minderwertig und haben geringe Aussagekraft. Präzise Beschreibungen des Leistungs- und Sozialverhaltens sind Noten weit überlegen. (3) Sitzenbleiber sind nach dem Sitzenbleiben wieder bei den leistungsschwächeren Schülern. Seit der ersten PISA-Studie wurde etliche Male nachgewiesen, dass gezieltes Fördern besser ist. (4) Wenn die Zahl der Gymnasien sinken sollte, zeigt dies nur, dass die Deutschen zu wenig Kinder zeugen und gebären. Ein Gymnasium ab Klasse 5 kennt man weltweit sowieso nicht.

    Nein, liebe Leute, dies ist ein vorgezogener Wahlkampf und hat mit besonnener Schulpolitik nichts zu tun.

    • Nein, liebe Leute, dies ist ein vorgezogener Wahlkampf und hat mit besonnener Schulpolitik nichts zu tun
      und dieses bleibt auch so, solange es länderpolitik bleibt.

    • 1. Die Schulempfehlung war immer eine Empfehlung für den gegenwärtigen Zeitpunkt und auch immer nur eine Empfehlung. Dies schließt Zukünftige positive wie negative Entwicklungen nicht aus. Manche Kinder entwickeln sich früher manche später. Wenn Sie aus dieser Empfehlung schon ein Resultat ablesen wollen liegen Sie falsch. Es ging immer darum Schüler nach der Grundschule nicht in eine Überforderung oder eine Unterforderung zu schicken.
      2. Noten hatten nie den Anspruch eine Diagnose zu sein, sie sind Resultat und Lehrr haben die Aufgabe dem Schüler zu vermitteln, wie es zu dieser Note kommt (die sollte ja nicht vom Himmel fallen). Wenn Schüler und Eltern bezüglich der Note ahnungslos sind sollte Sie die Eltern- und Schülersprechstunden Nutzen um sie sich erklären zu lassen. Ich gebe Ihnen recht das Noten in Zeugnissen mit einer präzisen Leistungs- und Sozialverhaltens zu ergänzen sind.
      3. Das gezielte fördern sollte schon vorm Sitzenbleiben einsetzen, wenn es dann aber nicht hilft sollte Sitzengeblieben oder Runtergestuft werden.
      4. weniger Schüler, weniger Schulen, stimmt. Die Welt macht nicht alles besser, wir sollten unseren Weg gehen.

  5. Erziehungsfalken

    Ach Sie waren der andere Sitzenbleiber im Lüneburg der achtziger Jahre. Ich wusste doch, dass es neben Bernd Althusmann noch einen weiteren solchen für die damaligen Verhältnisse außergewöhnlichen Härtefall gegeben hat. Ansonsten hieß doch die Devise in Niedersachsen „Abitur für alle“ und „schlechte Schüler gibt es nicht, es gibt bloß schlechte Schulen und schlechte Lehrer.“ Keine Zensuren mehr in den Grundschulen, Schullaufbahnempfehlungen wurden ohnehin nicht ernsthaft ausgesprochen, die Abschaffung des Sitzenbleibens, die Ablösung der Hauptschulen und Gymnasien durch Gesamtschulen, Durchfallquoten bei Abitur und Examen im Eins-Promille-Bereich – derlei Bildungsutopien hatten von 1970 bis 1974 einen exaltierten Vordenker im niedersächsischen Kultusminister Peter von Oertzen, der von 1970 bis 1983 SPD-Bezirksvorsitzender in Hannover, von 1970 bis 1978 Vorsitzender des Landesausschusses der SPD Niedersachsen war und dessen Ideen die Praxis des Dauerkarnevals von Hochschul- und Bildungsreformexperimenten bis weit in die neunziger Jahre bestimmten – trotz seiner eher konservativen Nachfolger im Amt Ernst Gottfried Mahrenholz (SPD, 1974 – 1976) und Werner Remmers (CDU, 1976 – 1982), der als einer der profiliertesten Köpfe des politischen Katholizismus in den 80er- und 90er-Jahren galt und Förderer und politischer Ziehvater „unseres“ ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff war.

