Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Wenn die Dunkelheit hereinbricht, müssen die DRK-Rettungsassistenten Jörg Schrader (hinten) und Christian Köhler ihren  Einsatzort oft selbst ausleuchten, weil viele Hausnummern sonst verborgen bleiben. Foto: t&w
Wenn die Dunkelheit hereinbricht, müssen die DRK-Rettungsassistenten Jörg Schrader (hinten) und Christian Köhler ihren Einsatzort oft selbst ausleuchten, weil viele Hausnummern sonst verborgen bleiben. Foto: t&w

Finstere Einsätze: Wenn der Rettungsdienst erst Hausnummern sucht

mm Lüneburg. Nach einem abgesetzten Notruf bleibt dem Rettungsdienst wenig Zeit, um den Einsatzort zu erreichen. Ein Countdown von 15 Minuten beginnt. Der Wettlauf gegen die Zeit kann über Leben und Tod entscheiden. Und die Chance aufs Überleben etwa nach einem Herzinfarkt sinkt, wenn Sanitäter am Einsatzort im Dunklen tappen, weil Hausnummern nicht sichtbar oder unbeleuchtet sind. Ein Problem, mit dem Lebensretter in Lüneburg immer wieder zu kämpfen haben. Und das nicht nur nachts.

Die Frau mit Lungenkrebs bekommt keine Luft mehr. Sie wählt die 112. Schon ist der Rettungswagen auf dem Weg. Am Einsatzort angekommen, stehen die Retter vom DRK jedoch orientierungslos vor einem Mehrfamilienhaus mit mehreren Eingängen. Wo müssen sie hin? Unter einer hohen Tanne, sind kleine schwarze Hausnummern an einem Pfeiler angebracht. Es dauert, bis sie von den Rettern entdeckt werden. Dann beginnt der Marsch zum richtigen Hauseingang, jeder ist unbeleuchtet, die Hausnummern sind auf den ersten Blick nicht zu erkennen. „Wir haben uns hier halb tot gesucht“, erinnert sich Rettungsassistent Christian Köhler. Jetzt steht er zusammen mit Jörg Schrader, dem Leiter der Lüneburger Rettungswache, am gleichen Ort. Immer noch liegen die Eingänge im Dunklen, sind die Hausnummern nicht leicht zu finden. So wie an vielen Stellen im Stadtgebiet.

„Die Suche versetzt ein Rettungsteam in zusätzlichen Stress“, sagt Jörg Schrader. Zwar hätten er und seine Retter Patienten in lebensbedrohlichen Situationen immer noch rechtzeitig erreicht, dabei oft aber schon Schweißausbrüche erlitten. Dann nämlich, wenn sie wieder einmal nach der richtigen Hausnummer suchen müssen. Etwa weil Häuser zu weit von der Straße entfernt liegen und am Grundstückseingang die Nummer fehlt. Oder weil diese durch Büsche, Hecken oder Bäume verdeckt wird. Häufig hebt sie sich auch nicht auffällig genug von ihrem Untergrund ab. Viele Hausnummern sind unbeleuchtet, wenn die Dunkelheit einsetzt. Besonders mühselig gestaltet sich die Suche nach dem richtigen Hauseingang auch, wenn dieser nicht an der Straßenseite des Gebäudes liegt. Dann sollte das Nummernschild an der dem Eingang nächstgelegenen, zur Straße gewandten Gebäudeecke angebracht werden. Doch diese Vorschrift wird von Hauseigentümern oft nicht beachtet. Zum Ärger für Jörg Schrader und seinen Kollegen. Bei einer Fahrt mit dem Rettungswagen durch die Problemzonen zeigt er Beispiele. Wie Mehrfamilienhäuser am Kreideberg. Durch enge Zufahrten zwängt sich der Rettungswagen, bis die rückwärtige Gebäudeseite erreicht ist, dort erst kann Jörg Schrader nach der richtigen Hausnummer Ausschau halten.

Auf ähnliche Probleme treffen auch die Retter vom ASB. „Grundsätzlich ist es ein Problem, dass Hausnummern zwar angebracht, von der Straße aus aber nicht sichtbar sind“, sagt Frank Maruhn, Rettungsdienstleiter beim ASB. Es sei zudem wünschenswert, dass Hausnummern ausreichend beleuchtet seien. Er schlägt vor, eine Regel einzuführen, wonach Hausnummern an einheitlichen Stellen positioniert werden sollten.

Regeln für Hauseigentümer, dass und wie Nummern ausgeschildert sein müssen, gibt es, festgeschrieben im Ortsrecht der Stadt Lüneburg. Bei der Kontrolle, ob Hauseigentümer diese auch beachten, hapert es jedoch: „Die Stadt hat nicht die personellen Möglichkeiten und auch nicht den Anspruch, die Regeleinhaltung flächendeckend zu kontrollieren“, sagt Stadtpressesprecherin Suzanne Moenck. Dabei könnten Hauseigentümer, die sich nicht um sichtbare Nummern scheren, sogar zur Kasse gebeten werden. „Es wäre möglich, Bußgelder bis zu einer vierstelligen Höhe zu verhängen.“ Fälle aus der Vergangenheit seien der Stadt allerdings nicht bekannt. Gäbe es Hinweise von Einsatzkräften, würde „der Sache aber nachgegangen“.

Das Problem der lahmenden Suche nach der richtigen Hausnummer ist dabei nicht neu. Wohl auch Postboten und Pizza­auslieferer können ein Liedchen davon singen. Und eben die Lebensretter, deren Einsätze dadurch Tag und Nacht erschwert werden.