Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Hunderte Erzieher und Sozialarbeiter demonstrieren auf dem Sand für bessere Arbeitsbedingungen und mehr Einkommen. Foto: be
Hunderte Erzieher und Sozialarbeiter demonstrieren auf dem Sand für bessere Arbeitsbedingungen und mehr Einkommen. Foto: be

Kita-Streik: Zehn Prozent mehr sollens sein +++ plus LZplay-Video

ca Lüneburg. Die Erwartungen von Eltern und Gesellschaft würden immer größer, doch personell seien Kindergärten dafür nicht ausreichend ausgestattet, rief Lydia Kallnischkies gestern mehr als 400 Demons­tranten auf dem Sand zu. Die Erzieherin ist mit ihren Kollegen der Meinung: „Wir sind mehr wert!“ Nahezu alle städtischen Kitas bis auf die an der Dahlenburger Landstraße blieben geschlossen, dazu Einrichtungen in Adendorf, Hohnstorf, Bardowick und Amelinghausen sowie Kindergärten in Nachbarkreisen. Auch in Sozialbehörden ruhte die Arbeit. Die Gewerkschaft hatte Beschäftigte in Erziehungs- und Sozialberufen zum Warnstreik aufgerufen. Die Parole, die sich auf Anerkennung und mehr Einkommen bezieht: „Aufwerten jetzt!“

Zwei Erzieherinnen für 25 Kinder, das sei eine massive Belastung für die Mitarbeiter. Neben Alltäglichem wie Händewaschen, Hilfe beim Schuhezubinden und dem Gang zum Klo kämen Elterngespräche dazu. Obendrein müsse die Arbeit dokumentiert werden. Das sei in der Vorbereitungszeit von 7,5 Stunden pro Gruppe, in der es eben auch um das Entwickeln pädagogischer Angebote gehe, kaum zu schaffen. Nach vier Jahren Ausbildung, für die ein Schulgeld fällig sei, werde man zu schlecht bezahlt.

Wenn man wie sie den Träger wechsle, sagte eine 27-Jährige zur LZ, falle der Kollege bei der Eingliederung der Bezahlung wieder in die Anfängergruppe zurück. Den Beruf habe sie aus Liebe zu Kindern und mit dem Wunsch, etwas in der Gesellschaft zu ändern, ergriffen. Aber wenn sie auf das Einkommen schaue, würde sie das heute nicht wieder tun.

Ihr Kollege Lennard Weiß, seit einem Jahr im Job, moniert, dass er bei Krankheitsfällen mit Vertretungen zusammenarbeiten müsse, welche die Kinder kaum kennen. Eine Aufstockung sei sinnvoll, damit Erzieherinnen besseren Kontakt in die Gruppen haben. Und wie seine Mitstreiter ist auch er der Meinung, die ver.di vorgibt: Erzieher sollen besser eingruppiert werden.

Das würde im Durchschnitt ein Gehaltsplus von zehn Prozent bedeuten, sagte der für Gemeinden zuständige ver.di-Landesfachbereichsleiter Martin Peter: „Beschäftigte leisten Großes, dafür müssen sie besser bezahlt werden.“ Daher solle es bessere Einstufungen und damit einen Lohnzuwachs geben. Schon heute sei es schwierig für Gemeinden, Nachwuchskräfte zu finden. Zumal diese ihre Ausbildung, die je nach Weg vier bis fünf Jahre dauert, selber zahlen müssten. Martin Peter rief kämpferisch: „Auch ein unbefristeter Streik ist möglich! Wir stehen am Anfang einer harten Tarifrunde und brauchen einen langen Atem.“

Massive Kritik richtete ver.di gegen Oberbürgermeister Ulrich Mädge, der bei den Tarifverhandlungen für die kommunalen Arbeitgeber mit am Tisch sitzt. Der OB hatte die Forderungen als überhöht zurückgewiesen. Die Gewerkschaft moniert, Arbeitgeber hätten kein Angebot vorgelegt. Bis zur nächsten Zusammenkunft am kommenden Montag im westfälischen Münster müsse Bewegung in die Sache kommen.

Zwei Väter griffen zum Mikrofon und erklärten sich mit den Erzieherinnen solidarisch. David Amri sagte in Richtung Mädge, der Streik werde nicht auf dem Rücken von Eltern und Kindern ausgetragen, denn die hätten großes Interesse, dass das Personal unter guten Bedingungen arbeite und nicht in einer „Aufbewahrungsanstalt“.

Jakob Vicari hält Mitarbeiter angesichts der Verantwortung für nicht ausreichend bezahlt. Auf die Frage, ob Eltern denn bereit seien, höhere Gebühren zu trage, antwortete er: „Ich habe hohe Ansprüche, im Zweifel muss ich mehr bezahlen.“ Allerdings frage er sich, warum in Hamburg keine Kita-Gebühren fällig seien und er aktuell für seine Tochter rund 300 Euro zahlen müsse.

Der Lüneburger ver.di-Chef Matthias Hoffmann ließ keinen Zweifel daran, dass die Gewerkschafter weiterhin streikbereit sind, wenn die Arbeitgeber ihnen nicht entgegenkommen.