Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Ein Mammutprojekt ist der verbesserte Hochwasserschutz an der Waal bei Nimwegen: Für rund 360 Millionen Euro werden Deiche zurückverlegt und neu gebaut, eine drei Kilometer lange Flutrinne geschaffen und Brücken neu errichtet. Foto: nh
Ein Mammutprojekt ist der verbesserte Hochwasserschutz an der Waal bei Nimwegen: Für rund 360 Millionen Euro werden Deiche zurückverlegt und neu gebaut, eine drei Kilometer lange Flutrinne geschaffen und Brücken neu errichtet. Foto: nh

„Raum für die Flüsse“: So funktioniert Hochwasserschutz in den Niederlanden

ml Lüneburg. Wie können kommende Hochwasser der Elbe künftig besser abfließen? Antworten auf diese Frage werden schon seit Monaten im Arbeitskreis Elbe diskutiert, in der öffentlichen Wahrnehmung oft jedoch auf den Rückschnitt der Verbuschung im Deichvorland reduziert. Deutlich weiter sind dagegen die deutschen Nachbarn in den Niederlanden. Dort ist bereits 2007 das Programm „Raum für die Flüsse“ angelaufen. Ein Besuch in der Region Gelderland mit den Flüssen Rhein, Waal und Ijssel hat jetzt manchem Mitglied des Beirats des Biosphärenreservats „Niedersächsische Elbtalaue“ bei einem dreitägigen Besuch „die Augen geöffnet“.

Grafik 1 zeigt die Ausgangslage an der Waal in Nimwegen. In drei Schritten wird der Hochwasserschutz umgesetzt: Zunächst wird der Deich zurückverlegt (2), dann die Flutrinne geschaffen (3). Abschließend werden die Inseln und Uferbereiche entlang der Flutrinne gestaltet. Grafik: nh
Grafik 1 zeigt die Ausgangslage an der Waal in Nimwegen. In drei Schritten wird der Hochwasserschutz umgesetzt: Zunächst wird der Deich zurückverlegt (2), dann die Flutrinne geschaffen (3). Abschließend werden die Inseln und Uferbereiche entlang der Flutrinne gestaltet. Grafik: nh

Flutrinnen, Abgrabungen im Vorland, Anbindung von Altarmen, Deichrückverlegungen und -neubauten: Alles was im Nordosten Niedersachsens noch diskutiert und am Computer gerechnet wird, setzen die Niederländer bereits um. „Es war beindruckend zu sehen, was alles möglich ist, und dass es tatsächlich geht“, sagt der Leiter der Biosphärenreservatsverwaltung in Hitzacker, Dr. Johannes Prüter. Und er nimmt noch eine weitere Erkenntnis mit: „Es lohnt sich darüber nachzudenken, was aus den Maßnahmen auch für die Natur erwachsen kann.“ Denn Ausgleichsmaßnahmen gehören ebenso zu dem Programm „Raum für die Flüsse“ wie Deichbauten und Flutrinnen.

Ein Mitarbeiter der Forst- und Naturschutzverwaltung erklärt den Mitgliedern des Biosphärenbeirates die geplanten Maßnahmen (v.l.):  Dr. Johannes Prüter, Jürgen Meyer, Wolf Winkelmann und Jens Böther. Foto: nh
Ein Mitarbeiter der Forst- und Naturschutzverwaltung erklärt den Mitgliedern des Biosphärenbeirates die geplanten Maßnahmen (v.l.): Dr. Johannes Prüter, Jürgen Meyer, Wolf Winkelmann und Jens Böther. Foto: nh

Beispielhaft ist für Bleckedes Bürgermeister Jens Böther, mit welcher Konsequenz die Nachbarn den Hochwasserschutz verbessern. „Die Niederländer haben die Lage analysiert, die Schlussfolgerungen daraus gezogen und, versehen mit einer realistischen Zeitschiene, die erforderlichen Mittel bereitgestellt.“ Allein an der Höhe der Investitionen lassen sich die Dimensionen des Programms „Raum für die Flüsse“ ablesen: Rund 2,3 Milliarden Euro fließen in gut 30 Projekte. Zum Vergleich: Der im Nationalen Hochwasserschutzplan ermittelte Bedarf für den Hochwasserschutz in ganz Deutschland liegt bei 5,4 Milliarden Euro. Für die untere Mittelelbe sind Maßnahmen mit einem Volumen von 54 Millionen Euro bis 2027 vorgesehen.

Dagegen verschlingt allein das Hochwasserschutzpaket an der Waal bei Nimwegen 360 Millionen Euro. Deiche werden zurück-, eine rund drei Kilometer lange und 150 bis 200 Meter breite Flutrinne angelegt, Brücken neu gebaut, Naturschutzflächen geschaffen und eine Hochwasserpromenade errichtet. Der Zufluss zur Flutrinne ist besonders gesichert. Bei Niedrigwasser fließen nur 1,5 Prozent des Wassers der Waal hindurch, bei Hochwasser wird eine Barriere überspült, wächst der Durchfluss auf 30 Prozent.

„Allerdings haben wir an der Waal ganz andere Dimensionen als an der Elbe“, schränken Böther und Prüter ein. Lag die Abflussmenge der Elbe beim jüngsten Extremhochwasser der Elbe im Sommer 2013 im Raum Lüneburg bei etwas mehr als 4000 Kubikmeter pro Sekunde, sind es bei Nimwegen in der Spitze bis zu 16000 Kubikmeter pro Sekunde. Im Gedächtnis geblieben ist Böther aber noch eine Zahl: „Der Wasserstand bei Nimwegen wird insgesamt um 34 Zentimeter gesenkt. Umgerechnet auf die Investitionen heißt das: Jeder Zentimeter weniger kostet rund zehn Millionen Euro.“ Eine Rechnung, die laut Bleckedes Verwaltungschef auch bei anderen Projekten in den Niederlanden aufgeht.

Bei dem Programm „Raum für die Flüsse“ entstehen auch großflächige Auenlandschaften. Wie das Miteinander von Mensch und Natur gestaltet werden kann, wollen die Niederländer in der Elbtalaue erfahren. Foto. nh
Bei dem Programm „Raum für die Flüsse“ entstehen auch großflächige Auenlandschaften. Wie das Miteinander von Mensch und Natur gestaltet werden kann, wollen die Niederländer in der Elbtalaue erfahren. Foto. nh

Lernen wollen jedoch auch die Niederländer etwas von den Deutschen. Deshalb wird eine Abordnung aus dem Nachbarland in der zweiten Jahreshälfte in den Kreisen Lüneburg und Lüchow-Dannenberg erwartet. „In den Niederlanden wird derzeit die Frage geprüft, ob die Einrichtung von Biosphärenreservaten angestrebt werden soll“, berichtet Prüter. Vorgesehen ist, für die großräumigen Auen-Ökosysteme in dem Nachbarland einen deutlich erweiterten rechtlichen Rahmen für Erhalt und Entwicklung zu schaffen. Deshalb ist noch für dieses Jahr ein Kooperationvertrag zwischen der Biosphärenreservatsverwaltung und Staatsbosbeheer, der Niederländischen Forst- und Naturschutzverwaltung, geplant. Bis Ende 2015 will der Arbeitskreis Elbe seine Vorschläge zum Hochwasserschutz vorstellen.