Aktuell
Home | Lokales | Kliniken nachts unterbesetzt?
Auf normalen Stationen im Städtischen Klinikum Lüneburg kommen nachts auf eine Pflegekraft durchschnittlich 17,5 Patienten. Foto: t&w
Auf normalen Stationen im Städtischen Klinikum Lüneburg kommen nachts auf eine Pflegekraft durchschnittlich 17,5 Patienten. Foto: t&w

Kliniken nachts unterbesetzt?

chm Lüneburg. Nachts sind deutsche Krankenhäuser personell teilweise gefährlich unterbesetzt. Zu diesem Ergebnis kommt die Gewerkschaft ver.di nach einer bundesweiten Stichprobe in 225 Krankenhäusern. Danach müsse in mehr als der Hälfte aller Kliniken (55 Prozent) eine Pflegekraft nachts allein 25 Patienten betreuen. Das sei eine zu große Last. Auch im ver.di-Bezirk Lüneburger Heide hätten sich Pflegekräfte am Nachtdienstcheck beteiligt.

Im Klinikum Lüneburg sei das Verhältnis besser, berichtet Geschäftsführer Dr. Michael Moormann auf LZ-Nachfrage. Dort kämen auf normalen Stationen auf eine Pflegekraft durchschnittlich 17,5 Patienten. Darüber hinaus gebe es eine stationsübergreifende Pflege sowie zwei Hauptnachtwachen, die „immer dort aushelfen, wo gerade Hilfe benötigt wird“, verdeutlicht der Klinik-Chef. ­Der Ver.di-Sekretär Lars Stubbe vom Bezirk Lüneburger Heide bezweifelt jedoch, dass diese Angaben uneingeschränkt gelten: „Ob die Pflegekräfte de facto da sind, wissen wir nicht.“ Auch wenn die Werte rechnerisch stimmten, berücksichtigten sie seiner Erfahrung nach keine Urlaube und Ausfälle. Michael Kossel, Pflegedirektor des Klinikums, versichert hingegen: „Die Betreuung der Patienten in unserem Haus ist auch während der Nacht ausreichend und hochwertig sichergestellt.“

Mit dem Nachtdienstcheck habe ver.di die reale Personallage bestimmen wollen. Es entlarve das Pflegeförderprogramm der Bundesregierung als Symbolpolitik. Das Programm sehe vor, ab 2016 Kliniken im ganzen Land schrittweise zu reformieren. Eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe plane unter anderem, 110 Millionen Euro in die Krankenhauspflege zu investieren. Finanzieren ließe sich damit „eine Stelle pro Haus. Ein Witz“, kritisiert Stubbe. Neben mehr Geld fordert ver.di „einerseits die Wiedereinführung der Pflegepersonalregelung, andererseits die Entwicklung einer wissenschaftlich fundierten Personalbemessung“.

Die Pflegepersonalregelung wurde 1993 im Zuge des Gesundheitsstrukturgesetzes eingeführt. Mit ihr sollte errechnet werden, wie viele Pflegekräfte Krankenhäuser brauchen. Experten schätzten damals, dass bei konsequenter Anwendung in ganz Deutschland bis zu fünfmal mehr Personal als bislang benötigt würde. Die Kosten für einen solchen Stellenausbau galten als untragbar, die Regelung wurde nach drei Jahren gestrichen. Intern verwendeten sie einige Kliniken jedoch weiter. Stubbe fordert, das Berechnungsinstrument wieder einzuführen. „Bereits jetzt leiden Kliniken unter Personalmangel. Das Patientenwohl ist immer öfter ernsthaft gefährdet. Personalnot im Krankenhaus führt zu verheerenden Auswirkungen bis hin zu vermeidbaren Todesfällen.“ Stubbe weiß: „Gute Pflege kostet Geld.“

Für sein Haus sagt Michael Kossel: „In den vergangenen Jahren hat das Klinikum seine Arbeitsabläufe, auch im Nachtdienst, den veränderten Gegebenheiten angepasst. Früher übliche Routinetätigkeiten sind aus dem Nachtdienst entweder in andere Schichten und/oder an andere Berufsgruppen abgegeben worden, zum Beispiel werden die patientenspezifischen Dosierungen von Medikamenten jetzt von Pharmazeutisch-technischen Assistenten auf den Stationen vorbereitet.“ Aktuell seien am Klinikum alle pflegerischen Planstellen besetzt. „Dabei richten wir unsere Personalplanung auch am künftigen Bedarf aus, hier sind insbesondere Erweiterungen und Baumaßnahmen, aber auch statistisch zu erwartende Abgänge durch Elternzeiten und Rentengewährung berücksichtigt. Diese Quote errechnet sich aus einer angenommenen 100-prozentigen Belegung und unter Einbeziehung des Hauptnachtwachendienstes. Diese Betreuungsquote am Klinikum Lüneburg ist rein zahlenmäßig deutlich besser als die Ergebnisse der ver.di-Befragung.“ Einen weiterführenden Vergleich mit anderen Kliniken möchte er aber nicht anstellen. Aus der Befragung gingen keine weiteren Daten über bauliche, organisatorische oder strukturelle Eigenschaften der untersuchten Krankenhäuser hervor.

Aus seiner Sicht seien die Ergebnisse eine Momentaufnahme, „die keine Angaben darüber enthält, ob das jeweilige Krankenhaus an der Notfallversorgung teilnimmt, eine bettenführende Notaufnahme hat, welches Klientel auf den Stationen ist. Ob Mitarbeiter in Lüneburg weniger belastet sind als in anderen Kliniken, ist pauschal nicht zu beantworten, da in jeder Klinik andere, nicht unmittelbar vergleichbare Gegebenheiten vorliegen.“