    Sie haben natürlich Recht: „Der Erfolg eines Landes hängt in der Regel auch davon ab, inwieweit es in der Lage ist Menschen mit außerordentlichen Fähigkeiten und Talenten hervorzubringen“, und er hängt auch von der Erkenntnis ab, dass „wir nicht mit Einheitsbrei, Matschepampe und Giesskanenprinzip funktionieren.“

    Aber schauen Sie sich umgekehrt mal an, wohin die Reise geht, wenn wir den observations- und reglementierungswütigen Amateur-Pädagogen das Feld überlassen. Könnten nicht gerade auch Leute wie Herr Ulf Gustafsen zum Problem werden? Eltern, die beängstigend „konkrete Vorstellungen davon entwickelt“ haben, „was guten Unterricht ausmacht und wie Schule sein sollte, damit Kinder möglichst gern und viel lernen“?

    Sicher, wir wissen ja so wenig über unsere Kinder! Schon wer sein Kind in eine Krippe bringt, kennt dieses unbehagliche Gefühl: Noch kann das Kleine nicht einmal selbst erzählen, was es alles erlebt hat. Später sind es die beiläufigen Erwähnungen anderer Kindergarteneltern, aus denen klar wird, dass man in der Entwicklung des eigenen Kindes wohl etwas verpasst hat. Noch in der Zeit, wenn Kinder bereitwillig aus der Schule erzählen, kann es im Gespräch mit den Lehrern zu Überraschungen kommen – lange vor der Phase, in der die Halbwüchsigen auf die Frage, wie es in der Schule war, mit einem knappen „gut“, auf die Frage, ob eine Klassenarbeit anstehe, „weiß nicht“, und überhaupt im Subtext ein einziges, ewiges „halt dich da raus“ antworten.

    Irgendwann haben sich die Beobachtungsobjekte, über denen die Helikoptereltern unermüdlich kreisen, Tarnnetze der Einsilbigkeit übergezogen. Der Wunsch, trotzdem auf dem Laufenden zu bleiben, wird dringlich. Und die Möglichkeit, ihn zu erfüllen, ist so naheliegend wie nie zuvor. Die Digitalisierung macht es möglich.

    Wenn Sie Gelegenheit haben, in diesen Tagen die Bildungsmesse Didacta in Hannover zu besuchen, kommen Sie am Thema neue Technologien nicht vorbei: Lehrer, Erzieher, Studenten oder Eltern, alle werden vom Haupteingang im Norden des Messegeländes geradewegs durch Halle 23 geleitet, vorbei an den strahlenden Ständen der Hard- und Softwareanbieter jeder Größe mit ihren über Berührungen steuerbaren Großbildschirmen. Und wer sich all die glänzenden Lösungen anschaut, eine Schule auf der Höhe der Zeit einzurichten, den Unterricht digital aufzumotzen und auszuwerten, steht unwillkürlich vor der Frage, was denn mit all den Daten passiert, die da anfallen – wer sie sammelt, sichert, auswertet, wer sich für sie interessiert, wozu sie gut sind. Sollte man meinen.

    Promethean beispielsweise, ein Anbieter interaktiver Lerntechnologien, führt in Halle 23 vor, wie einfach sich multimediale Unterrichtseinheiten mit kleinen Übungen koppeln lassen, für die Schüler mit eigenen kleinen Geräten namens Activ Expression arbeiten. Die übertragen nicht nur die Antworten der Schüler, sondern auch die Zeit, die sie für die jeweilige Aufgabe gebraucht haben – als Excel-Tabelle. Der Lehrer kann so abrufen, wie gut die Klasse im Stoff mitgekommen ist und wo, gezielt oder grundsätzlich, noch einmal nachgearbeitet werden muss. Aber er kann sich auch Profile seiner Schüler anlegen, die ausweisen, wie sich deren Leistung zu welcher Tageszeit, an welchen Wochentagen und insgesamt entwickelt. Üblicherweise sind die Geräte zwar nicht personalisiert und werden in mehreren Klassen eingesetzt. Die Verknüpfung lässt sich allerdings mit wenigen Mausklicks herstellen. Die Daten sind ja da.

