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Die Schutzimpfung gegen Masern hat Befürworter und Gegner. Viele Eltern wissen nicht, ob sie ihre Kinder impfen lassen sollen oder nicht. Die Besucher einer Podiumsdiskussion der Familien-Bildungsstätte erhofften sich jetzt eine Entscheidungshilfe. Foto. A./t&w
Die Schutzimpfung gegen Masern hat Befürworter und Gegner. Viele Eltern wissen nicht, ob sie ihre Kinder impfen lassen sollen oder nicht. Die Besucher einer Podiumsdiskussion der Familien-Bildungsstätte erhofften sich jetzt eine Entscheidungshilfe. Foto. A./t&w

Masern-Impfung: Tückische Angriffe über die Luft

rast Lüneburg. Die Paramyxo-Viren sind tückisch: In Speicheltröpfchen verpackt bewegen sie sich durch die Luft und stecken Kinder an, die angeniest oder angehustet wurden, alleine beim feuchten Reden kommen diese Viren von einem Opfer zum anderen. Über die Schleimhaut von Mund, Nase und Rachen dringen die Erreger in den Körper ein. Besonders tückisch dabei ist es, dass ein angestecktes Kind erst als krank erkannt wird, wenn seine Haut mit roten Punkten bedeckt ist dann hat es längst andere angesteckt. Aktuell gibt es eine Masern-Welle wie schon seit Jahren nicht mehr, mehr als 22000 Menschen haben sich seit Anfang 2014 in sieben Ländern Europas angesteckt. Eltern sind besorgt und fragen sich: Soll mein Kind geimpft werden oder nicht? Mit dem Thema beschäftigte sich am Freitagabend eine Veranstaltung der Evangelischen Familien-Bildungsstätte (Fabs) im Hörsaal 4 der Leuphana Universität unter der Moderation von Fabs-Leiter Matthias Skorning. Wie sehr das Thema Eltern beschäftigt, zeigte die Teilnehmerzahl von mehr als 100 vor allem junge und werdende Mütter.

Am Podium nahmen Dr. Sebastian Graefe, Facharzt für Mikrobiologie mit Praxen in Lüneburg und Hamburg, und der Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin Josef Diers Platz. Dr. Graefe führte zunächst in die Geschichte des Impfens ein, die um 1790 herum im Zeitalter der Aufklärung begann, als sich die Pocken in Europa ausbreiteten. Geboren wurde die Impfidee durch eine „Bauernschläue“: Als in einem britischen Ort die Pocken ausbrachen, gingen Menschen aus einem Nachbarort in einen Ort, in dem die Kuhpocken herrschten, wohlwissend: Wer Kuhpocken hat, bekommt keine richtigen Pocken. Also ritzte ein Arzt den Menschen Kuhpocken unter die Haut. 1812 wurde die Pockenimpfung dann in Deutschland, im damals von den Franzosen besetzten Bayern eingeführt, Dr. Graefe: „Schon damals gab es viele Gegner der Impfungen, häufig aus religiösen Gründen.“ Noch bis in die 1970er-Jahre sei in Deutschland gegen Pocken geimpft worden.

Moderator Matthias Skorning (M.) mit Impfbefürworter Dr. Sebastian Graefe (l.) und dem Kinder- und Jugendmediziner Josef Diers, der ein dickes Fragezeichen hinter die Wirkung von Impfungen stellt. Foto: be
Moderator Matthias Skorning (M.) mit Impfbefürworter Dr. Sebastian Graefe (l.) und dem Kinder- und Jugendmediziner Josef Diers, der ein dickes Fragezeichen hinter die Wirkung von Impfungen stellt. Foto: be

Anfang der 1970er-Jahre wurden in Deutschland die Masern-Impfungen eingeführt, Dr. Graefe: „Danach sind die Sterbezahlen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts deutlich zurückgegangen.“ 1962 habe es beispielsweise noch 140 Todesfälle gegeben. Und genau hier sieht der Facharzt für Mikrobiologie das „Kardinalproblem“: „Viele denken, wenn die Erkrankung nicht mehr auftritt, brauchen wir keine Impfungen mehr. Die Menschen entscheiden intuitiv, aus dem Bauch heraus, ob sie ihre Kinder impfen lassen oder nicht. Familie, Freunde und Bekannte sind für sie einflussreicher als wissenschaftliche Erkenntnisse.“ Laut Graefe, der seine Impfsprechstunden auch im Lüneburger Gesundheitsamt anbietet, hat rund ein Viertel der Kinder in den 60er- und 70er-Jahren die Masern durchgemacht, jeder Masernkranke stecke rund 15 andere Menschen an: „Kaum eine Erkrankung ist ansteckender als Masern und Keuchhusten, weit vor Ebola. Bei Ebola werden nur zwei oder drei andere Personen angesteckt.“

Laut dem Mediziner Graefe seien zwar gesunde Ernährung und gute Hygiene wichtig als Schutz gegen Masern, allerdings belegten Zahlen, dass eine Impfung unumgänglich sei: „In Finnland etwa wird viel geimpft, dort gibt es so gut wie keine Masern.“ Das gelte auch für den südamerikanischen oder den indischen Raum: „Selbst in den Slums gibt es kaum Masern, obwohl dort von Hygiene keine Rede sein kann.“

„Ich bin nicht gegen Impfungen“, sagte der als Impfungsgegner angekündigte Mediziner Josef Diers, der auf Wunsch der Eltern natürlich Kinder impfe: „Ich will aber, dass gründlich und ehrlich untersucht wird.“ Wie Graefe sieht er, „dass viele Infektionskrankheiten ihren Schrecken verloren haben, weil die Zahlen rückläufig sind, was auch auf bessere Umweltbedingungen und gesündere Ernährung zurückzuführen ist“. Josef Diers fordert allerdings: „Jede Mutter, jeder Vater, die oder der sich für oder gegen eine Imfung entscheidet, braucht ein Mindestmaß an Informationen.“ Und er zitierte Goethe: „Mit dem Wissen wächst der Zweifel.“ Seine Kritik richtete sich an den Einfluss der Pharmaindustrie auf die Mediziner: „Jeder niedergelassene Arzt hatte durchschnittlich eine Stunde am Tag Kontakt zu einem Pharmareferenten.“ Und in medizinischen Zeitschriften, die zu 80 Prozent anzeigenfinanziert seien, würden Anzeigen als wissenschaftliche Beiträge ausgegeben.

Josef Diers ging auch auf den Fall des toten Kindes aus Berlin ein: „Wir wissen nicht, ob es geimpft war.“ Und auch nicht, ob es eine schwere Grundkrankheit gehabt habe: „Wenn jemand mit einer schweren Grundkrankheit nach einer Impfung stirbt, dann ist er bestimmt nicht durch die Impfung gestorben.“ Hier richtete er seine Kritik auch gegen Studien: „Für sie werden nur gesunde Kinder genommen, dadurch entsteht ein schiefes Bild. Was passiert, wenn kranke Kinder geimpft werden?“ Das Immunsystem des Menschen sei ein sehr komplexes und daher gebe es in Sachen von Impfungen und den Folgen noch vieles zu erforschen.