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Tipp-Kick-Turnier für Kämpfer und Romantiker: Am hinteren Tisch spielt Ralf Poggensee gegen Dirk Wieland, Schiedsrichter ist Peter Kuchenbrot; vorne kontrolliert Clemens Simon den Kampf zwischen Leander Wieland (11) und Oliver Flegel. Foto: ina
Tipp-Kick-Turnier für Kämpfer und Romantiker: Am hinteren Tisch spielt Ralf Poggensee gegen Dirk Wieland, Schiedsrichter ist Peter Kuchenbrot; vorne kontrolliert Clemens Simon den Kampf zwischen Leander Wieland (11) und Oliver Flegel. Foto: ina

Tipp-Kick: Fußball-Figürchen als Magie und Droge

ina Lüneburg. Konzentrierte Stille liegt über dem Spieltisch. Die beiden Akteure beugen sich über ihre Figuren. Der Schiedsrichter fixiert kritisch das Geschehen. Es klickt, das rechte Bein eines Männchens schnellt vor. Ein Aufschrei. Tor!

Drei weitere Tische stehen im Spielzeugladen Fips, auch an ihnen wird um Siege gerungen. „Ich bin aus Braunschweig hier“, sagt Oliver Flegel. Sein Kumpel Olaf Kranz ist Lüneburger, gemeinsam haben sie eine handfeste Tipp-Kicker-Vergangenheit. Er erinnert sich: „Wir haben uns Vereine ausgedacht und unseren Spielern bezugsreiche Fantasienamen wie ,Tretmann oder ,Lupfer gegeben.“ Der Braunschweiger greift in die Tasche seiner Adidasjacke und zieht ein abgewetztes Figürchen hervor. „Das ist einer der Jungs aus den Anfangsjahren. Wir benutzen sie heute noch.“ In seinem Blick liegt Stolz und Leidenschaft. Für Außenstehende schwer nachvollziehbar. Sein Freund startet einen Erklärungsversuch: „Tipp-Kick, das ist Magie und Droge. Wer einmal angefangen hat, kommt nicht mehr davon los. Daher der Insiderspruch: Einmal Tipp-Kick, immer Tipp-Kick.“

Clemens Simon aus Veerßen kann das nur bestätigen. „Wir haben 1981 sogar einen eigenen Verein gegründet, der besteht heute noch.“ Sein Motor ist neben der Geselligkeit auch der „Basteltrieb“: „Man kann seine Spieler immer weiter optimieren, Edelstahlbeine anschrauben, verschiedene Fußformen entwickeln.“

Tatsächlich gibt es drei Standardformen: den schmalen Fuß für harte, flache Schüsse (sogenannte Bretter), den breiten für Heber und den runden bei älteren Figuren für alle Spielzüge. Jeder Spieler hat neben einer Feldfigur auch einen Torwart mit erhobenen Armen, den er zur Verteidigung seines Kastens per Knopfdruck nach rechts, links und nach vorne bewegen kann. Gespielt werden zweimal dreieinhalb Minuten. „Erstmal tritt von den 20 Spielern jeder gegen jeden an, dann reduziert sich das Feld nach und nach, bis drei erste Plätze vergeben werden.“ Spielleiter Martin Arp agiert als Profi für den TFC Grönwohld in der zweiten Bundesliga. Klar wird da auf deutlich höherem Niveau gekämpft. „Das Spiel ist schnell und technisch äußerst anspruchsvoll.“ Wen wunderts, dass dort im Kleinen dieselben Regeln wie Abschlag oder Freistoß gelten wie auf dem echten Feld. Doch auch unter Profis gibt es ein gewisses Gentlemens Agreement: „Wer den Ball versehentlich mit der Hand berührt, wird entgegen der eigentlichen Regel nicht bestraft“, so Arp. „Da drückt man gerne mal ein Auge zu.“

Bier, Kuchen und Brezeln sorgen auch im Spieleladen für eine entspannte Stimmung. Inhaber Friedrich Busch kassiert als „Versorgungsausgleich“ einen Heiermann pro Nase. Ist auch er ein versierter Spieler? „Als Kind habe ich das Spiel gehasst“, sagt er. „Aber nur, weil ich zu blöd war, die grüne Spielfläche richtig festzukleben.“ Inzwischen hat das Virus auch ihn infiziert. Doch da es sich um einen Wettbewerb handelt, kann er als Ausrichter nicht teilnehmen und hat somit auch keine Chance auf die von ihm selbst gestifteten Gewinne: Tipp-Kick-Cup-Set mit deutschem Nationalteam und Profi-Uhr (erster Platz), Samba-Tipp-Kick-Spiel plus Flutlichtanlage (zweiter Platz), Nationalteam Brasilien (dritter Platz). Abgesehen von den Preisen, ist den Spielern egal, wer gewinnt. „Hier geht es um pure Romantik“, erklärt Dirk Wieland aus Wedel. „Siege sind da nur profane Zwangsläufigkeiten.“