    Das System Mastertool des Bildungsmedienanbieters Cotec, das auf dem Whiteboard oder den Bildschirmen der Kinder die Kombination fertig eingekaufter Themenpakete mit eigens vorbereitetem Lernmaterial, mit Youtube-Videos, PDF-Dateien und Fenstern in Wikipedia ermöglicht, haben neun Bundesländer bereits über ihre Landesmedienzentren lizenziert, die es ihrerseits an die Schulen und die Lehrer weitergeben.

    In Bremen hat sich die Schulbehörde gerade für eine einheitliche Lernplattform für alle 57.000 Schüler des Bundeslandes entschieden. In den Schulen und in der Lehrerausbildung soll Its-learning eingesetzt werden, das Lehrmaterialien verwalten, Unterrichts- mit Bildungsplänen verknüpfen, Aufgaben stellen und ihre Erfüllung protokollieren und das zentrale Kommunikationsmedium hinter der Begegnung im Klassenraum werden kann. Und dieses System sieht vor, wovon Helikoptereltern nur träumen können: einen tiefen Zugriff auf die Daten ihrer Kinder.

    Bis in die einzelnen Hausaufgaben können Eltern in das Profil ihrer Kinder tauchen. Ein eigenes Dashboard informiert über anstehende Klassenarbeiten, die Abgabedaten von Aufgaben und deren Korrekturstand. Eltern können, wirbt das Unternehmen, „Berichte über Zensuren, das Verhalten und die An- bzw. Abwesenheit der Kinder sehen“, die Informationen würden automatisch mit den aktuellsten Einträgen der Lehrer abgeglichen.

    Schon immer war der direkte Kontakt von Eltern und Lehrern für auf ihre Selbstständigkeit bedachten Jugendliche ein Albtraum. Wie muss das Gefühl sein, wenn sich Eltern und Lehrer gemeinsam über das eigene Lernprofil beugen, über Daten, die von den Schülern nicht kontrolliert, nicht eingeordnet und womöglich nicht einmal eingesehen werden können?

    Allein dadurch, dass bei den elektronischen Eintragungen der Lehrer und Rückmeldungen der Schüler Datenprofile entstehen, bekommen Kennzahlen bei der Gestaltung des Unterrichts und der Einschätzung der Kinder Gewicht: Die Arbeit mit ihnen ist so viel handlicher und bequemer als die mit den immer komplexeren und oft genug widersprüchlichen Bildern, die sich Pädagogen Tag für Tag von ihren Schützlingen machen. Und auch die Schüler lernen, so fatal es auch ist, eines mit Sicherheit schnell: dass es lohnt, sich primär auf Kennzahlen zu konzentrieren statt auf Unterrichtsinhalte.

    Wenn die vielbeschworene Bildungspartnerschaft, in die selbstverständlich auch Eltern einbezogen sind, ihre Grundlage in einer solchen Datenauswertung hat, der sich der Schüler nicht entziehen kann, letztlich also in einem Überwachungswerkzeug, ist nicht nur einer der wesentlichen Werte jeder Partnerschaft – Freiwilligkeit und Selbstverantwortung – von vornherein verraten. Auch die Eltern werden kaum eine Wahl haben, von diesen Angeboten Gebrauch zu machen.

    Einerseits ist es auch für Väter und Mütter ohne Rotorblätter nicht leicht, zwischen einem fürsorglichen und einem voyeuristischen Blick auf die Teile des Lebens der eigenen Kinder zu unterscheiden, die sich ihnen bislang entzogen hatten. Andererseits müssen sie damit rechnen, dass in Systemen, die bis in die Bearbeitungsdauer einzelner Aufgaben hinein Leistung und Einsatz registrieren und verrechnen, auch das eigene Profil einer solchen Datenauswertung unterliegt. Künftig könnte der Blick in die Bildungsdaten ihrer Kinder zum Idealbild engagierter Eltern gehören.

    Wie findet man „die besten Spieler“ mit Bundesligapotential? Wie „die besten Betreuer“ und „die besten Trainingsprogramme“? Wie „die beste Schulpolitik“, „die besten Lehrer“ und „die besten Materialien“, um „die besten Potentiale zusammen zu bringen“, damit sie „sich gegenseitig befruchten“?

