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Polizisten sichern für die Prozess um eine kurdische Familienfehde den Nebeneingang des Landgerichts. Foto: phs
Polizisten sichern für die Prozess um eine kurdische Familienfehde den Nebeneingang des Landgerichts. Foto: phs

Kraftraubende Marktplatzwache: personelle Konsequenzen angekündigt

ca Lüneburg. Ein Prozess um die russische Mafia, einer um die Schießerei am Klinikum, und demnächst startet ein Verfahren um Nazi-Verbrechen nicht nur reichlich Arbeit für die Justiz, sondern auch für die Polizei. Sie muss pro Prozess­tag 20 bis 25 Beamte stellen. Das hat Folgen: Polizeichef Hans-Jürgen Felgentreu kündigt an, dass die Polizei nicht mehr so intensiv wie bislang zu Verkehrskontrollen ausrücken kann. Schon im vergangenen Jahr habe es Einschränkungen gegeben. Nach der Schießerei am Klinikum im September hatte die Polizei drei Wochen lang rund um die Uhr Beamte vor den Häusern zweier verfeindeter kurdisch-stämmiger Familien postiert. Damals seien Drogen- und Alkoholkontrollen heruntergefahren worden.

Bei Lünebuch-Chef Jan Orthey kaufen sich manche Beamte ein Buch, um sich lesend die Zeit zu verkürzen. Foto: ca
Bei Lünebuch-Chef Jan Orthey kaufen sich manche Beamte ein Buch, um sich lesend die Zeit zu verkürzen. Foto: ca

Felgentreu betont auch, dass sich niemand Sorgen machen müsse: Die Polizei könne selbstverständlich reagieren, auch den Verkehr und mögliche Verstöße habe man weiter im Blick. Aber die sogenannte Verfügungseinheit, quasi die Truppe, die neben dem Streifenbetrieb Dienst schiebt, flexibel eingesetzt wird und für Verkehrsüberwachung mit zuständig ist, sei durch insgesamt rund 200 Prozesstage und Abschiebungen von abgelehnten Asylbewerbern und Flüchtlingen gefordert.

80 Männer und Frauen arbeiten im Schichtdienst auf der Wache. Pro Verhandlungstag muss die Lüneburger Polizei zwischen sieben und zehn eigene Beamte abstellen, dazu kommen Kollegen der Bereitschaftspolizei sowie Unterstützung von anderen Dienststellen. Felgentreu sagt: „Es ist eine Mischkalkulation, die wir betreiben und filigran abstimmen. Der Bürger wird das kaum merken.“

Heiko Eggers von Teletops hätte sich gewünscht, dass Gericht und Stadt Anlieger über die Prozesstage informieren. Foto: ca
Heiko Eggers von Teletops hätte sich gewünscht, dass Gericht und Stadt Anlieger über die Prozesstage informieren. Foto: ca

Zu sehen ist die starke Präsenz der Polizei derzeit mehrmals die Woche am Markt: Am Landgericht stehen Schutzmänner mit Maschinenpistolen in den Händen. Manchen verunsichert das.

Heiko Eggers, der an der Bardowicker Straße ein Geschäft für Telekommunikation betreibt, sagt: „Wir haben weniger Kunden, mancher kommt gar nicht erst, weil er sich Sorgen macht. Auch darf niemand parken, wenn er morgens schnell etwas rausholen will.“ Das sei zwar generell kaum erlaubt, aber für ein kurzes Be- und Entladen gebe es sonst keine Probleme. Und auch Lieferanten hätten Schwierigkeiten: Die könnten keinen schnellen Stopp einlegen, sondern würden verscheucht. Ihn stört, dass weder Stadt noch Gericht es für nötig hielten, die Anlieger über die Prozesstage zu informieren.

Markt-Café-Betreiber Fritz Bohnhorst klagt: „Verunsicherte Kunden bleiben weg. Und das soll noch Monate so gehen.“ Foto: ca
Markt-Café-Betreiber Fritz Bohnhorst klagt: „Verunsicherte Kunden bleiben weg. Und das soll noch Monate so gehen.“ Foto: ca

Bei Lünebuch spürt Chef Jan Orthey kaum Auswirkungen. Allerdings hätte mancher Fragen, warum denn die Polizei so massiv vertreten sei. „Das ist ja ein ungewohnter Anblick, da erkundigen die Leute sich.“ Mitarbeiter geben dann Bescheid. Orthey nimmt die Situation mit Humor: „Wir haben den sichersten Arbeitsplatz der Stadt.“

Fritz Bohnhorst fühlt sich in seinem Markt-Café ein wenig einsamer als sonst: „Ältere Leute gucken auf die Maschinenpistolen der Polizisten und sagen: ,Man weiß ja nie. Die bleiben weg.“ Nicht bei jedem habe seine Erklärung Erfolg, dass die Polizei die Bürger ja schütze.

Doch vielleicht normalisiere sich die Lage denn Prozesse rund um die russische Mafia und die Familienfehde dauern noch Monate. Das NS-Verfahren soll wegen der vielen Teilnehmer in der Ritterakademie laufen.