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Der 33-Jährige, der die Pistolenschüsse abgab, hatte sich der Polizei gestellt. Nach seiner Vorführung beim Haftrichter wurde er am 19. September von Beamten in die Untersuchungshaft gebracht. Foto: be
Der 33-Jährige, der die Pistolenschüsse abgab, hatte sich der Polizei gestellt. Nach seiner Vorführung beim Haftrichter wurde er am 19. September von Beamten in die Untersuchungshaft gebracht. Foto: be

„Ich habe geschossen“

rast Lüneburg. „Ich fuhr Richtung Krankenhaus. Vor mir habe ich drei, vier Autos gesehen. Die Türen gingen schnell auf, mehrere Personen stiegen aus.“ So schilderte ein 33 Jahre alter Angeklagter gestern vor der 10. Großen Strafkammer am Landgericht den Beginn der Eskalation der Fehde zwischen zwei kurdisch-stämmigen Familien am 6. September 2014 vor dem Klinikum. Er habe seinen Wagen geparkt: „Ich habe meine Waffe genommen, bin über die Straße gelaufen. Ein schwarzes Auto kam aus Richtung Kreisel.“ Zwei Männer seien ausgestiegen: „Plötzlich stand ich ein oder zwei Meter vor einer Gruppe.“

Der 33-Jährige ist einer von sieben Angeklagten im Alter zwischen 26 und 34 Jahren, denen die Staatsanwaltschaft unter anderem versuchten Mord mit Blutrache als Motiv und gefährliche Körperverletzung vorwirft. Bei der Auseinandersetzung vor dem Klinikum wurden acht Angehörige der mit den Angeklagten verfeindeten Familie zum Teil schwer verletzt, drei davon durch Schüsse. Schüsse gab es nicht nur aus der Pistole, die der 33-Jährige dabei hatte, sondern auch aus einem Revolver wer den benutzte, konnte noch nicht ermittelt werden.
Der 33-Jährige schilderte die Geschichte so: Am 5. September, einen Tag vor den Schüssen, erfuhr er von einem seiner Brüder telefonisch an seinem Arbeitsplatz in Hamburg, wo er Lkw für ein Unternehmen fährt, dass es in einem Lüneburger Fitnessstudio zu einem blutigen Streit zwischen Mitgliedern beider Familien kam: „Er erzählte, dass mein Bruder A. schwer verletzt wurde und gerade operiert wird.“ Er stellte seinen Lkw ab, fuhr mit seinem VW Golf zum Städtischen Klinikum, andere Familienmitglieder seien bereits da gewesen: „Ich wartete vor der OP-Tür, nach anderthalb Stunden kam A. raus.“ Dann seien alle zum Elternhaus nach Reppenstedt gefahren, wo bereits mehrere Personen warteten.

Der 33-Jährige selbst fuhr noch am Abend zurück nach Hamburg, wo er in einer Kneipe mit einem Bekannten zusammensaß, dessen Namen er dem Gericht aber nicht verriet, dem habe er von den „gefährlichen Arabern“ erzählt: „Vor der Kneipe hat er mir dann die geladene Waffe gegeben.“ Die hatte er am nächsten Tag vor dem Klinikum dabei, obwohl er seinen Angaben nach noch nie eine Pistole in der Hand gehabt, geschweige denn mit einer geschossen habe.

Die Situation, als er auf der Straße der Gruppe gegenüber stand, schilderte er so: „Sie hatten Schlagstöcke und zwei Leute hatten Messer dabei.“ Die Männer seien auf zwei seiner Brüder losgegangen: „Ich drehte mich um, da stand plötzlich eine kleine Frau vor mir, die mir was in die Augen gesprüht hat.“ Dann sei sie auch noch mit einem Stock auf ihn losgegangen. „Ich kam in Panik.“ Er habe gesehen, wie einer aus der anderen Familie mit einem Messer auf einen Mann aus seiner Gruppe, die des 33-Jährigen, einstechen wollte: „Ich habe geschrien, die Waffe gezogen und geschossen. Der hatte sich dann schnell umgedreht um kam auf mich losgelaufen. Ich habe nochmal und nochmal geschossen. Neben mir habe ich dann einen Mann mit einer Stange gesehen, der wolte mich schlagen. Ich habe geschossen.“ Der 33-Jährige habe dann durch „einen Korridor“ in der gegnerischen Gruppe weglaufen wollen: „Ich habe noch zwei- oder dreimal geschossen. Ich konnte nichts mehr sehen, das Pfefferspray wirkte.“ Er habe aus einem Auto die Stimme eines Bruders gehört und sei eingestiegen, die Familienmitglieder trafen sich dann in Reppenstedt. Er selbst sei zurück nach Hamburg gefahren, wo sein Bekannter aus der Kneipe die Pistole in die Elbe geworfen habe.

„Ich habe geschossen, wusste aber nicht, ob ich jemanden getroffen habe“, so habe er damals gedacht. Erst Tage später habe er von den Verletzten erfahren, sei zunächst zu seinem Anwalt und mit dem dann zur Polizei gegangen.

Einem der Angeklagten wird auch vorgeworfen, er sei mit einem Wagen auf einen bereits Verletzten zugefahren, um ihn zu überfahren und seinen Tod dabei billigend in Kauf zu nehmen. Dieses Tatgeschehen nahm allerdings ein anderer Angeklagter auf sich, er beteuerte jedoch: „Die von der Staatsanwaltschaft behauptete Verabredung zur Blutrache hat es nicht gegeben.“ Er sei zwar auf den Verletzten zugefahren, aber nicht, um ihn zu überfahren. Der Verletzte sei auf den Wagen zugelaufen. Er sei auch nicht schnell gefahren.
Der Prozess wird in der kommenden Woche fortgesetzt.