    Findet man sie so? Was hätte der schwache Schüler Falk der achtziger Jahre wohl dazu gesagt, in dem „ein Mensch mit außerordentlichen Fähigkeiten und Talenten“ steckte und der ein ordentlicher Lüne-Bürger mit Hoschschulabschluss und Radlerkompetenz geworden ist?

    • Hat eine Weile gedauert, bis Sie zu den wesentlichen Fragen gekommen sind: Wie findet man “die besten Spieler” mit Bundesligapotential? Wie “die besten Betreuer” und “die besten Trainingsprogramme”? Wie “die beste Schulpolitik”, “die besten Lehrer” und “die besten Materialien”, um “die besten Potentiale zusammen zu bringen”, damit sie “sich gegenseitig befruchten”?
      Das herauszufinden wäre mal eine Aufgabe für eine Ideologiebefreite Wissenschaft und am besten bevor großflächige Freilandversuche an ganzen Schülergenerationen vorgenommen werden. Mein Blick zum Sport, war dabei mal eine Anregung wo man zum Beispiel hinschauen könnte um zu lernen, wie zum Beispiel hervorragende Talententfaltung gelingen kann. Ein anderer Punkt der in der Schule scheinbar in vielen Bereichen komplett verloren gegangen scheint ist der Faktor Diziplin der auch immer etwas mit Konzentration zu tun hat. Im Spitzensport ist ohne Diziplin (damit ist in diesem Zusammenhang besonders das Verhalten während der Übungs- und Trainings- und Wettkampfeinheiten gemeint) nicht viel zu holen. An unseren Spitzenlehrstätten wie den Gymnasien ist da schon oft nicht mehr viel von zu sehen und in den unteren Schulformen noch viel weniger.

      • Liebe Frau Falk

        Wissen Sie eigentlich, wie viele Tausende sportlich gescheiterter Existenzen hinter einem Führerscheinverweigerer wie Roland Reuß stehen? Man siehet die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht! Hätten Sie die gleichen Auswahlprinzipien wirklich gerne auf die Schule übertragen? Wo wären Sie in so einem Selektionsregime während Ihrer Auszeitphase wohl abgeladen und liegengelassen worden?

        Und eine ideologiefreie Pädagogik halten Sie für möglich und halten sie dazu noch für eine Wissenschaft? Pädagogik ist staatlich finanzierte Sterndeuterei, aus welcher von verzweifelten Zeigestockliebhabern ideelle Regeln des „Bio-Management“ abgeleitet werden. Was nicht im Menschen ist, kommt auch nicht von außen hinein. Erziehung ist Beispiel und Liebe, sonst nichts. „Die Hälfte des Lebens verbringt der Mensch damit, die falschen Vorstellungen seiner Vorfahren loszuwerden; die andere damit, seinen Kindern falsche Ansichten beizubringen“, meinte der Literaturnobelpreisträger Churchill, den seine Lehrer als renitenten Schüler in ein Heim für „mentally disabled children“ stecken wollten. „Es gibt keine andere vernünftige Erziehung, als Vorbild sein, wenn es nicht anders geht, ein abschreckendes“, hat Einstein geschrieben. Und der englische Dichter Wystan Hugh Auden notierte uns: „Das Ziel jeder ‚Erziehung‘ ist, ein Individuum mit der Menge an Neurosen zu beladen, die es gerade noch ertragen kann, ohne zusammenzubrechen.“

        Wenn aber auf dem „pädagogischen“ Feld etwas sicher ist, dann, dass alle Eltern auf der Welt eines immer ganz genau wissen: wie die Kinder anderer Leute erzogen werden sollten und im Bemühen, die angeborene Lebenslust ihrer eigenen Kinder abzutöten, entwickeln viele von ihnen eine erschreckende Effizienz.

        Darum, denke ich, „hat es eben nicht nur eine Weile gedauert, bis mein Vorvorredner zu den wesentlichen Fragen gekommen ist“.

        Mit ihm bin ich überzeugt, dass die “ wesentlichen Fragen“ von heute in den Möglichkeiten stecken, welche die elektronischen Programme der Abrichtung, Überwachung und Manipulation bereitstellen, auf die er uns hingewiesen hat.

