Donnerstag , 8. Dezember 2016
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In der Wohnung von Nicole Schölzke sind die Leitungen tot, ihr wurde wegen offener Rechnungen vom Energieunternehmen der Strom abgedreht. Foto: be
In der Wohnung von Nicole Schölzke sind die Leitungen tot, ihr wurde wegen offener Rechnungen vom Energieunternehmen der Strom abgedreht. Foto: be

Gekappte Leitung: Nicht genug Geld für den Strom

mm Adendorf. Als Nicole Schölzke am Mittag von der Arbeit nach Hause kommt, erlebt sie eine böse Überraschung. Die Zeitanzeige an der Mikrowelle ist erloschen. Der Adendorferin schwant Böses, und die Gewissheit folgt augenblicklich. Das Licht funktioniert nicht, warmes Wasser gibt es nicht. Der Strom ist abgeschaltet.

Es hatte Mahnungen gegeben, Sperrankündigungen folgten. Denn der Alleinerziehenden von zwei Kindern sind Schulden für nicht bezahlte Rechnungen bei der E.on Avacon über den Kopf gewachsen. Jetzt ist dem Energieversorger der Geduldsfaden gerissen. „Ich hätte nur noch heulen können“, sagt die 32-Jährige. Bei der LZ setzt sie einen Hilferuf ab.

Den ersten Brandbrief von E.on Avacon erhält Nicole Schölzke im November 2014. Sie soll über 600 Euro nachzahlen. Die Adendorferin hat das Geld nicht. Sie arbeitet in Teilzeit, zu ihrem monatlichen Gehalt bekommt sie als Aufstockerin einen Zuschuss von der Arbeitsagentur. Das reiche gerade zum Leben. Die junge Frau muss nicht nur sich, sondern auch eine 13-jährige Tochter und einen sechsjährigen Sohn versorgen. Um der Zahlungsaufforderung nachzukommen, habe sie sich an die Arbeitsagentur gewandt, zwei Anträge auf Vorschuss des monatlichen Bezugsgeldes gestellt, die aber seien unbeantwortet geblieben.

Im Februar wird ein E.on-Vertreter an der Wohnungstür vorstellig, will den Strom abstellen. Nicole Schölzke verwehrt ihm den Zutritt. Das Mahnverfahren aber kann sie nicht mehr stoppen. Vor einigen Tagen erreicht sie ein neuerliches, unerfreuliches Schreiben: Die Stromversorgung soll am 11. März eingestellt werden. Nach Angaben von E.on betrage der Schuldenstand mittlerweile 792 Euro.

Rettungsversuche. Nicole Schölzke sucht erneut die Arbeitsagentur auf. Ein Schreiben an den Energieversorger wird aufgesetzt. Die Beraterin notiert darin, der Antrag auf Zuschuss sei in Bearbeitung, Frau Schölzke sei bei ihr gewesen. Handschriftlich fügt die Schuldnerin die Bitte hinzu, den Einstellungstermin fallen zu lassen.

Ohne Erfolg. „Es ist richtig, dass uns Frau Schölzke zur Vermeidung der Sperrung im März 2015 ihren Antrag zur Kostenübernahme an die Arge vorgelegt hat. Dieser Schritt kam für uns jedoch zu spät, sodass der reine Antrag nicht mehr ausreichte, damit wir die Sperrung aufhalten“, erklärt E.on-Sprecherin Verena Huber auf LZ-Nachfrage. Die Sperrung des Anschlusses sei für das Unternehmen letzte Konsequenz eines langen Mahnverfahrens.

Denn seit Vertragsbeginn Ende März 2013 habe es zahlreiche Mahnungen und auch mehrere Sperrankündigungen gegeben. Schon einmal wurde der Anschluss gekappt. Verena Huber betont: „Sobald uns Kunden einen Hinweis geben, dass sie aufgrund finanzieller Notlagen ihre Strom- oder Gasrechnung nicht begleichen können, versuchen wir immer, eine gemeinsame Lösung zu finden.“

Sie habe den Kontakt zum Stromanbieter gehalten, beteuert Nicole Schölzke. Eine Erklärung, warum sich „alles derart aufgebauscht hat, habe ich nicht“. Nach der Sperrung ist sie zu einem zweiten „Nottermin“ bei der Arbeitsagentur. Der Schuldenstand gegenüber E.on wird gemessen. Geprüft wird, woher die Verbindlichkeiten stammen, ob etwa Abschläge oder die Endabrechnung nicht gezahlt wurden. „Im Regelfall kommt es zur Gewährung eines Darlehens, außer es gibt häufige Zahlungsrückstände, dann muss der Einzelfall genauer geprüft werden“, erklärt Freia Srugis, Bereichsleiterin Leistungsgewährung. Für Nicole Schölzke hat sie eine positive Botschaft, äußert gegenüber der LZ: „Der Fall ist gelöst.“

Das bedeutet: Ein Darlehen wird gewährt. Der Strom könnte wieder fließen. Positive Signale auch von E.on: „Wir haben die Bestätigung des Jobcenters erhalten, dass der offene Betrag für Frau Schölzke übernommen wird. Die Entsperrung haben wir sofort beim Netzbetreiber beauftragt“, schreibt Verena Huber an die LZ. Aufatmen in Adendorf. Nicole Schölzke hofft, nun mit ihren Kindern zum normalen Alltag zurückkehren zu können mit Licht und warmem Wasser.

Anschlusssperrung als letztes Mittel

Zur möglichen Sperrung des Anschlusses erklärt E.on-Sprecherin Verena Huber: „Wenn ein Kunde seiner Zahlungsverpflichtung nicht nachkommt, kann der Grundversorger/Lieferant diesen Zahlungsverzug anmahnen. Falls der Kunde weiterhin nicht zahlt, berechtigt Paragraf 19 Absatz 2 der Stromgrundversorgungsverordnung (StromGVV) unter bestimmten Voraussetzungen dazu, die Energielieferung zu unterbrechen: Diese Unterbrechung muss man mindestens vier Wochen vorher ‚androhen‘ und dann drei Werktage im Voraus noch einmal ankündigen. Daraus leitet sich ab, dass Energieversorgungsunternehmen mindestens zweimal vor einer Sperrung anmahnen müssen. Wir kontaktieren unsere Kunden mindestens dreimal und bitten sie in allen Schreiben darum, sich bei unserem Kundenservice zu melden, um die Angelegenheit gemeinsam klären zu können. Zusätzlich gilt für eine Sperrung die Voraussetzung, dass die Forderung mindestens 100 Euro betragen muss – auch das ist in Paragraf 19 Absatz 2 StromGVV festgehalten. Ebenso ist die Wiederherstellung der Energieversorgung in Paragraf 19 StromGVV geregelt. Sobald der Kunde die Forderung ausgleicht (inklusive der Kosten für Sperrung und Wiederinbetriebnahme), ist das Unternehmen verpflichtet, die Belieferung wieder aufzunehmen.“