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Eng wird es für die Fluten der Elbe bei Barförde, wie hier beim Hochwasser 2013. Nur 450 Meter breit ist der Strom-Querschnitt an dieser Stelle, für einen geregelten Wasserabfluss sind minimal 600 Meter erforderlich. Foto: A/boldt
Eng wird es für die Fluten der Elbe bei Barförde, wie hier beim Hochwasser 2013. Nur 450 Meter breit ist der Strom-Querschnitt an dieser Stelle, für einen geregelten Wasserabfluss sind minimal 600 Meter erforderlich. Foto: A/boldt

Geduld ist gefragt an der Elbe – Projekte zum Hochwasserschutz am linken und rechten Ufer kommen nur langsam voran

Der Hochwasserschutz war das Thema links und rechts der Elbe. In Lüneburg tagte der Umweltausschuss des Kreises zu Rückschnitt und Rückdeichung, in Lauenburg verkündete Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck (Grüne) den Fahrplan zum Schutz der Altstadt. Am Ende des Tages stand nur eines definitiv fest: Schnelle Lösungen gibt es nicht.

ml Lüneburg. Harald Heuer ist mit beiden Ufern der Elbe bestens vertraut. Bis 2001 war der Echemer Chef der Samtgemeindeverwaltung in Scharnebeck, lenkte zwischen 2003 und 2011 als Lauenburgs Bürgermeister die Geschicke in der Elbestadt und sitzt seitdem für die CDU im Lüneburger Kreistag. Elbehochwasser hat Heuer viele erlebt auch die seit 2002 immer öfter auftretenden sogenannten Jahrhunderthochwasser. Der CDU-Politiker weiß folglich, wovon er spricht, wenn er wie im Umweltausschuss des Lüneburger Kreistags feststellt: „Hoffen wir auf die Geduld der Elbe.“

Zuvor hatte der Fachdienstleiter Umwelt, Stefan Bartscht, skizziert, wie weit die Pläne für den Hochwasserschutz an der Elbe seit dem Extremhochwasser mit Rekordpegelständen im Sommer 2013 gediehen sind und warum der Rückschnitt der Verbuschung derzeit Priorität hat. Zum ersten Mal überhaupt hatten die Umweltminister der Länder unter dem Eindruck der Hochwasserkatastrophe im September 2013 beschlossen, ein Nationales Hochwasserschutzprogramm zu erarbeiten. Die Eckdaten wurden bei einer Umweltministerkonferenz Ende Oktober 2014 in Heidelberg festgezurrt. Beschlossen wurde eine Maßnahmenliste mit einem Volumen von insgesamt 5,4 Milliarden Euro, von denen bis 2021 rund 23 Millionen Euro auch in den Raum Lüneburg fließen sollen. In einem zweiten Schritt stehen für die Region bis 2027 weitere 31 Millionen Euro bereit.

Welche Maßnahmen dies für die untere Mittelelbe konkret sind, lässt sich der Liste jedoch nicht entnehmen. Erarbeitet werden mögliche Vorhaben einschließlich Kosten und Wirksamkeit derzeit im Arbeitskreis Elbe, in dem Behörden, Naturschutz- und Deichverbände sowie Kommunen ebenso vertreten sind wie der zuständige Landesbetrieb und die Biosphärenreservatsverwaltung in Hitzacker. Gefeilt wird an einem gemeinsamen Rahmenplan mit dem Bundesland Mecklenburg-Vorpommern, in dem die Hochwasserschutzmaßnahmen festgelegt werden. Bis Ende des Jahres soll laut Bartscht der Entwurf für den Rahmenplan vorliegen.

Diskutiert werden im Arbeitskreis der Anschluss von Altarmen der Elbe, das Anlegen von Flutrinnen, das Abgraben von Sedimenten ebenso wie Deicherhöhungen und Rückdeichungen. Wie effektiv welche Maßnahme ist, lässt sich mit einem 2D-Strömungsmodell der Elbe berechnen, das erst im Januar 2014 in Bleckede vorgestellt worden ist.

Doch bis der Plan steht, wird noch viel Wasser die Elbe hinunterfließen. Und bis die ersten Genehmigungsverfahren abgeschlossen sind, werden vermutlich noch zwei Jahre vergehen. „Der Rückschnitt der Verbuschung ist die einzige Maßnahme, die sich sofort umsetzen lässt“, erklärte Ausschussmitglied Norbert Thiemann (CDU), der zugleich Geschäftsführer des Artlenburger Deichverbandes ist und als solcher im Arbeitskreis Elbe mitarbeitet. Grünes Licht für diese vorgezogenen Maßnahmen hatten sich das Land und die Beteiligten bereits im April 2014 in Brüssel geholt. Laut Fachbereichsleiter Wolfram Kallweit sind im Landkreis Lüneburg seit Oktober 2014 alle Rückschnittmaßnahmen umgesetzt worden. Freigeschnitten wurden vor allem Engpässe wie bei Barförde. Dort ist der Elbequerschnitt nur 450 Meter breit, für einen geregelten Hochwasserabfluss fordern Experten jedoch minimal 600 Meter. Weiden-Auwälder wie in den Buhnenfeldern bei Barförde hemmen den Abfluss zusätzlich.

Doch obwohl die EU-Verantwortlichen mit ihrer Entscheidung klar gemacht haben, dass Menschenschutz an der Elbe vor Naturschutz geht, brach zuletzt der alte Streit um den Rückschnitt der Verbuschung wieder auf. Dem Naturschutzverband BUND sind die Maßnahmen nicht effektiv genug, deshalb forderte er, den Rückschnitt zu stoppen, schickte einen Protestbrief nach Brüssel. Tatsächlich werden die Rückschnittmaßnahmen die Wasserstände im Falle eines weiteren Hochwassers nur um wenige Zentimeter senken. Das räumt auch das Ministerium des Grünen Landesumweltministers Stefan Wenzel ein, der zu Gast bei der Konferenzwoche der Leuphana Universität war.

Doch ebenso wie die Deichverbände argumentiert das Umweltministerium: Jeder Zentimeter kann entscheidend sein. Zudem wirke sich der Rückschnitt auch positiv auf die Vorbeugung vor winterlichem Eisstau aus, „da sich in den zuvor existierenden komplexen Gehölzstrukturen im Winter Treibeis leicht verfangen und einen beträchtlichen Wasseranstieg verursachen kann“, heißt es aus Hannover. Wenzels Sprecher Rudi Zimmeck kündigt an: „Der abschließende Bericht der Bundesanstalt für Gewässerkunde wird voraussichtlich im April fertig gestellt und soll dann auch in geeigneter Form der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.“

Der Rückschnitt ist aber auch ein Signal an die Anrainer: Es tut sich was beim Hochwasserschutz. Denn ein anderes Signal gibt es derzeit nicht.

Geklärt werden muss auch noch, wie das Deichvorland in kritischen Bereichen künftig von Bewuchs freigehalten werden soll. Gesucht wird ein Auenmanagement, das finanzierbar ist. Erst am Mittwoch Morgen sind die Mitglieder des Beirats des Biosphärenreservats Niedersächsische Elbtalaue zu einer Reise in die niederländische Provinz Gelderland aufgebrochen. Auf dem Programm steht bis Freitag der Fachaustausch mit der Niederländischen Forst- und Naturschutzverwaltung zum Flussauenmanagement.

Auch in diesem Fall wird es dauern, bis konkrete Ergebnisse vorliegen. Und so werden mit Heuer viele Elbanrainer hoffen müssen: auf die Geduld der Elbe.