        Können Sie sich etwa nicht vorstellen, dass Leute wie Herr Ulf Gustafsen diese Möglichkeiten eines sehr nahen Tages schon ergreifen und mit großem „Aufklärungsdrang“ nutzen werden?

        Erschreckt Sie diese Aussicht nicht?

        Oder gehen Ihnen Disziplinierung und Spitzendrill einfach über alles?

        • Lieber, liebe Frau Falk, es ist immer wieder erstaunlich, wie Sie um Themen herum kreisen unpassende Zitate einstreuen und die Themen vernebeln ohne auch nur ein wenig zum eigentlichen Thema und etwaiger Lösung beitragen und unterschwellig gerne dabei einzelne zu diskreditieren versuchen. In diesem Fall ganz deutlich Herrn Gustafsen, dem Sie Überwachungs- und Manipulationswunsch in naher Zukunft unterstellen. Ich kenne Herrn Gustafsen nicht und das was ich hier lesen konnte ist sein Engagement die Gymnasien in einem mehrgliedrigen Schulsystem gleichberechtigt zu erhalten. Ich muss sagen, dass zollt mir schon Respekt ab, das sich Eltern in den Wind stellen und den Wahnsinn der die Politik in unserem Bildungssystem permanent veranstaltet die Stirn bietet. Das Ihnen das als Heckenschütze nicht behagt, kann man deutlich vernehmen.
          Menschen die nicht die Fähigkeiten eines von Ihnen benannten Roland Reuß erlangen gleich als gescheiterte Existenzen zu titulieren zeugen deutlich von ihrem Menschenbild. Nicht jeder wird ein Meister seines Faches, aber man sollte ihm die Gelegenheit geben sein Potenzial zu nutzen und wenn es die Kreisklasse ist soll er sich dessen nicht schämen müssen.
          Zu ihren Schlusssatz mit den Bemerkungen Diziplinierung und Spitzendrill sollten Sie noch mal in sich gehe oder genauer lesen. Beides klingt bei ihnen sehr nach Befehl und Gehorsam und kommt von außen und sollte in der Schule nicht das Mittel zur Bildung sein. Die von mir angesprochene Diziplin (auch in Verbindung mit Konzentration) kommt von Innen und es sollte nicht Schaden hierin die Kinder zu unterstützen und zu üben.

    • der gläserne bürger sollte schon als kleines kind trainiert werden ,gläsern zu werden. es hilft der wirtschaft beim sortieren. das gute kommt ins töpfchen, das schlechte kommt ins kröpfchen.

  6. “Und mit dem Wegfall der Laufbahnempfehlung wird den Eltern auch eine Entscheidungshilfe genommen”, kritisiert Gustafsen.
    wie war es denn bis jetzt? kinder aus akademikerfamilien wurden regelmäßig nach oben befördert, kinder aus arbeiterfamilien grundsätzlich nach unten. zufall? spielt die geldbörse für nachhilfteunterricht da etwa eine rolle? oder hilft der akademiker clan nur sich gern gegenseitig?

  7. ehrlich gesagt, ich muss mich hier schwer zurücknehmen , um nicht zu platzen. ich habe vor 40 jahren schon gesehen, wo unser system uns hintreibt. es spaltet die gesellschaft. oder wo unterhält sich noch ein gymnasiast mit einem ,,hauptschüler“? die am besten klugscheißen können und die besten beziehungen haben, landen in einem klimatisiertem büro um von dort aus zu predigen:die menschen sollen gefälligst länger arbeiten. diese menschengruppe sind zu theoretikern verkommen und wollen dann dem praktiker erklären, wie es geht. die werte der arbeit, haben sie zu ihren gunsten verschoben, man sieht es an der bezahlung. wer kleine kinder zensieren will, sollte schon mal bei sich selbst damit anfangen. ich bin gern bereit, sich mit diesem sogenannten arbeitskreis auseinander zu setzen. nur, dazu muss die andere seite auch mutig genug sein. rückendeckung bekommt diese truppe doch von ihres gleichen. bekommt sie aber auch recht?

  8. Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen – so endet das Märchen Chancengleichheit. Sind beide Eltern Arbeiter, schaffen es 20 Prozent in die gymnasiale Oberstufe. Sind beide Eltern Angestellte: 50 Prozent. Beide Beamte: 84 Prozent“

    • Das hat natürlich mit der Unterstützung zu tun, die das Kind zu Hause erfährt (oder auch nicht). Die Unterstellung, dass Lehrer Arbeiterkinder bewusst benachteiligen, ist substanzlos. Übrigens: Mein Vater war ungelernter Arbeiter, meine Mutter Putzfrau. Ich habe trotzdem meinen Hochschulabschluss…

    • Herr Bruns,
      1. Chancengleichheit muss man auch nutzen.
      2. Intelligenz wird auch vererbt und Intelligenz begünstigt höhere Bildungsabschlüsse, dass heißt die Wahrscheinlichkeit das Kinder von Menschen höhere Bildungsabschlüsse ebensolche erlangen, ist von dieser Seite betrachtet auch größer.
      3. Als Arbeiterkind konnte ich bisher auch nicht die Erfahrung machen, das mir an irgend einer Stelle der Weg versperrt wurde. Was jedoch dienlich war, war die Offenheit meiner Eltern. Die Barrieren liegen eher im Kopf als im System.

      • Die Feststellung unter 3. kann ich nicht unterschreiben. Ich war vier Jahre lang der beste Schüler meines Jahrganges an der dörflichen Grundschule und war natürlich von meiner Klassenlehrerin für das Gymnasium ausgewählt. Der Rektor wollte dies verhindern, er war der Meinung: „Arbeiterkinder gehören nicht aufs Gymnasium“. Meine Klassenlehrerin hat sich gegen ihn durchsetzen können, wofür ich ihr ewig dankbar bin. Aber das war 1968, die Welt hat sich seitdem zum Glück verändert, auch wenn einige das nicht glauben wollen.

        • Lieber Herbart

          Sie erinnern sich vielleicht noch (Sshädelfund in der Ilmenau, Oktober 2014): Seit letztem Schuljahr bin ich Gymnasiallehrer für Deutsch, Geschi und Sozi in Lüneburg.

          Ich habe als bibelfester Germanismusstudent in Göttingen und Oldenburg gelernt, in Gleichnissen zu denken und möchte daher Ihre seit 1968 zum Glück veränderte Welt des ungebremsten Oberschulenandrangs (ein Wort Ihrer Zeit) aus der Sicht eines geplagten Pädagogen, der tagtäglich von Schulanfängern mit schier unfassbaren „Kompetenzdefiziten“ – nicht nur in den Grundrechenarten (einige wissen nicht einmal ihren Nachnamen, geschweige denn den des Dorfes, in dem sie wohnen) – umstellt ist , mit meinen Erlebnissen im Supermarkt erhellen.

          Wer kennt das nicht: Ob bei Aldi oder Lidl, die Kassiererin ist zu schnell, die Ablage hinter dem Scanner zu klein, man kommt mit dem Einpacken nicht hinterher, die Waren türmen sich zu einem Berg von schwindelerregender Höhe auf, die Kassenschlange hinter einem scharrt ungeduldig mit den Füßen. Streß, Schweiß und Herzinfarkt sind die Folge. Das muß nicht sein! Denn die Schnell’sche Warensortierung schafft Abhilfe: Einfach Obst und Gemüse, das abgewogen werden muß, gleichmäßig zwischen den fertig abgepackten Produkten verteilen und damit den Scanner-Schwung der Kassiererin in regelmäßigen Abständen bremsen. Einpackrückstände können während des Wiegens mühelos aufgeholt werden. Der Tod an der Supermarktkasse gehört der Vergangenheit an: Die Schnell’sche Warensortierung bringt die Entspannung zurück in den Discounter.

          (Vielleicht auch eine Geschäftsidee für Arbeiterkinder, denen an irgend einer Stelle der Weg versperrt wurde und die es trotzdem ins (politische) Bildungsmanagement zieht?)

          Von Kollege zu Kollege

          Kevin Schnell

        • Ich glaube Ohnen dass und ich muss sagen,das in meiner Zeit 10 Jahre später sich schon geändert hatten.

  9. ein uraltes Problem: zum gymnasium nur die intelligenten kinder !! …und die eigenen.